Oper Carmen: Punktsieg für die Staatskapelle Halle

6. Oktober 2015 | Kultur | 1 Kommentar

Carmen, die wohl berühmteste Oper, erschaffen von dem Pariser Komponisten Georges Bizet, wurde am 3. März 1875 in Wien uraufgeführt. Die Reaktion des Publikums war damals eher verhalten, und dennoch wurde sie – nach dem baldigen, frühen Tod Bizets – zu einem der weltweit meistaufgeführten Opernwerke. Der Erfolg hält bis heute an: „Carmen von Bizet“ – das ist so etwas, bis auf den letzten Platz gefüllt (Inszenierung: Julia Huebner). Fangen wir von hinten an: Bühnenbild OK, ästhetische Anspielungen auf trostlose Umgebungen der Arbeitswelt (Raum wie Mousse au Chocolat, gefällig, das die Gesellschaft schichtentief mit ihrem süßen Sirup durchsickert hat. Wohl kaum ein Opernwerk verfügt über eine so hohe „Schlagerdichte“ wie Carmen. Vom Torreroschlachtruf („auf in den Kampf“), über die Arie von Carmen („Habanera“ L’amour est un oiseau rebelle) bis hin zu dem „Zigeunerlied“, dessen Melodie, grölfähig heruntergebrochen, sogar in vielen Fußballstadien zu hören ist (dort dann: „Oh, wie ist es schön, so was hat die Welt noch nie gesehn..“).
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Das Stück spielt im Arbeiter- und „Gaunermilieu“ in Sevilla, es ist dennoch in keiner Weise ein Revolutionsstück. Die Handlung selbst ist konservativ: es geht um Liebesgeschichten, Dreiecksbeziehungen, solcherart, wie sie Librettisten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts halt an Fürstenhöfen stattfinden ließen. Nichts Besonderes, zum Nacherzählen zu fade, kann man ja auch in allen Opernführern nachlesen.

Wie wurde das Stück nun in Halle aufgeführt? Premiere war am vergangenen Samstag, den dritten Oktober. Das Haus, erwartungsgemäßder Wachmannschaften mit grottig popelgrünem Vorhang, 0815-Bürogarnituren), von der Drehbühne wie immer, da sie nun mal vorhanden, wird während der gesamten Inszenierung umfassend Gebrauch gemacht. Inszenierung/Maske/Kostüm: da waren schon helle Momente bei. Die auffällig geschminkten, etwas billig, aber poppig angezogenen Arbeitermädchen (Chor und Extrachor der Oper Halle) erinnerten an Fellinifilme der späten 50er und 60er. Im ersten Akt springen Kinder mit bunten Luftballonen über die Bühne (Kinder- und Jugendchor der Oper Halle), surreal, wie in einem Traum, bewusst „old school“. Im vierten Akt (die Ankleideszene – kündigen sie – nun mit schwarzen Luftballonen – das drohende Ende an. Tolles Bild, wohl das beste überhaupt, in der ansonsten mittelmäßig inspirierten Inszenierung wahre Glanzlichter aufsetzen (Bühnenbild: Iris Holstein, Kostüme: Esther Dandani)

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Zum Gesang: Carmen: Svitlana Slyvia (sehr souverän, die Stimme hat ein vielfältiges Volumen, ohne aufgesetzt zu wirken) Micaela: Marianna Fiset. Wer Vibrati mag, kommt auf seine Kosten. Don Jose: (Xavier Moreno) gesanglich meisterhaft, aber, und das fiel bei ihm nur besonders auf, die Mimik passte nicht, schon gar nicht zum Klischee des feurigen spanischen Liebhabers. Dito auch Escamillo (Gerd Vogel). Dass er wie Roberto Geissini aussah, war ein gestalterischer Einfall der Maske.

Nicht funktioniert hat eine vielleicht an sich gute Idee: die gesprochenen Dialoge der Akteure, die sich selber dazu (ungekonnt) pantomimisch bewegten, kamen aus dem „Off“ von einer Lautsprecherstimme, die etwa so pathetisch rüberkam wie die Haltestellenansagen der HAVAG.

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Die wahren Stars des Abends sah man kaum, blieben aber unüberhörbar. Wieder einmal war es die Staatskappelle, die trotz reduzierter Besetzung mal zeigte, dass sie nicht nur Barock kann, sondern auch französische Volksromantik burlesk mit allem Tschingderassabumm intonieren kann. Bravissimi ! Ihnen hätte der größte Teil des durchaus anhaltenden Schlussapplauses gelten sollen.

(Fotos: Falk Wenzel)

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