Fasten in den Weltreligionen

18. Februar 2018 | Natur & Gesundheit | Keine Kommentare

Huysburg, Klosterkirche

Mit dem Aschermittwoch beginnt für Christen die Fastenzeit, die 7wöchige oder 40tägige Zeit für Buße und Verzicht (für viele Katholiken nur Montag bis Samstag, sonst sind es mehr als 40 Tage). Wie antiquiert und katholisch, mögen viele denken. Aber weit gefehlt – auch außerhalb christlicher Kreise gibt es ein wachsendes Interesse am Fasten. Dazu trägt die jährliche Fastenaktion der traditionell eher fastenkritischen evangelischen Kirche bei, die in diesem Jahr unter dem Motto „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“ dazu aufruft, unbequeme Dinge zu tun. Aber auch außerhalb des Christentums gehören Fastenzeiten, Zeiten des Verzichts zum Grundkontext vieler, wenn nicht aller Religionen. Wir geben Ihnen hier einen kurzen Überblick über verschiedene Kulturen.
Das Fasten im Christentum hat eine lange Tradition: So heißt es in der Regel des Ordensgründers Benedikt von Nursia (6. Jhd.): „ … er entziehe seinem Leib etwas an Speise, Trank und Schlaf und verzichte auf Geschwätz und Albernheiten“. Gegessen wird bei ihm während der Fastenzeit einmal am Tag, sonst zweimal täglich. 1000 Jahre später kritisierte Martin Luther die Fastenpraxis seiner Zeit heftig: „Ich will jetzt davon schweigen, … dass manche so reichlich mit Fischen und anderen Speisen fasten, dass sie mit Fleisch, Eiern und Butter dem Fasten viel näher kämen“.

Kakaobohnen

Zur Umgehung des Fastengebots gibt es viele Geschichten, hier soll von der Schokolade erzählt werden: Nachdem die Kakaobohne von Südamerika nach Europa gekommen war, erfreuten sich bei denen, die es sich leisten konnten, kakaohaltige Getränke wachsender Beliebtheit. Die Menschen waren erfinderisch und bereiteten diese wie heute mit Milch, Sahne, Honig und Gewürzen zu. Daraufhin wandte man sich an den Papst mit der Frage, ob das denn in der Fastenzeit erlaubt sei. Dieser ließ sich ein kakaohaltiges Getränk zum Kosten bringen. Man bereitete ihm einen starken Aufguss reiner Kakaobohnen mit heißem Wasser zu, worauf das päpstliche Urteil lautete „Als Fastenspeise geeignet“.

Das Judentum kennt mehrere Fastentage im Jahr. Für Juden gilt „Faste nie länger als 25 Stunden am Stück“. Neben Essen und Trinken ist auch jegliche Arbeit verboten, wie generell am Schabbat. Der strengste Fastentag ist das Versöhnungsfest Jom Kippur, das im Jahr 2018 am 19. September begangen wird. An Jom Kippur geht es nicht einfach um Verzicht, sondern vor allem darum, Unrecht wiedergutzumachen und mit sich, seinen Mitmenschen und Gott ins Reine zu kommen. „Hass frisst einen von innen auf“ sagte vor kurzem eine Holocaust-Überlebende.
Mittlerweile auch bei uns bekannt ist der Fastenmonat Ramadan der Muslime. Er „wandert durch das Jahr“, kann also im Sommer oder im Winter liegen, im Jahr 2018 vom 16. Mai bis 14. Juni. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gilt: nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen, kein Sex. Dann, so heißt es im Koran, Sure 2, Vers 187 „…esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt! Hierauf haltet das Fasten durch bis zur Nacht“ . Wer einmal mitfastet, und sei es auch nur einen Tag, spürt die starke gemeinschaftsstiftende Wirkung: alle Fastenden sind in derselben Stimmung und Situation, ihr Tag wird „synchronisiert“.
Im Buddhismus gibt es keine eigentliche Fastenzeit, allerdings spielt Verzicht generell eine große Rolle. Dabei geht es vor allem darum, Ursachen von Leid zu überwinden, beispielsweise Egoismus. Als höchster Feier- und Fastentag gilt im Buddhismus das sogenannte Vesakh-Fest, das am ersten Vollmondtag im Mai oder Juni begangen wird. Buddhisten auf der ganzen Welt feiern dann Geburt, Erleuchtung und Tod Buddhas. Die Art zu Feiern reicht vom besinnlichen Ruhe- und Fasttag bis hin zu Umzügen in traditionellen Kostümen. Viele Menschen fasten zu Vesakh und kleiden sich ganz in Weiß. Sex, Alkohol und Fleisch sind an diesem Tag tabu.
Auch im Hinduismus wird gefastet, aber nicht zu festen Zeiten. Ähnlich wie im Buddhismus geht es um Überwindung alles Irdischen, von Schmerz und Leid, aber auch um Erleuchtung. Gelegentlich wird Askese zum Haupt-Lebenszweck (Fasten bis zum Suizid), eine Vorstellung, die uns Europäern der Gegenwart fremd ist. Für Mahatma Gandhi dagegen war Fasten als Hungerstreik ein Mittel des gewaltlosen politischen Widerstands.

Handnegative in der Höhle “El Castillo”

Die älteste und am weitesten verbreitete Religion (und Heilkunde) der Welt ist der Schamanismus. Die religiösen Vorstellungen und Praktiken vieler sog. Naturvölker, seien es Indios, Hopi, Inuit oder Maori, gehören in diesen Kontext. In Europa zeugen wahrscheinlich die Höhlenmalereien (als älteste Höhle mit 35 000 bis 40 000 Jahren gilt „El Castillo“ in Nordspanien) von schamanistischen Praktiken. Schamanen und Schamaninnen sind vor allem eines: Meister der Trance. Über verschiedene Techniken schaffen sie den Übergang in veränderte Bewußtseinszustände. Diese Fähigkeit, die uns allen angeboren ist, aber von uns nicht geübt wird, wird durch Fasten erleichtert. Neben vielen anderen Methoden wie Schlaf- und Reizentzug, Meditation, rhythmische Musik (Trommel) oder bestimmte Halluzinogene ist das Fasten in der Lage, Visionen und erweiterte Wahrnehmungen (Gefühl des Einsseins) hervorzurufen – im Unterschied zur Psychose bewußt und selbstgesteuert. Auch die Gründer der großen Weltreligionen – Buddha, Jesus und Mohammed – wie auch die Mystikerinnen des Mittelalters haben gefastet und wurden dafür mit Visionen und Offenbarungen belohnt. Hier liegt möglicherweise der Grund für die Fastenpraxis in allen Weltreligionen: es geht allen um tiefere Erkenntnis, um Heilung, um Überwindung von Leid und Schuld sowie um Gemeinschaft.
Nach diesem Exkurs zu den Weltreligionen soll es in der nächsten Woche um das Fasten aus medizinischer Sicht und um die Vorstellung verschiedener Heilfasten-Konzepte gehen. (AK)

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