Blume mit männerzähmendem Blick

11. Februar 2019 | Bild der Woche | 1 Kommentar

Leuchtend gelb blühend schmückt die sommergrüne, einheimische Staude aus der Familie der Familie der Korbblütler (Asteraceae) bei uns in Mitteleuropa kalkhaltige Magerwiesen und Waldränder. Die auffällig gelben, margeritenartigen Blüten erscheinen sehr lange von Mai bis September, sehr zur Freude vieler Insekten (Bienenweide). Früher wurde sie als St. Johannsblume bezeichnet, vermutlich, weil sie zur Zeit des Gedenktages an Johannes den Täufer blüht (24.Juni). Die Wildstaude wächst ca. 50cm hoch. Die langen, schmalen, grünen Blätter sind weidenähnlich und wechselständig angeordnet. Den phantasiebegabten Naturfreund erinnert das große Blütenkörbchen an das Auge eines Wiederkäuers. Der aus dem Griechischen abgeleitet Artname beschreibt diesen Eindruck.
Die gesuchte Pflanze ist recht anspruchslos, benötigt aber einen gut durchlässigen, frischen, kalkhaltigen, mäßig nährstoffreichen bis mageren Boden an einem möglichst sonnigen Standort. Schatten, staunasse oder saure Böden werden nicht vertragen. Sie kommt mit vorübergehender Trockenheit gut zurecht. Im Naturgarten mit geeignetem Boden gedeiht die Pflanze mit wenig Pflege. Die Vermehrung erfolgt im Frühjahr durch Aussaat oder Teilung. An zusagenden Standorten sät sie sich gerne selber aus. Ein Winterschutz ist nicht nötig. Sie ist robust, absolut winterhart mit einer sehr langen Blütezeit (gute Schnittblume).
Adamus Lonicerus empfiehlt in seinem Kreuterbuch (1679) zum Gebrauch dieser Pflanze: „Wer weder Tag noch Nacht Ruhe in seinem Haupt hat und allzeit gern bey Frauen ist, der trag diese Blume bey ihm, seyn Fantasey un böser Will wird in guten verwandelt.“ – Quod erat demonstrandum.

(H.J. Ferenz)

Auflösung der letzten Pflanze der Woche („Voila la tricolore“): Viola tricolor , Viola wittrockiana, Viola cornuta.

„Rati“ war sich sicher.  „Stiefmütterchen, viola tricolor“. Er wähnte sich schon auf der Glückssträhne. Heute wird er die 100.000-Euro-Frage nehmen. „OK, 1000 Euro“, jauchte Günter ins Mikrofon . Nächste Frage. „Gartenstiefmütterchen“ schoss es aus dem Kandidaten heraus.  „Jawoll“ Das Guthaben stand nun bei 11.000. Siegessicher lächelte Rati in die Runde. Und jetzt die  100.000-Euro-Frage: „Schwedischer Botaniker, wir suchen einen schwedischen Botaniker, der irgendwas mit den Gartenstiefmütterchen zu tun hat..“, raunte der schlaue Günter, untermalt von Sphärenklängen von seiner Superschlau-Kanzel ins Studio. Rati sprang auf, riss die Arme hoch: „jawoll, Carl von Linne !“

Ping!, das wars. 0 Punkte, leider. Es gibt halt noch andere schwedische Botaniker als eben nur diesen einen.

Der „Alte Schwede“, der das Gartenstiefmütterchen 1896 erstmals beschrieb, war der Botaniker Veit Brecher Wittrock (1839-1914). Er nannte die Art lediglich „viola hortensis“ (Gartenveilchen). Unsere gesuchte Pflanze,Viola tricolor, ist eine der Stammmütter unseres Gartenstiefmütterchen. Wittrock hatte dereinst  richtig festgestellt, dass es sich bei dem von ihm erstbeschriebenen Gartenstiefmütterchen um einen Bastard handelte.  Die zumeist großblumigen Zuchtformen, die wir heute aus Ziergärten, Blumenkästen und Aldi-Sonderangeboten kennen, sind Bastarde aus besagter Viola tricolor und weiteren Violas, so dem Vogesen-Stiefmütterchen (Viola lutea), und dem Altai-Stiefmütterchen (Viola altaica).

Viola tricolor (Carl Axel Lindmann, zwischen 1917-1926)

Unser großes Gartenstiefmütterchen, das bereits auf Paletten in den Gartencentern zum Verkauf angeboten wird, erhielt erst   einen offiziellen Namen , benannt nach eben dem verdienstvollen Stiefmütterchenversteher Wittrock. Das passierte in einem  Aufsatz in der Zeitschrift Kochia (2007), wo sich die Autoren J. Naumburg und K.P. Buttler mit dem Forschungswerk Wittrocks auseinandersetzen: („Validierung des Namens Viola wittrockiana“, Kochia 2: 37–41 (2007)). 

Das Ur-Gartenstiefmütterchen, aus dem Herbar Wittrocks (Abbildung zitiert nach Nauenburg/Buttler 2007)

(Abbildung, zitiert nach Nauenburg/Buttler 2007)

Hornveilchen, Viola cornuta (?), Ende Januar 2019 in Halle

Aber nun wird es wirr. Das Exemplar, das letzte Woche in einem halleschen Garten in voller Blüte entdeckt wurde, war wahrscheinlich nicht einmal ein „richtiges“ Stiefmütterchen. Sondern: Viola cornuta, ein Hornveilchen. Die Wildform stammt aus Nordspanienen, und wurde ebenfalls züchterisch zu Zierzwecken bearbeitet. Allerdings wissen wir auch, dass es sich mit den echten, falschen, und bastardischen Stiefmütterchen ebenfalls lebhaft kreuzt. Für die Bestimmung als Hornveilchen spricht in unserem Falle die beobachtete Frosthärte. Vor wilden Kreuzungen, Rückkreuzungen etc. kann man sich bei der großen Gruppe der „Stiefmütterchen“ nicht mehr ganz sicher sein, so dass die Bestimmung der Art in der Regel schwer fällt. Aber wer kann schon eine Viola von einer Bratsche unterscheiden. (HW)

 

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