Pandemien und Sterblichkeitskrisen in der Geschichte Halles

30. März 2020 | Kultur | 1 Kommentar

Die Medien sind voll von Beiträgen, welche die Corona-Pandemie als „einzigartige“ Krise hervorheben und damit die extreme Krisensituation betonen. Dabei urteilen wir meist aus unserem eigenen Erfahrungswissen heraus. Eine solche Epidemie wie jetzt hat kaum jemand von uns bisher erlebt. Oder sind andere Epidemien einfach nur weniger medial präsent geworden und daher fast unbemerkt über Deutschland hinweggerollt? Angesichts von erst jetzt bekannt gewordenen Berichten über viele Tausende von Grippetoten im Jahr 2017 lässt sich etwa danach fragen.

Wie einzigartig oder vergleichbar die Corona-Pandemie im Vergleich mit anderen ist, kann unter anderem ein Blick in die Geschichte der Epidemien in Halle geben. Noch kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie entstand im Rahmen einer Profilarbeit an der Integrierten Gesamtschule Halle (IGS) eine Analyse von Jakob Moeller zur Entwicklung des Sterbealters der hallischen Bevölkerung zwischen 1579/1670 und 2018. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Lebenszeit der Menschen im Prinzip unbegrenzt sein könnte, wie es der Demograf James Vaupel in seinen Arbeiten vermutet. Dazu sammelte Jakob Moeller mit Hilfe des Historischen Datenzentrums Sachsen-Anhalts (Katrin Moeller) im Anschluss an bestehende Daten über Monate hinweg Informationen zur Sterblichkeit und zum Sterbealter. Diese geben jetzt auch einen sehr guten Überblick über den Verlauf von Epidemien und Sterblichkeitskrisen in der Saalestadt. Die Analyse umfasst für die Jahre vor 1700/1820 weitgehend die beiden Stadtviertel der Mariengemeinde (Nikolai- und Marienviertel), darnach jedoch den jeweils eingemeindeten gesamten Stadtraum (Halle-Neustadt ab 1990).

Sterblichkeitskrisen und Epidemien zwischen 1579 und 2018 in Halle/Saale

Die gotische Pestsäule am Universitätsring

Legt man die in der Historischen Demografie üblichen Kriterien an, gab es im Verlauf der nicht ganz 450 Jahre zwischen 1579 und 2018 ganze 37 Krisen, die als Pandemien bezeichnet werden müssen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren dies nur drei: 1915 mit dem Tod vieler Soldaten im Ersten Weltkrieg und den Versorgungskrisen in der Heimat, 1918 mit der Spanischen Grippe und zwischen 1945 und 1947 aufgrund der Folgen des Zweiten Weltkrieges.Selbst bei Hungerkrisen und Kriegen spielten dabei epidemische Erkrankungen häufig zusätzlich den entscheidenden oder letztendlichen Faktor, warum so viele Menschen starben.

Seitdem blieb Halle von Epidemien weitgehend verschont. Eine kleinere Sterblichkeitskrise lässt sich zwar 1990 verzeichnen (insgesamt durch die Umbruchssituation bedingt), aber ansonsten blieb es demografisch gesehen weitgehend „ungefährlich“. Aus dieser Perspektive ist es kaum verwunderlich, wenn wir heute eine „einzigartige“ Krisensituation empfinden.

Abbildung 1: Anzahl der Gestorbenen Halle, 1579-2018 (Bild: Katrin Moeller)

Allerdings hat die Stadt Halle auch schon ganz andere Krisenphasen erlebt. Seit die Kirchenbücher Halles solche Informationen ab dem späten 16. Jahrhundert dokumentierten, lassen sich bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) in regelmäßigen Abständen Sterblichkeitskrisen wiederfinden. Fast alle 15 Jahre kam es in Halle zu großen Epidemien, in denen sich die Sterberate plötzlich verzehnfachte. Besonders problematisch waren diese Epidemien auch deshalb, weil sie alle Altersgruppen betrafen – nicht nur die jungen Menschen, wie dies in dieser Zeit üblich war. Jeder zweite Gestorbene war ein Kind. Damals war es vor allem die Pest, die manchmal die Hälfte aller Einwohner dahinraffte. Besonders die letzte Pestepidemie 1682, die sich insgesamt über zwei Jahre erstreckte, forderte nicht nur viele Todesopfer. Auch langfristig hatte die Pest zahlreiche gesellschaftliche Folgen: So stieg etwa die Kindersterblichkeit für ganze 30 Jahre erheblich an und die Lebenszeit der Menschen sank generell ab. Im Durchschnitt wurden die Einwohner Halles zu dieser Zeit ganze 20 Jahre alt.

Allerdings beruhigten sich die epidemischen Wellen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts deutlich. Mit dem Verschwinden des Pesterregers traten nicht mehr ganz so große Krisen, dafür aber viele kleinere Sterblichkeitskrisen auf. Dies änderte sich, als gegen Mitte des 18. Jahrhunderts in ganz Europa der Hunger zurückkehrte und auch in Halle wirtschaftliche Krisenzeiten begannen. 1751 und auch 1770/71 gab es große Hungerepidemien in Halle. 1805/06 führte dies nach langer Zeit sogar wieder zu Hungerunruhen. Dabei starben in diesen beiden Epidemien überproportional viele Erwachsene – vielleicht ein Indiz dafür, dass die Eltern zugunsten ihrer Kinder hungerten. 1799/1800 wüteten in der Stadt die Pocken (nachdem es 1799 das zweithöchste Hochwasser gegeben hatte). 1815 führte Preußen die Impfpflicht ein und bannte damit diese Krisengefahr wirksam. Insgesamt wurden die Hallenser in dieser Zeit wieder deutlich älter, vor allem, weil die Kindersterblichkeit allmählich etwas gesenkt werden konnte. Sie war dennoch auch zu dieser Zeit weit höher als heute aus den schlimmsten Krisenregionen bekannt ist.

Negative Auswirkungen auf das Lebensalter und die Kindersterblichkeit hatte dagegen die Zeit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier lassen sich nicht nur die drei massiven Cholera-Epidemien finden. Auch die sich verschlechternden Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Frühphase der Industrialisierung führten zu einem deutlichen Absinken des Lebensalters. Selbst die Altersgruppe des 10 bis 20jährigen, die ansonsten durch alle Jahrhunderte hindurch gute Überlebensprognosen besaß, blieb davon nicht verschont.

Abbildung 2: Mittleres Sterbealter der Halleschen Bevölkerung in den Jahren 1673-2015 (gleitender Mittelwert 7 Jahre). Bild: Katrin Moeller

Erst im 20. Jahrhundert trugen dagegen die Erfolge der Medizin, allen voran die Massenimpfung und die Entdeckung des Penizillins wie auch die allgemeine Verbesserung von Hygiene, Lebens-, Wohn- und auch Arbeitsbedingungen, zu einer Zurückdrängung der Epidemien und zu einem Anwachsen der Lebenszeit bei. Lag die durchschnittliche Lebenszeit Anfang des Jahrhunderts noch bei ca. 30 Jahren so sind es gegenwärtig ca. 80 Jahre. Arthur Imhof nannte dies den Wandel der unsicheren zur sicheren Lebenszeit: Das Leben wurde erwartbar. Gerade in den letzten 15 Jahren ist das Lebensalter in Halle noch einmal spürbar angewachsen: Ein langfristiger Erfolg der Wende!

Erreicht wurde dies langfristig vor allem durch eine Verschiebung des Todes vom jungen zum alten Menschen. Durch die Absenkung der Kindersterblichkeit ist der Tod von jungen Menschen heute eher etwas Außergewöhnliches. In dieser Hinsicht kann man vielleicht die Einzigartigkeit der Corona-Krise erblicken. Es ist – historisch gesehen – sehr ungewöhnlich, dass eine Epidemie vor allem das Leben von älteren Menschen fordert. Wir sollten alles dafür tun, auch dies zu verhindern. Insgesamt zeigt sich bei allen Epidemien der Vergangenheit: Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen waren meist relativ schnell überwunden, die demografischen Folgen dagegen wirkten oft über ein bis zwei Generationen.

Weitere Texte zum Thema finden Sie auch in unserem Blog „Hallische Höllenqualen“ zum Sterben in Halle: https://blogs.urz.uni-halle.de/hallischehoellenqualen/

 

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