Ausstellung im Kunstverein „Talstrasse“: Rudolf Schlichter – Eros und Apokalypse

21. April 2016 | Kultur | Keine Kommentare
Rudolf Schlichter, Margot, Öl auf Leinwand, 1924. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Rudolf Schlichter, Margot, Öl auf Leinwand, 1924. Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin

Der Kunstverein „Talstrasse“ e.V. in Halle zeigt im Zeitraum vom 28.04.-24.07.2016 erstmals in Mitteldeutschland Werke von Rudolf Schlichter (1890-1955) in einer Personalausstellung. Präsentiert werden nahezu 100 Arbeiten aus allen Schaffensperioden, darunter Ölbilder, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik. Zur Ausstellung, die in Kooperation mit dem Mittelrhein-Museum in Koblenz stattfindet, erscheint ein gemeinschaftlich herausgegebenes umfangreiches Katalogbuch.

Der Maler und Grafiker Rudolf Schlichter wurde 1890 in Calw geboren und gilt durch seine zeitkritischen Werke heute vor allem als ein Hauptvertreter der Neuen Sachlichkeit. Daneben wurde er durch ein reiches Oeuvre von Buchillustrationen international bekannt. Neben George Grosz ist er als überaus präziser und unbestechlicher Beobachter der Gesellschaft seiner Zeit bekannt. Das Tempo und die Vereinsamung des modernen Städters spiegelt sich in seinem Werk ebenso wider wie die großen gesellschaftlichen Umbrüche, die das Antlitz des 20. Jahrhunderts geformt haben. Zur Physiognomie der Epoche gehören Schlichters Porträts seiner berühmten Zeitgenossen, darunter Egon Erwin Kisch, Oskar Maria Graf und Ernst Jünger – und vor allem von Bertolt Brecht, dessen Porträt von Schlichters Hand unsere Vorstellung von diesem Autor entscheidend mitgeprägt hat. Durch seine schwäbische Herkunft und seine ambivalente Heimatverbundenheit wurde Schlichter auch zu einem bedeutenden Schilderer der Menschen und der Landschaft zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.

Nachdem seine schonungslose, 1931-1932 erschienene Autobiographie von der national-sozialistischen Zensur verboten worden war, begann für den früheren Kommunisten und kulturpolitischen Aktivisten Schlichter eine existentiell schwierige Zeit, die für ihn mit einem weitgehenden Ausstellungsverbot verbunden war. Symptomatisch für die lebens-lange künstlerische und geistige Such-Wanderung des Künstlers zwischen Aufbruch und Resignation wurden seine Hinwendung zum Katholizismus und die Freundschaft mit Ernst Jünger und dessen Bruder Friedrich Georg. An die Stelle des neusachlichen Realismus und der häufig schockierenden Darstellung seiner eigenen erotischen und sexuellen Obsessionen trat ein originelles surrealistisches Spätwerk, in dem die apokalyptischen Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Zerstörung künstlerisch formuliert wurden.

Der Kunstverein „Talstrasse“ e.V. wird mit dieser Ausstellung erstmalig im Osten Deutschlands Einblicke in die Kunst-, Lebens- und Wirkungswelten eines der bedeutendsten deutschen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben.

Ausstellungsdauer: 28. April bis 24. Juli 2016
Öffnungszeiten: Mi – Fr 14 bis 19 Uhr, Sa und So 14 bis 18 Uh

Weitere Informationen zur Arbeit des Kunstvereins unter: www.kunstverein-talstrasse.de

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