„Bringt eine schwartze
Wurzel, innwendig weiß, gibt gelben Saft, hat einen rauhen Stengel…
Blühet mit einer weißen Kronen, eines lieblichen Geruchs.“ So
beschreibt Adamus Lonicerus 1679 in seinem Kreüterbuch unsere
unbekannte wild und völlig ungezähmt auf Wiesen und entlang von
Wegrändern wachsende, zweijährige Pflanze. Sie gehört zu den
Doldenblütern. Man könnte sie leicht verwechseln mit der
Hundspetersilie, dem Taumel- Kälberkropf und dem gefleckten
Schierling. Vorsicht! Diese Pflanzen sind sehr giftig. Ein
eindeutiges Erkennungsmerkmal ist die dunkle Blüte in der Mitte der
Dolde. Diese Kontrastfärbung zu den weißen zwittrigen Blüten hat
auf potenzielle Bestäuber eine Signalwirkung. Durch diese
auffällige, sich von den restlichen weißen Blüten stark abhebende
dunkle Blüte täuscht die trickreiche Pflanze bereits vorhandene,
offensichtlich mit dem Nektar- und Pollenangebot zufrieden
Kundschaft vor.
Bestäuber sind Insekten
aller Art, besonders Käfer, Wanzen und Fliegen. Im ersten Jahr
bildet die tiefwurzelnde Pflanze eine bodenständige Rosette mit
mehrfach gefiederten Blättern aus. Im zweiten Jahr, etwa von Juni
bis Oktober, erscheinen die auffälligen Blüten. Der vielstrahlige,
doppeldoldige Blütenstand ist im voll aufgeblühten Zustand flach
gewölbt. Bei Schlechtwetter, in der Nacht und zur Fruchtreife sind
die hygroskopisch reagierenden Doldenstrahlen vogelnestartig
zusammengeneigt. Die junge Pfahlwurzel ist essbar. In der
Volksmedizin diente die Wurzel traditionell als Wurm- oder
Stärkungsmittel. Der Wurzelbrei wurde unter anderem bei
Verbrennungen und Hautentzündungen eingesetzt. Der „Vater der
Botanik“, Hieronymus Bock (1498 –1554), empfahl die Pflanze bei
Beschwerden an Milz, Nieren und Blase. Hilfreich ist sie auch
bei Verdauungsstörungen. Die leicht stopfende Wirkung beruht auf
dem hohen Pektin-Gehalt und den mild bakteriostatisch wirkenden
ätherischen Ölen.
Manche mutmaßen, das die schwarz-purpurn gefärbte Blüte in der Doldenmitte namensgebend war zu Zeiten als man sich über rassistische Ausdrucksweise noch keine Gedanken machte. Zutreffender dürfte sein, dass der Pflanzenname sich aus einem in verschiedenen frühen Sprachen ähnlichem Wort für Wurzel entwickelt hat. Nach den Kartoffeln und Tomaten zählt die Zuchtform zu den beliebtesten Gemüsen. In Sachsen-Anhalt wurden 2019 davon über 66.000 Tonnen geerntet. Unsere Rätselpflanze ist eine der Stammeltern davon. Wie heißt unser karotinarmes Wildgewächs?
(Hans Ferenz)
Auflösung der letzten Pflanze der Woche (Verirrungen der US-Amerikanischen Grillkultur): Eibisch, Althaea officinalis.
Unser Dauer-Ratefuchs „Rati“ kam gleich am Montag früh drauf: wir suchten den Eibisch, Althaea officinalis. Die zu der Familie der Malvengewäche gehörende, ausdauernde Staude stammt aus den Steppengebieten Südrusslands und Kasachstans bis hin zum Altai. Ihr Name leitet sich aber nicht von dem Gebirge her, sondern wohl vom Altgriechischen „ἀλϑαία“ (Althäa) her, was so viel wie die „Heilende“ ( άλθω =heilen). Der gebräuchlichere griechische Name war aber „Ibiskos“, und davon stammt das deutsche Wort „Eibisch“ ebenso ab wie das Wort „Hibiskus“ für den verwandten Zierstrauch. Die ersten Ackerbauern haben die Pflanze wohl nach Mitteleuropa verschleppt. Sie ist sehr feuchtigkeitsliebend und salzverträglich, weshalb sie sich besonders im Marschland der Küstengebiet Mitteleuropas ausbreitete: „Marsh-Mallow“ – die Marschmalve.
Die „heilsame“
Wirkung der Pflanze beruht auf einem gehörigen Gehalt an
Schleimstoffen, die in den Blättern und den Wurzeln enthalten sind.
Der Schleim lindert Magenbeschwerden, aber auch Husten. Schlichtweg
ist er überall da nützlich, wo er sich als Schutzschicht über die
Schleimhäute legen kann. In den Apotheken der frühen Neuzeit
kombinierte man heilende Pflanzenextrakte gerne mit Zucker
oder Honig – so wurde der unangenehme Geschmack gelindert, und
manche Arznei wurde dadurch so attraktiv, dass sie sich als
Leckerei verselbstständigte. Auf diesem Weg fanden dann etliche
Apothekerzubereitungen den Weg ins Angebot der Zuckerbäcker. Das
war bei der Lakritze so, aber auch mit dem Eibischsirup. In einem
Rezeptbuch aus dem Jahre 1805 heißt es, man solle Eibischschleim
mit Zucker und Gummi arabikum zu einem dicken Sirup verkochen, dann
vermischte man das mit frisch aufgeschlagenem Hühnereiweis und
trocknete den stabilen Schaum im Ofen. Aromatisiert wurde mit
„ätherischem Wasser“, also Aromadestillate wie beispielsweise
Rosenwasser, Orangen- oder Bittermandelwasser.
Heraus kam eine fluffig-süße, speckige Masse, die in den Apotheken als „Brustleder“ verkauft wurde. Das Rezept stammt wohl ursprünglich aus Frankreich, wo es „Pate de Guimauve“ genannt wurde. Heute werden Marshmallows nicht mehr aus Eibisch hergestellt, das wäre zu aufwendig. Statt des Pflanzenschleims nimmt man nun ein tierisches Abfallprodukt aus den Schlachthöfen: Gelatine, meistens vom Schwein. Damit sind Marshmallows weder helal, koscher noch vegan. Aber natürlich gibt es Abhilfe: Haribo bietet bereits Helal-Marshmallows auf Rindergelatine-Basis an.
Nicht mal Veganer müssen zurückstecken: mehrere Hersteller bieten vegane Mallows an. Die Zutatenliste liest sich etwa so: Glukose-Fruktose-Sirup, Zucker, Dextrose, Geliermittel: Carrageen, Maisstärke, hydrolysiertes Sojaprotein, natürliches Vanillearoma, natürliches Erdbeeraroma, Stabilisator: Polyphosphate, Farbstoffe: E162, E171.
Hier gibt es sogar ein Rezept, das ohne E-Nummern auskommt. Statt Eiweiß nimmt man das Abtropfwasser von Kichererbsen. Aber der Eibisch fehlt auch hier. Welch bedauerlich verlorenes Wissen.
Wir hatten ja noch nach weiteren Gemüse-und Nutzpflanzen aus der Familie der Malvengewächse gefragt. Neben Okraschoten (die ja, gekocht, auch eine ziemlich schleimige Angelegenheit darstellen) nannte uns Rati auch noch den Affenbrotbaum und die Kakaopflanze. Erstaunlich, es stimmt, wir selbst wären gar nicht darauf gekommen.
Alle bisher (seit 2016) erschienenen Wochenpflanzen findet man auch hier im Archiv:
One comment on “Dolde mit fahler Pfahlwurzel”
Wilde Möhre – Daucus carota subsp. carota