Format Filmkunstverleih

30. März 2020 | Kultur, Nachrichten, Tipps, Wirtschaft | 1 Kommentar

Das folgende Interview mit Igor Matviyets entstand am vom 15.3.2020 telefonisch

Anlass: obiges Foto in einem Tweet.

Hintergrund: Der “Format Filmkunstverleih” in der Geiststraße ist eine Videothek, in der neben aktuellen BlockBustern auch künstlerische Filme und das Spektrum der Programmkinos abgedeckt werden.

Hinweis: Das “Format” ist, wie die meisten Nicht-Lebensmittelgeschäfte, aktuell aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen. Es gibt unter https://www.startnext.com/corona-courage-halle eine Initiative, um lokale Geschäfte und Einrichtungen zu unterstützen. Wer die Möglichkeit dazu hat, kann sich für die Zeit nach dieser Schließung dort auch mit Filmgutscheinen eindecken und gleichzeitig dieser besonderen Videothek helfen, die Zeit ohne Einnahmen zu überstehen.

HalleSpektrum:  Guten Tag, können Sie sich kurz vorstellen? Wie kamen Sie nach Halle?

Matviyets: Ich lebe seit 2012 in Halle, bin zum Studium hierhergekommen und auch seitdem in der SPD aktiv.

HalleSpektrum:  Wie haben Sie den Format Filmkunstverleih für sich entdeckt?

Matviyets: Das “Format” war mit im Gutscheinheft, das alle Erstsemester bekommen, es gab Rabatt – ich glaube, auf die ersten 10 Filme. Die hab ich genutzt und bin dann dabei geblieben.

HalleSpektrum:  Also keine dreistellige Mitgliedsnummer mehr abbekommen?

Matviyets: Nein, vierstellig!

HalleSpektrum:  Was finden Sie denn so besonders am “Format”? Es gab 2012 ja noch andere Videotheken in Halle.

Matviyets: Der Ansatz vom Format ist toll, extra für cineastische Liebhaber – nach Regisseuren sortiert. Und es gibt viele Filme, die man sonst nicht so leicht findet. Das ist wirklich wertvoll.

HalleSpektrum:  Darf ich fragen, welche zwei Filme Sie in Ihrem Tweet ausgeliehen haben?

Matviyets: Ja, das waren Avengers Infinity War und End Game.

HalleSpektrum:  Also zwei ganz klassische Blockbuster?

Matviyets: Ja, in letzter Zeit hab ich eher Lust auf Blockbuster. Ich mag Programmkino sehr, aber zum Abschalten und sich mal Ablenken sind die Blockbuster besser.

HalleSpektrum:  Das kommt mir sehr bekannt vor. Gibt es eine besondere Ecke im Format, die etwas abseits vom klassischen Mainstream ist?

Matviyets: Ich finde schön, dass es bei den Regisseuren ganz verschiedene Nationen gleichberechtigt zusammenkommen. Klar ist es eurozentristisch geprägt, in einem südkoreanischen “Format” wären sicher mehr asiatische Filme. Ich mag die Filme von Takeshi Kitano, der wirklich tolle Gangsterfilme macht.

HalleSpektrum:  Also asiatische Gangsterfilme – hab ich selbst noch nie gesehen.

Matviyets: Die sind wunderbar, richtig schön rau!

HalleSpektrum:  OK, muss ich vielleicht mal reinschauen. Noch zu was anderem: Halle hat ja auch eine tolle Programmkino-Szene. Gehen Sie lieber ins Kino oder lieber ein Video ausleihen? Ist das eine Konkurrenz oder eher eine Ergänzung? Nimmt Format da eher Publikum weg oder nicht? Oder bringt es Publikum ins Programmkino?

Matviyets: Ich halte es für eine Ergänzung. Das aktuelle Programm ist natürlich schön, im Kino zu sehen – zum Beispiel unbekanntere Filme im Zazie. Und wenn der Film dann auf DVD rausgekommen ist, kann man ihn Freunden empfehlen oder nochmal nachschauen. Im Kino ist das Angebot ja sehr limitiert – sowohl die Anzahl der Filme als auch, wie lange sie gespielt werden. Und in der Videothek ist es wie ein Archiv für sehr viele Filme. Besonders, wenn die Auswahl sehr gut ist.

HalleSpektrum:  Finden Sie es sinnvoll, sowas zu fördern? Zum Beispiel über vergünstigte Miete in einem HWG- Haus oder ähnliches? Es ist ja ein Stück hallesche Kultur, sowas haben nicht (mehr) viele Städte – einen Programmkino-DVD- Verleih.

Matviyets: Ich persönlich fände es schön, wenn das unterstützt wird – aber es ist total schwierig, da ein einzelnes Projekt rauszusuchen. Die Palette der Zuständigkeiten der Stadt jetzt auszuweiten ist schwierig und nicht sinnvoll, wenn schon die Themen und Bereiche nicht ausreichend finanziert sind, für die die Stadt zuständig ist. Man will ja auch keinen Radweg dafür streichen, das Format in eine Förderrichtlinie reinzupacken. Mit dem limitierten Geld kann man schlecht zusätzliche Aufgaben reinnehmen.

HalleSpektrum:  Schade.

Matviyets: Das heißt ja nicht, dass es keine anderen Formen geben kann. Es ist auch möglich, eine Genossenschaft oder einen Förderverein zu gründen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Unterhaltskosten für eine Videothek hoch sind im Vergleich zu den Einnahmen durch die Kund:innen. Aber Potential sehe ich da, und als Verein könnte man auch Fördermittel beantragen. Solange es ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, kann die Stadt schlecht Geld zuschießen.

HalleSpektrum:  Ich dachte auch eher an Unterstützung in Form einer vergünstigten Immobilie, falls die Stadt irgendwo etwas frei hat.

Matviyets: Das ist dann wirklich schwierig, z.B die Bildungswochen gegen Rassismus hatten in den letzten Jahren freie Geschäfte, die brauchen ja auch sehr günstige Räume. Einmal war es zum Beispiel in der Leipziger Straße unweit des “Thor Steinar” Ladens.

HalleSpektrum:  Sehr schön. 😉

Matviyets: Da hieß es auch, dass die Stadt hilft und auf die Einnahmen oder Gewinne aus diesen Räumen verzichtet. Aber es gibt sehr viele Initiativen, Vereine, kulturelle Angebote in dieser Stadt, was ja sehr schön ist. Die hoffen allesamt auf eine bessere finanzielle Situation, da einen rauszupicken ist wirklich schwer. Je nachdem, wie der Vorteil aussehen soll.

HalleSpektrum:  Stimmt, das ist verständlich. Denken Sie, es wäre wegen Corona sinnvoll, den Laden zu schließen? Oder können Sie sich eine Art “Notbetrieb” vorstellen, der allen hygienischen Anforderungen genügt?

Matviyets: Als Gewerbe muss es sich an alle Auflagen der Stadt halten, da kann man schlecht eigene Ausnahmen erzeugen. Andere finden vielleicht die Wäscherei unverzichtbar, weil sie es nicht schaffen, selbst zu waschen. Darum braucht man klare, allgemeine Regelungen, was systemrelevant ist und was nicht – auch wenn die nicht jeden Einzelfall perfekt abdecken. Momentan [15.3.] ist es sehr gut gelöst, der Kontakt zu den Mitarbeiter:innen und anderen Kunden ist minimal. So lange es erlaubt ist und andere Geschäfte offen sind, muss man es den Mitarbeiterinnen überlassen, wie sie die Lage einschätzen. Es sollte ja auch niemand gezwungen werden, sein Geschäft offen zu halten.

HalleSpektrum:  Klar. Angenommen, Sie müssten jetzt für zwei Wochen in Quarantäne und dürften sich nur fünf Filme aussuchen, die mit rein dürfen. Haben Sie so spontan welche im Kopf? Oder auch zwei?

Matviyets: Tendenziell natürlich erst mal die längeren, wenn es nur fünf sein dürfen. Die Christopher Nolan “Batman” Trilogie, hm, und… schwierig. Dann noch die Avengers, die in so einer Quarantäne die Laune hoch halten. Ich halte “La Haine” (“Hass”) für einen der wichtigsten Filme in meinem Leben, aber der ist trotzdem nicht auf meiner Lieblingsfilmliste. Und nichts für eine schwierige abgeschottete Quarantänesituation.

HalleSpektrum:  Manche Filme will man ja auch lieber mit Freunden zusammen schauen und danach drüber nachdenken und diskutieren.

Matviyets: Diese Oscar-Abräumefilme wie zum Beispiel “Roma” hab ich mir auch angeschaut, ein toller Film, aber wenn ich jemand erklären müsste, warum man gerade den ausleihen sollte, fiele mir das auch schwer zu erklären.

HalleSpektrum:  Es gibt ja auch viele unterschiedliche Aufgaben, die Filme erfüllen. Zum Beispiel Unterhaltung, und ..

Matviyets: Genau, für zwei Wochen Quarantäne würde ich klar auf Unterhaltung setzen. 

HalleSpektrum:  Gibt es denn noch was, was Sie zum Format oder zur Filmkunst allgemein gern sagen möchten? Wir haben ja nur ein paar Fragen angeschnitten…

Matviyets: Ja, ganz wichtig ist, dass viele Menschen zum Format hingehen, auch nach den akuten Corona- Zeiten, weil es wirklich divers ist. Es gibt queere Filme, diese Diversität ist sehr wichtig. Format ist auch Kooperationspartner der antirassistischen Anti-Rechts-Initiativen in Halle, es passt sich an Aktionstage wie den Christopher-Street-Day an bei seiner Filmpräsentation. Es ist einfach ein wichtiger gesellschaftlicher Akteur in der Stadt.

HalleSpektrum:  Also für die Stadt auf jeden Fall erhaltenswert, und das geht nur, wenn es auch gut besucht wird.

Matviyets: Genau, für die Stadtgesellschaft auf jeden Fall. “Die Stadt” klingt immer nach Politik, die Stadtgesellschaft sind wir zusammen.

HalleSpektrum:  Und welcher Kundentyp sind Sie selbst? Ein Power-User?

Matviyets: Nein, ich bin nicht der Traumkunde, der sich wöchentlich dort einen Film leiht. Ich nutze auch Online- Filmanbieter, je nach Situation, aber dort findet man eben auch nicht alles. Trotzdem ist mir das “Format” wichtig, deshalb hab ich ja auch das Foto auf Twitter gepostet.   

HalleSpektrum:  Vielen Dank für das Interview.

Matviyets: Ja, ebenso. Und über Filme können wir auch gern reden, wenn Sie mal einen guten Einstieg in asiatische Gangster-Filme brauchen, dann kann ich auch Tipps geben. Manchmal muss man ja auch richtig abschalten.

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