Sankt Nikolaus

6. Dezember 2017 | Kultur | Keine Kommentare

Was wäre das Weihnachtsfest ohne Sankt Nikolaus? Obwohl kaum noch jemand etwas über den Bischof von Myra weiß (Christen hier nicht ausgenommen), ist der Weihnachtsmann den ganzen Dezember über von einer unglaublichen Präsenz: Von wegen „Heimlichkeit in der Weihnachtszeit“, niemand entgeht ihm und seinem pelzbesetzen roten Bademantel. Diese verkischte Form des Santa Claus tauchte 1931 zuerst in einer Cola-Werbung in den USA auf, ist heutzutage nicht mehr aus dem Dezemberstraßenbild wegzudenken und kann sensiblen Gemütern mitunter das schöne Weihnachtsfest verderben. Einer Arbeitsüberlastung des Nikolaus entgegen zu wirken, kommt bei vielen Familien (mitunter auch aus Tradition) am Heilig Abend das „Christkind“, und der Nikolaus hat bereits am 6. Dez. seine Pflicht getan, wie es sich gehört.

Natürlich nicht der Nikolaus, sondern Bischof Feige, kath. Bischof von Magdeburg zuständig für Halle.

Wie es zu Komerz und Kitsch um Sankt Nikolaus kam und warum er Weihnachten den Kindern und anderen Bedürftigen Geschenke bringt, soll hier nicht Thema sein, sondern vielmehr wollen wir erläutern, wie der Heilige im Frühmittelalter seinen Siegeszug in der Welt das Abendlandes begann. Als Hauptschuldige haben wir die Byzantinerin unter den ottonischen Kaiserinnen ausgemacht: Theophanu. Vorher ist aber zu klären: Wer war Nikolaus von Myra und warum war er in der östlichen Christenheit bereits in Spätantike und Frühmittelalter so populär?

Nikolaus, unerbittlicher Eiferer und nächstenliebender Bischof

Nehmen wir die Legenden beiseite, wissen wir verhältnismäßig wenig über den Bischof von Myra. Es gibt weder von ihm, noch über ihn ein Dokument. Auch Bilder vom Nikolaus sind nicht auf uns gekommen. Erst 200 Jahre später ist ein Bericht entstanden, der uns einiges über ihn auszusagen weiß: So soll er um 270 in Patara geboren und vor 340 in Myra ( beide Orte in Lykien an der Levanteküste Kleinasiens) gestorben sein. Er erlebte die letzte große Christenverfolgung unter Diokletian mit und blieb anscheinend standhaft. Sein großes Ansehen führte zu seiner Bischofsernennung. In diesem Amt nahm er am Konzil von Nicäa teil, das Kaiser Konstantin einberufen hatte und als erstes allgemeines christliches Konzil angesehen wird. Diesem Konzil verdanken wir eine Verurteilung der abweichenden Lehre des Arius und ein allgemeines Glaubensbekenntnis. Hier soll besonders Nikolaus so unerbittlich aufgetreten sein, das sich der Kaiser gezwungen sah, zwecks Abkühlung des heißen Gemütes, Nikolaus eine Zeitlang einzukerkern. In seinem Bistum war der Kirchenfürst jedoch als nächstenliebender Christ bekannt. Dies bezeugen die Legenden, die sicherlich auf einen wahren Kern beruhen, zudem haben wir noch andere Anhaltspunkte für seine Popularität. Denn sein Ansehen wuchs auch nach seinem Tod, was besonders durch das vermehrte Auftreten des Namens Nikolaus in der Provinz Lykien nachzuweisen ist. Die nachfolgenden Bischöfe Lykiens taten dem Sankt Nikolaus Ehre an, indem sie sich regelmäßig am 6. Dez., seinem Todestag, in der Nikolauskirche in Myra zu einer Synode trafen. Die Zahl der Nikolauslegenden wuchs durch das Auftreten eines weiteren bekannten Nikolaus, der als Abt im 6 Jhd. starb, und dessen Lebensbeschreibung mittelalterliche Chronisten mit dem Leben des eigentlichen Nikolaus von Myra versponnen. Das war umso leichter, da auch Abt Nikolaus in Lykien lebte und ein besonderer Verehrer des Sankt Nikolaus gewesen war. Doch gerade die Vermischung zweier Nikoläuse hat Zweifel an der Existenz des eigentlichen Nikolaus genährt und führte dazu, dass Papst Paul VI. Sankt Nikolaus als anbetungswürdigen Heiligen aus dem römischen Generalkalender strich.

Kaiserin Theophanu

Aber auch schon im 11. Jahrhundert sah man den Nikolaus-Kult gefährdet: Damit Sankt Nikolaus nicht mit dem Untergang seines Bistums durch die Invasion der türkischen Seldschuken im 11. Jahrhundert dem Vergessen anheim fallen konnte, sorgte eine Expedition der süditalienischen und vormals byzantinischen Stadt Bari, die 1087 mit drei Handelsschiffen in Myra anlandete und kurzerhand die Gebeine des Sankt Nikolaus raubte und nach Italien mitnahm. Ich möchte hemmungslosen Reliquienraub und schamlose Grabschändung nicht entschuldigen, zudem noch angestachelt durch eine Expedition der Venezianer, die den gleichen Zweck verfolgte, aber damit kam Sankt Nikolaus auch körperlich (oder was davon noch übrig war) im Abendland an und ist seitdem daraus nicht mehr wegzudenken. Die Verehrung in der Ostkirche kam dadurch nicht zum Erliegen, sondern steigerte sich auch dort noch.

Die griechische Kaiserin

Aber zurück zur Kaiserin: Am 14. April 972 heiratete Otto II. in Rom die Byzantinerin Theophanu, somit auch eine griechische Einwanderin, und beschenkte damit die deutsche Geschichte mit einer der eindrucksvollsten Frauengestalten, sich selber gewiß mit einer schönen und intelligenten Frau. Eine Menge deutet daraufhin, dass Theophanu den Heiligen Nikolaus mit im Gepäck hatte. Denn während die Nikolauskirchen im Kath. Abendland an einer Hand abzuzählen waren, bewirkte der Einfluß der Kaiserin die Neugründung von 12 Kirchen, denen nach der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert Hunderte folgten. So berief sich Otto III., Sohn der Theophanu, bei der Stiftung eines Benediktinerklosters in Aachen ausdrücklich auf seine griechische Herkunft bei der Wahl von Sankt Nikolaus als Patron für die Abtei. Auch die Theophanutochter Mathilde stiftete zusammen mit Ihrem Mann Pfalzgraf Ezzo ein Kloster, das der Obhut des Heiligen Nikolaus anvertraut worden ist. Und die Nikolausikone in St. Johann Baptist in Aachen-Burtscheid, der Klosterkirche, die vom Ottonenkloster übrigblieb, läßt sich nicht zweifelsfrei der Zeit oder dem Besitz Theophanus zuordnen. Gewiß hat aber Theophanus mitgebrachte Nikolausverehrung dem Heiligen den Einzug ins Reich und in das übrige Abendland erheblich erleichtert. Die Überführung der Gebeine nach Bari und der Kontakt der Kreuzfahrer mit ostkirchlichen Heiligen mehr als Hundert Jahre später, steigerte die Popularität von Sankt Nikolaus weiter. Heute ist er, wie bereits gesagt, nicht mehr aus dem Abendland wegzudenken. Wenn er den roten Bademantel auszieht, muß er nicht nackt darstehen, sondern als das, was er ist: Sankt Nikolaus.

Artikel zuerst erschienen 2003 (C) Ottonenzeit, Lebendige Geschiche e.V. mit freundlicher Genehm. Quelle u.a. : Mensing, Roman: Nikolaus von Myra, Düsseldorf, 2001.

Hintergrund:

Unter dem Titel „tres culturas“ (drei Kulturen) stellt Hallespektrum in Anlehnung an die „Stadt der drei Kulturen – Toledo“ die kulturellen Wurzeln Europas vor, bestehend aus Judentum, Christentum und Islam.

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