Freibeuter der Systeme

12. März 2017 | Kultur, Rezensionen | Keine Kommentare

Mit Gevatter Tod steht Gottfried auf Du und Du: als Gesprächspartner, als Rettungssanitäter, als Trauerredner. Doch gesehen hat er ihn noch nie. Erst auf dem Sterbebett nimmt er Gestalt an und zeigt sich – o nein! nicht als Furcht erregendes Gerippe, sondern als schöne Frau, die Gottfried eine letzte Erektion beschert. Doch bevor endgültig gestorben wird, muss erst einmal Gottfrieds Lebensgeschichte erzählt werden.

Mit diesem schönen Grundeinfall beginnt „Gottfried schwängert den Tod“, das jüngste Buch des halleschen Autors Konrad Potthoff. Ein Schelmenroman, der komisch-satirisch erzählt, wie sich Gottfried durchs Leben in zwei Gesellschaftssystemen schlägt: Geburt, Schulzeit, Ferienarbeit im Buna-Werk, Studienversuche, dann Chef eines Studentenclubs und Genosse der Einheizpartei, Mitglied verschiedener Schreibzirkel, schließlich Staatsschriftsteller in der DDR und als IM in die Stasi verstrickt; nach der Wende dann Gründer des Künstlerclubs Arche und weiterer Vereine – ein Freibeuter im Meer der Fördertöpfe des kapitalistischen Kulturbetriebs. Und der immer, wenn es brenzlig wird, sich auf die Tätigkeit als Rettungssanitäter zurückzieht oder sich selbst in die Krankheit rettet. Schließlich wird er Grabredner und Notfallseelsorger.

Gelegenheit zu einer Fülle, ja Überfülle aneinander gereihter Episoden – fast 500 Seiten lang! Natürlich hätte der Autor getrost einiges streichen und damit verdichten können. Schade auch, dass Gevatter Tod als Ich-Erzähler nicht konsequent durchgehalten und damit die Möglichkeit eines noch anderen, tieferen Draufblicks verschenkt wird. Doch auch wenn meist die Perspektive Gottfrieds übrig bleibt, ist vieles wirklich komisch und pointiert erzählt. Denn Gottfried besitzt das Talent, farbige, schillernde Seifenblasen zu erzeugen, die davonflogen – und platzten.

Was dann aber niemand mehr wahrnahm, denn es reichte die kurze Zeit, in der sie Augen und Sinne verzauberten. Aber schon tauchte wieder eine neue Luftblase auf…Jahre später würde dieses Talent – nach der glorreichen Wende – viele Millionen Mark in die von Gottfried gegründeten Vereine fließen lassen. Und auch da waren dann alle Beteiligten glücklich. (S. 156).

Unverblümt gesagt: Er ist ein Schelm im ganz ursprünglichen Wortsinn: ein keineswegs naives, vielmehr schlaues und trickreiches Schlitzohr, das sich durch die wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse nassauert. Doch Gottfried hat noch ein zweites Talent: Als Rettungssanitäter, Notfallseelsorger und begehrter Trauerredner hat er das Bedürfnis und die Fähigkeit, Menschen in Situationen zwischen Leben und Tod beizustehen. Das ist liebenswürdig und berührend. Und künstlerisch am stärksten in dem mit „Charons Nachen“ überschriebenen Kapitel gegen Ende, als das Hochwasser weit über die Ufer der Salle (so heißt der Fluss im Roman) tritt und das sonst dort vertäute Kneipenschiff Maria Gnaden plötzlich – einem Geisterschiff gleich – mitten im Strom schwimmt. Da begegnen dem Helden jene Toten wieder, die er gekannt oder deren Sterben er begleitet hat. Jetzt endlich kann er sie loslassen und an Bord des Totenschiffs schicken.

Erst in diesem Kapitel kommt wieder der Tod als Erzähler ins Spiel. Das Ende kippt unvermittelt ins absurd Überhöhte: Gottfrieds Stadt reißt aus Geldgier ihren Glockenturm auf dem Markt ab und er selbst erleidet beim Koitus mit einer alten Sopranistin am Rollator (!) seinen finalen Zusammenbruch. Um dann aber noch schnell – siehe Romananfang – den Tod zu schwängern. Das wirkt bemüht-konstruiert, im Unterschied zu den zuvor flüssig und mit spürbarem Spaß erzählten Lebensabenteuern. Vielleicht auch, weil sich das selbst Erlebte eben doch leichter aufschreiben lässt als der eigene Tod.

Denn die Ähnlichkeiten der Gottfried-Geschichte mit der Biografie des Autors sind trotz kleiner äußerer Verfremdungen (Halle wird zu Großglaucha, die Stasi zum Sicherheitsverein oder das Künstlerhaus 188 zur Arche) nicht zu übersehen. So wird das Muster des Schelmenromans, traditionell eine Form der fingierten Autobiografie, von Potthoff umgekehrt: Seine Autobiografie kommt als Schelmenroman daher. Und mithin auch als Schlüsselroman, in der sich die (ältere) hallesche Autoren- und Künstlerszene amüsiert wiedererkennen kann. Denn es ist bei Potthoff wie mit jeder Satire: Wer die dargestellten Verhältnisse kennt, hat mehr vom Lesen!

Eva Scherf

Konrad Potthoff: Gottfried schwängert den Tod. Roman. Salomo 2016.
ISBN 978-3-941757-73-8. 15,- €

Weitere Besprechungen abseits des Büchermahlstroms:

  1. Ersticktes Matt
  2. Ein phantastischer Herrenausflug
  3. Ein Weihnachtsgeschenk für Walter
  4. Namen sind Schall und Rauch

P.S.: Ganz vergessen. Wir stellen am liebsten natürlich Autoren aus Halle vor, die in die Reihe passen, meldet Euch bitte bei uns und schreibt an die Redaktion.

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