Ball flach halten !

13. März 2017 | Bild der Woche | 8 Kommentare

Zunächst die Auflösung der letzten Wochenpflanze:  Gesucht war der Chinarindenbaum. Oder die Bäume. Denn es gibt hiervon mehrere Arten, sie alle gehören zur Gattung Cinchona.  Alle stammen aus Südamerika, vorwiegend aus den Anden. Ihre Rinde enthält das so genannte  Chinin. Chinin ist ein bitter schmeckendes Alkaloid, das unter anderem erfolgreich fiebersenkend wirkt: aber vor allem: gegen die gefährliche Malaria tropica wirkt. Das Alkaloid hemmt die Bildung des Enzyms Hämpolymerase, das aber Lebensgrundlage des Malaria-Erregers ist.  Den  Europäer wurde die Chinarinde – die eben nicht, wie ihr Name vermuten läßt, aus China stammt – erst mit der Entdeckung und Kolonisierung der Neuen Welt bekannt. Jesuiten sollen das Wissen südamerikanischer Ureinwohner um um die medizinische Wirkung in die westliche Welt getragen haben. Die einen sagen, der Name Cinchona gehe auf eine erfolgreiche Heilung der Gräfin von Cinchón zurück, der Gattin des spanischen Vizekönigs von Peru, die 1638 an Malaria erkrankte. Andere verweisen dies in das Reich der Mythen, und leiten dies von „kina kina“, was in der Sprache der Peruanischen Ureinwohner schlichtweg „Rinde schlechthin“ heiße.

Dem British Empire, das sich ja nicht nur im Westen, sondern vor allem im Südosten in Sachen Kolonisierung engagierte, war dieses Malariamittel Gold wert. In den Kolonialkriegen im tropischen Indien und Afrika starben mehr Soldaten des British Empire an Malaria als in Folge von Kampfhandlungen.

Dumm war nur: die „Chinarinde“ war schwer zu beschaffen. Erst recht für Yankees.  Teils wurde das Naturprodukt in Europa sogar  mit Gold aufgewogen. Daran änderten auch die ersten erfolgreichen Anbauversuche in den südostasiatischen Tropen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht viel. Mittlerweile schrieb man das Jahr 1856. August Willhelm von Hoffmann, ein Direktor des königlichen Londoner königlichen Chemischen Institutes in London, hatte eine vermeindlich bahnbrechende Idee: das goldwerte Heilmittel Chinin aus Anilin, einem Abfallprodukt der Leuchtgasindustrie, stinkendem Steinkohleteer, zu gewinnen. Sein Schüler, William Perkin, versuchte sich daran, eine Geschichte, die wir hier gar nicht erzählen müssen: jüngst hat eine andere Hallesche Webseite all das schon publiziert, weshalb wir hier nur einen Link legen müssen. Heraus kam also das Perkinsche Mauvein, der erste „Teerfarbstoff“, der den Anfang setzte zur chemischen Farbenindustrie und die Grundlagen für nahezu alle heute noch existierenden chemischen Großkonzerne legte (An dieser Stelle Glückwunsch an User  @Agricola – er hatte den richtigen Riecher, und damit die Fragen auch komplett beantwortet).

Pflege eines Malariakranken, 2. Hälfte 19. Jhdt

Zurück zum Chinin. Als Fiebermittel braucht man es kaum mehr, und gegen den Erreger der Malaria gibt es heite hochwirksame Medikamente, allesamt chemisch synthetisiert. Den  bitteren Geschmack des Wundermittels Chinin scheinen indes die Briten in Indien dereinst so lieb gewonnen zu haben, dass sie damit ihre Erfrischungsgetränke und Cocktails würzten: Indian Tonic Water. Auch heutzutage enthalten nahezu alle dieser „Tonic-Waters“ dieses Chinin. Wer die Brille aufsetzt, und die Inhaltsstoffangaben seiner Bitterlimonaden studiert, wird es meistens entdecken.

Auch ohne Lesen zu können, kann man das Chinin im Gin-Tonic entdecken: Eine kleine UV-Lampe (Wellenlänge 395-365 nm, gibts heute billig als LED-Variante für die Night-Geocaching-Szene zu kaufen) bringt es eindrucksvoll an den Tag. Mit diesem nahen UV-Licht bestrahlt, beginnt das Chininhaltige Partygetränk eindrucksvoll türkisfarben zu leuchten. (Fluoreszenz nennt man das: es funktioniert so, dass das Molekül von dem für das menschliche Auge kaum sichtbaren, kurzwelligen UV-A-Licht angeregt wird, es zittert dann ein bisschen umher, dann gibt es den Rest der anregenden Strahlendosis  etwas langwelliger wieder ab: in unserem Falle also im sichtbaren türkisfarbenen Bereich. So funktionieren auch otische Aufheller in Waschmitteln oder „weißem“ Papier). In Diskos, die ja gerne UV-Lampen („Schwarzlicht“) verwenden, stellen chininhaltige Limonaden deshalb einen beliebten Coctailbestandteil dar. Weil das Glas dann so magisch leuchtet. Man braucht nicht iunbedingt eine UV-Lampe. In sommerlichen Abendstunden, wenn die Sonne schon weg ist, und alles in ein romantisches Blauviolett des Abendhimmels getaucht ist, beginnen auch Tonic-Water ganz zart hellblau zu schimmern. Einfach mal ausprobieren – bald ist ja wieder Zeit, abends draußen zu sitzen.

Ich glotz UV: Experimente mit Chinarine

Für unsere Experimente haben wir bei irgendeinem Drogenhändler getrocknete Chinarinde gekauft. Sie ist von rötlicher Farbe. Wir werfen Sie in ein Fläschchen von Wodka. Mit der Zeit beginnt die Flüssigkeit,  unter der Einstrahlung der UV-Lampe, ausgehend von den Rindenstückchen, türkisfarben zu leuchten. Fast so gut, wie eine Flasche „Schweppes“. Das ist unser Chinin. Im Laufe der Zeit geht die Fluoreszenz leider zurück.Denn jetzt lösen sich nämlich die anderen Farbstoffe der Chinarinde, die dem Extrakt eine rötlichbraune Färbung verleihen. Ihr Absorptionsmaximum liegt im blauen und UV-Bereich. Sie löschen leider das UV-Licht, das vorher die schöne türkise Fluoreszenz im Chinin angeregt hat.

(Red)

13.-19. März: die nächste Pflanze wartet auf eine Lösung:

Ball flach halten!

Wir suchen ein Mitglied der Roten Liste, das bei uns widersprüchlicher Weise wuchert. Wenn diese Pflanze dann anfängt, den Menschen zu belästigen und gar zu bedrohen, ist ihre Gefährdung wiederum verständlich. Oder?Hinterlistiges Werfen und Schießen wird ihr vorgeworfen. Andererseits kann sie UNS vorwerfen, dass der Name, den wir ihr gegeben haben, wie ein Schimpfwort klingt. Vielleicht ist das der Grund, dass sie sich wehrt, wenn man sie verletzt: Mit Gift!

Klingt nicht gerade harmonisch. Wobei ich dem Aussehen der „wohlgenährten“ Pflanze gerade dieses Attribut verleihen würde! Ich bin dank einer wild vermehrenden Arbeitskollegin stolzer Besitzer mehrerer Exemplare. Glück gehabt, denn im gewöhnlichen Pflanzenhandel wird unsere Wochenpflanze nicht angeboten. Da sie robust ist, findet man sie aber doch auf vielen Fensterbänken. Oder direkt auf dem Boden, falls sie sich zu einer höheren Palme auswächst. Meist bleibt es nicht bei einer, und plötzlich fühlen sich die ursprünglich einheimischen Fensterbankbewohner stark bedrängt – warum, was macht unsere Pflanze nur?

Sie ist attraktiv, auch ohne Blüten, und trotz ihres vernarbten Äußeren. Ihre jungen Blätter, deren Charakteristika übrigens im „Vornamen“ der Pflanze auftauchen, unterscheiden sich von den adulten Blättern. Anfangs wächst sie sehr schnell und erinnert bald an eine Keule.Es ist eine saftvolle Pflanze, die es auch trocken mag, zumindest ohne Staunässe. Bei mir fühlt sie sichauch zwischen Wasserkieseln seit mehr als zehn Jahren wohl. Ich würde sie als zäh und fast schon unverwüstlich bezeichnen, und mein Daumen ist nicht grün!(Es ist übrigens nicht ratsam, mit dem Daumen der verletzten Pflanze und dann dem eigenen Auge zu nahe zu kommen. Aua, ab ins Klinikum!)

Unsere Wochenfragen:

Welche Pflanze suchen wir, bitte nennt Gattung und Art.

Was ist an ihr giftig?

Was ist das für ein Mechanismus, mit dem die Pflanze auf sich aufmerksam macht?

 (A.S.)

 

 

 

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