Verdächtiges Treiben im lila Lampenlicht

13. Februar 2017 | Bild der Woche | 27 Kommentare

Bevor wir zur nächsten Wochenpflanze kommen, hier zunächst die Auflösung des letzten Rätsels:

Zu uns sprach Rubus, die Brombeere, aus der Familie der Rosengewächse (ja, Hei-Wu, du warst auf der richtigen Spur!). Ihr Porträt war etwas knifflig: Zieht jemand den richtigen Schluss der Wintergrüne, und zeigt man dazu ihre „bedornten“ Äste, ist das Rätsel schnurstracks gelöst. Die Blätter allein waren – neben ihrer Wortkargheit – aber doch nicht ausreichend für des Rätsels Lösung. Eine schwierige Gratwanderung, die wir Verfasser möglichst spannend hinzubekommen versuchen. Oft fragen wir uns auch: Wer liest überhaupt mit? Wir freuen uns über Leser-Kommentare, sie müssen nicht direkt zur Aufklärung beitragen.

Vom linken Bild stammt der letztwöchige Ausschnitt: Die Brombeerranken sind im Hintergrund, die Zweige im Vordergrund gehören einer anderen Pflanze (?). Hätten wir das rechte Bild mit Brombeerranken und –blättern gewählt, wäre die Lösung zu einfach gewesen – richtig?

Nun eine kurze, zurückhaltende Auflösung: Denn über Brombeeren könnte man Romane schreiben, allein wenn sich über die Taxonomie nähert. Oder über die Verwendung der Beeren (als kostenlose, üppige Köstlichkeit der Natur in einer Häufigkeit, dass mundraub.org sie gar nicht erfassen könnte) und der Blätter (als Teedroge oder Arzneimittel).

Stabschrecke mimesis (c) A.S.

Hier ist die Verwendung als (Haupt-)Nahrungsmittel gezeigt: Stabschrecken stehen drauf! Kann man in dem Gewirr die echten Äste von den Stabschrecken-Körpern unterscheiden? Durch diese (Phyto-)Mimese ist die Stabschrecke gut getarnt.

Manche Nagetiere mögen getrocknete  Brombeerblätter, das Pferd weidet das frische Blatt unfallfrei ab. Denn Brombeerblätter enthalten Gerbstoffe, die eine positive Wirkung auf Haut und Schleimhäute aufweisen. So empfiehlt sich dem, der zu gierig nach den schwarz glänzenden Sammelsteinfrüchten gegriffen hat, ein heilendes Handbad im Blättersud. Oder ein Ganzkörperbad, denn Brombeeren sollen immer in der Nähe von Brennnesseln wachsen. Man könnte auch auf stachellose, amerikanische Kultursorten zurückgreifen, falls sie anwachsen.

Ein in der Sakralkunst häufig aufgegriffenes Motiv ist der „brennende Dornbusch“ (- seine bekannteste Rolle), in dem Gott sich Mose namentlich offenbart hat.

Der brennende Dornbursch, einer der Höhepunkte im Alten Testament (hier aus der Schule Raffaels in der italienischen Renaissance). Ob es wirklich ein brennender Busch war oder eine Allegorie des brennenden Gewissens, vielleicht sogar ein Raumschiff (wie an anderer Stelle von Hesekiel beschrieben), ist eine offene Diskussion Bibelkundiger.

Ein Ableger dieses biblischen Dornbuschs wird heute auf dem Sinai verehrt: Es handelt sich um Rubus sanctus, der am Fuß des Berges im UNESCO-Welterbe Katharinenkloster wächst. Doch eigentlich hat Rubus gar keine Dornen: Es sind Stacheln, also vielzellige Auswüchse, und nicht umgebildete Organe wie bei Dornen. Wir verwenden diese Begriffe übrigens meistens falsch: Die Rose besitzt keine Dornen, der Kaktus keine Stacheln. Umgekehrt ist es richtig!

Vielleicht war es auch dort, auf dem Sinai, wo sich – einer Legende nach –die Haare der Muttergottes an den Stacheln eines Brombeerstrauches verfingen, als sie vorbeiritt. Daraufhin soll sie den Strauch verflucht haben, sodass seine Zweige seither kriechend am Boden wachsen müssen. Jeder „Brombeerjäger“ (der die Ranken ebenso verfluchen wird) kennt das: Die Ruten der wild wachsenden Pflanze schlagen dort, wo sie den Boden berühren, weitere Wurzeln, was das Ausreißen nochmals erschwert. Nicht zu vergessen die bis zu 6 Meter langen, bewurzelten Ausläufer unter der Erde, die munter an beliebigen Stellen austreten und neue Brombeersträucher wuchern lassen. Welch‘ eine Freude im eigenen Garten!

Brombeeren (c) Wikimedia commons)

Aus zufälligen Kreuzungen können sich dabei neue Arten entwickeln (etwa 400 sind in allein in Deutschland bekannt). Viel Arbeit für die wenigen Brombeerforscher in Deutschland, die übrigens mehrheitlich als Rentner diesem Hobby nachgehen und entscheidende Beiträge zu den Kartierungen des Forschungsgebietes leisten. (A.S.)

Und hier kommt die Pflanze dieser Woche (13.-19. Februar):

Verdächtiges Treiben im lila Diskolicht

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Die Sämlinge im lila Diskolicht gehören zu unserer gesuchten Pflanze

Magisches rosafarbenes Licht durchflutet die Veranda, und spiegelt sich auch noch in den glitzernen Schneeresten draußen auf dem Bürgersteig vor dem Haus. Irritierend für Passanten, diese merkwürdige Diskobeleuchtung, vielleicht sogar verdächtig. Manchmal erkennen sie eine schattenhafte Gestalt in der violetten Lichthölle, die mit einer Gießkanne hantiert. Was wird da getrieben? Illegaler Drogenanbau? man hört doch in letzter Zeit so viel !
Unseren merkwürdigen Gärtner drinnen im Hause kümmern solche Spekulationen nicht. Weiß er doch, dass das, was er hier treibt, völlig legal ist, auch wenn die Pflanzen, die eines Tages Früchte mit einem hochwirksamen Alkaloid tragen werden, hier im in jeder Hinsicht gemäßigten Mitteleuropa ziemlich unbekannt sind. Und ziemlich gewöhnungsbedürftig. Gerade mal sind die ersten paarig angeordneten, lanzettlichen Keimblätter zu sehen, doch unser unheimlicher Gärtner freut sich schon auf die Ernte im Herbst. Da wird er die Früchte in Scheiben schneiden, die schwarzen Samen herausnehmen, und mit den saftig roten Scheiben einen Salat anrichten, mit Mozzarella und Basilikum. Und dann zur nächsten Party mitbringen. Ein Höllenspaß wird das, freut er sich schon jetzt ein Loch in den Bauch.  Doch bis es soweit ist, hat unser winterlicher Indoor-Campesino noch allerhand Sorge zu tragen. Prima Klima, in Lima, findet er, während er das Thermometer prüft, das in dem Kultursubstrat steckt. 28 Grad, das passt.

Unsere Fragen:

  1. Was für Früchtchen zieht unser Campesino da heran?
  2. Wie wirken die Alkaloide?
  3. Warum/wozu ist das Licht lila?

 

 

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Dieses Thema enthält 27 Antworten und 7 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  hei-wu vor 5 Monate, 1 Woche.

Ansicht von 25 Beiträgen - 1 bis 25 (von insgesamt 28)
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  • #282616

    Bevor wir zur nächsten Wochenpflanze kommen, hier zunächst die Auflösung des letzten Rätsels: Zu uns sprach Rubus, die Brombeere, aus der Familie der
    [Der komplette Artikel: Verdächtiges Treiben im lila Lampenlicht]

    #282617

    Ich schlage eine Beere vor, die mich an Batman erinnert.

    #282618

    Weil sie Flügel verleiht?

    #282619

    Als symmetrisches Schnittbild. Vielleicht habe ich mich dabei verflogen.

    #282620

    Nehmen wir „Lima“ und „28°C“ als Hinweis auf ungemäßigten südlichen Sonnenhunger unserer Pflanzen, tut unser Zimmergärtner wohl gut daran, eine Extraportion blaues und rotes Licht zu spendieren – wenn die übrigen Wellenlängenbereiche des Taglichtvollspektrums (ein)gespart werden, scheint es lila. Für Tomaten lohnt sich dieser Aufwand nicht, obwohl sie mit ihren gelben Kernen gut zu Basilikum und Mozarella passen… Aber wo bleibt dann der alkaloidvermittelte (?) unheimliche Spaß unseres (ggf. partyzeitweise höllisch(schaden)frohen (?)) Gärtners?

    #282621

    Oh, du bist mir ein wahrer @agricola, ein Georg, ein Bauer fürwahr, oder, in der Landessprache unserer gesuchten Pflanze, ein wahrlicher Campesino. Aber ist es nicht wohl auch so, das unser Pflänzchen gerne mal die angeneme, kühle Höhenluft wittert, ganz im Gegensatz zu ihren wohl verwöhnten Schwestern?

    #282622

    Genau, und deshalb denke ich etwas anderes als Agricola: Ich finde auch in der „Tomate“ (dank Google) schwarze Kerne und Calystegine!
    Fast alles passt auf die beiden Vermutungen, auf http://diese-rombergs.de/wp-content/uploads/2014/04/Keimlinge1.jpg (- Agricolas Favorit?)
    und auf http://i.imgur.com/oXfwwR4.jpg (mein Tipp).

    Die beschriebenen Scheiben erwarte ich mehr vom zweiten Pflänzchen, die Hölle könnte man auf das erste übertragen. Nun schreibt der Züchter nicht von Höllenqual, sondern gegenteilig – will er uns in die Irre führen?
    Es bleibt also eine Frage des Geschmacks – oder gibt es eine weitere Möglichkeit, die Lösung einzukreisen?

    #282696

    So richtig lasst Ihr Euch nicht in die Karten gucken, liebe Mitkommentierer. Dann greife ich mal zu den Alkaloiden – für die Calystegine habe ich jetzt keine starke Wirkung gefunden. Schliessen wir ganz grob gesiebt die richtig giftigen, die euphorisierenden, die haluzinogen A. mal aus, scheinen mir bitter, anregend und scharf als Adjektive übrig zu bleiben. Davon wiederum paßt nicht jedes zu höllisch bzw. Party.

    #282697

    Hm. In der alkaloiden Tendenz gehst du nicht verquer, mein lieber Bauer, @agricola. Darf ich Dich Georg nennen?
    Bevor du eine gesamte Gattung in die Hölle fahren läßt: besieh ihre Samen. Wie schon unser Jesus sprach: an ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen.

    #282698

    Auch wenn du, Georgius, vielleicht auf eine anregende Party hinaus möchtest 😉 (oder auch nur auf höllisch scharfes Fingerfood): Das Attribut „hochwirksam“ wird zumeist mit medizinischer Wirkung in Verbindung gebracht. Diese ist aber sowohl bei meinen Calysteginen (siehe MLU-Forschung), als auch bei deinen Capsaicinoiden eher untergeordnet, zumindest nicht hochpotent. Abgesehen von einem gewissen Pepper-High oder rückenschmerzenlinderndem Thermopflaster.
    Soll heißen: Liegen wir nun beide falsch?

    #282699

    „Es liegt mir auf der Zunge“, wie schon der legendäre Wilmenrodt zu sagen pflegte.

    Aber die Samen schweigen, schwarz wie die Nacht.

    #282701

    Okay. Meine Calystegine können auf der Zunge liegen, jedoch ohne Wirkung. Dafür hat mein Favorit aber rabenschwarze Samen!

    #282703

    Auch wenn ich die Scharfstoffe noch garnicht in den „Mund“ genommen habe, schiebt mich Gondwana auf die höllisch scharfe Partyschiene (Dabei habe ich auch schon mal eine Partywette verloren und eine Tasse Wermuttee gewonnen). Rote saftige Paprikascheiben (oder besser Ringe?) egal ob nun von der Gewürzpflanze oder vom Baum würden auf der Zunge schon eine hohe Wirksamkeit haben (hoffen wir mal, dass unser Gärtner dann im Herbst auch darauf achtet, sich nach dem Scheibenschneiden gut die Hände zu waschen…). Die (bevorzugt) in Südamerika angebaute Baumform hätte auch die nötigen schwarzen Samen und den sprachlichen Background.

    #282704

    Hier geht’s ja Schlag auf Schlag. Ich halte die Baum-Tomate dagegen und erhöhe den Einsatz! Zumindest habe ich echte Scheiben, und ein Mozzarella-Salat mit süßlichem Pflaumengeschmack mag verwunderte Gesichsausdrucke zaubern, die den Gärtner höllisch freuen?

    #282790

    Da sich die Pflanze als solche offenbar in der Zielgerade befindet, wollen wir den übrigen Fragen eine gewisse Aufmerksamkeit schenken. Das lila Leuchten ist mir schon beim ersten Betreten der ehem. DDR anfangs der 1990er aufgefallen. So manches Wohnzimmer der Plattenbauten an der Autobahn bei Jena-Lobeda hatte dieses merkwürdige lila Licht. Warum dieses Lila?

    #282793

    Dieses lila Neonlicht war immer hinter der Gardinenleiste montiert. Fand das auch schrecklich. Auch beim Fleischer gab es so ein komisches rotes Licht. Das Fleisch sah dann immer wie Westfleisch aus.

    #282794

    Lou

    Was meinst du mit „Westfleisch“?

    #282795

    Na dieses Fleisch, was wie aus dem Hochglanzprospekt aussieht.

    #282832

    War Fleisch damals nicht rot?

    #283050

    Aber warum die Lampen lila leuchten, ist immer noch nicht klar.

    #283052

    War Fleisch damals nicht rot?

    Das Fleisch war mitunter grau-grün – ohne Witz.

    #283053

    Aber warum die Lampen lila leuchten, ist immer noch nicht klar.

    Auch Pflanzen sollten sexy aussehen.

    #283061

    Die Frage nach dem lila Leuchten in J vor 25(?)Jahren wird wohl ein Rätsel bleiben – Zeitzeugen scheinen sich nicht äußern zu wollen und die Spezifikationen der damaligen Narva-Lampen sind auch nicht einfach zugänglich. Verlegen wir die Handlung in die Jetztzeit, so hat unser Hobby-Zimmer-Gärtner wahrscheinlich der Werbung für Pflanzenlampen und/oder dem Wissen um die Lichtabsorptionsmaxima der Photosynthesefarbstoffe folgend sich für eine Mischung aus roten und blauen LEDs entschieden, um jahreszeit- und innenraumbedingte mangelnde Lichtintensität auszugleichen.

    #283080

    So isses. Pflanzen sind ja grün weil sie rot und blau absorbieren.
    Aber was ich nicht verstehe: warum nutze Pflanzen nicht das grüne Spektrum mit? Was ist der evolutionäre Sinn? Es ist ja das spektrale Maximum der Sonneneinstrahlung?

    #283083

    Die Gesamtmenge der Sonnenlichtenergie ist zwar im grünen Bereich am höchsten, jedoch bezogen auf ein einzelnes Photon im blauen Bereich am energiereichsten (= Maximum). Die meisten Photonen werden im roten Bereich emittiert, also schon wieder ein Maximum. Das Grün dazwischen ist aber einfach nur „dazwischen“. Also war die Pflanzenevolution doch klug.
    Habe ich das richtig ergoogelt?

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