Neuland gewinnen, Freiräume nutzen auf dem Land und in kleinen Städten

4. Mai 2017 | Rezensionen | 1 Kommentar

„War früher von der „Unwirtlichkeit der Städte“ die Rede, beschwören Soziologen und Journalisten heute die Unwirtlichkeit „des ländlichen Raums…““,
Tina Veihelmann S. 172 im Buch.

„Das flache Land“ der fünf östlichen Bundesländer hat noch weniger von der Wiedervereinigung profitiert als die großen Städte. Demografischer Wandel, personal extensive Landwirtschaft und bessere Lebensqualität in den Städten beschleunigten den Prozess. Dadurch ergaben sich aber vielfältige Freiräume, die findige „Neulandgewinner“ nutzen können. Diese „Neulandgewinner-Projekte“ schaffen in dreifacher Weise Veränderung, wie die Autoren zu Beginn ausführen: 1. Sie leisten einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Situation im ländlichen Raum vor Ort. 2. Neben der Verbesserung der Lebensqualität ergibt sich auch eine Festigung des Miteinanders. 3. Sie gewinnen in den meisten Fällen neue Mitstreiter, denn aus Engagement entsteht neues Engagement. Inzwischen geht der Trend wieder aus der Stadt heraus aufs Land, aber auch hier sind Gebiete attraktiver, in dem es bereits wieder erstandene Infrastruktur und lebendiges Dorf- / Stadtleben gibt. Neulandgewinner können in die noch nicht völlig erschlossenen Gebiete vorstoßen.

„Wenn hier von Neulandgewinnern die Rede ist, dann sind nicht Menschen gemeint, die wie im Goldenen Zeitalter der Niederlande dem Meer Land abgewinnen oder wie in Nordamerika in eine vermeintliche Terra incognita vorstoßen.“
Heinz Bude auf S. 177 im Buch.

Das im März 2017 erschienene Buch „Neuland gewinnen – Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten“ im Ch. Links Verlag (25 Euro) über die Neulandgewinner-Projekte der Robert Bosch Stiftung ist keinesfalls eine Rückschau auf einen erfolgreichen Projektabschluss, sondern eine Zwischenbetrachtung. Seit 2012 unterstützt die Stiftung mit dem Programm „Neulandgewinner: Zukunft erfinden vor Ort“ engagierte Menschen und Initiativen, die „auf dem flachen Land“ Ostdeutschlands Chancen auf Veränderung sehen. Dieses Programm läuft weiter und viele der im Buch vorgestellten Projekte stehen noch am Beginn der Förderung (Förderrunde 2: 2015 – 2017), manche Anfangsprojekte werden weiter gefördert, andere laufen ohne Förderung weiter. Was das Buch sehr sympathisch macht, ist das Eingeständnis das Scheiterns. Auch Projekte, die „vor den Baum“ gegangen sind, werden vorgestellt, z. B. das Projekt Mobil aus Reichenow.

Aber nicht nur um 24 vergangene und laufende Projekte (von inzwischen 51 geförderten Projekten) kommen in dem Buch zu Wort, sondern es gibt einen hervorragenden Einleitungsartikel von Siri Frech, Babette Scurrell und Andreas Willisch. Alle drei Autorinnen sind mit dem Neulandgewinner-Projekten beschäftigt. In diesem Teil des Buches werden die Absichten, die mit den „Neulandgewinner-Projekten“ verbunden sind, kurz skizziert und die Problematik der Förderung angesprochen. Dabei ergeben sich gleichzeitig Erkenntnisse für die politische Praxis: „Die Beobachtung, dass es häufig von engagierten Menschen abhängt, ob eine Gemeinde lebenswert bleibt und Entwicklungschancen hat, sollte zu Formen der Unterstützung für diese Bürger führen.“ Die Zukunft des Landes kann nicht in den Städten, Partei- und Konzernzentralen entschieden werden, sondern muss das „flache Land“ und die dortigen Veränderungen berücksichtigen.

Auch im Mittelteil, versteckt zwischen den Projektvorstellungen, gibt es einen weiteren theoretischen Teil unter dem Titel „Gesellschaft und Transformation“. Dieser theoretischer Teil beinhaltet 5 Artikel von Cordula Kropp, Klaus Obermeyer, Lukas Beckmann, Tina Veihelmann und Heinz Bude. Zwei zentrale Forderungen möchte ich neben den Zitaten in dieser Besprechnung noch einmal aufgreifen, die für die Projekt auf dem Land von zentraler Bedeutung sind: 1. Das Stiftungsrecht muss reformiert werden. 2. Das „flache Land“ muss bei der Entwicklung von Verkehrs- und dateninfrastruktur nicht abgehängt werden, sondern im Gegenteil besonders gefördert werden.

Christine Wenzel

Wir können in einer Besprechung nicht alle im Buch vorgestellten „Neulandgewinner-Projekte“ noch einmal erwähnen, deswegen wollen wir ein Beispiel herausgreifen: Es wird niemanden verwundern, dass wir uns hier Projekt 17 in Quetzdölsdorf näher anschauen. Hier ist Christine Wenzel die Neulandgewinnerin, die mit ihrem Verein Leben.Land.Kunst.Werk e.V. im Dorf schon viel erreicht hat. Aber: „Sie arbeiten chronisch zu viel. Sie verdienen notorisch zu wenig.“ Das könnte beispielhaft für viele dieser Projekte stehen. Aber Frau Wenzel möchte noch mehr: „Das nächste Vorhaben ist die Gründung einer Dorfgenossenschaft für Quetzer Belange, wie vor Ort, Bildung und Kultur, Gemeinschaft der Generationen.“ Dafür wird jetzt ein leerstehender Hof nutzbar gemacht. Aber die Neulandgewinnerin möchte auch Wissen weitergeben, sucht nach Möglichkeiten zur Vernetzung und nach Fortbildungsmöglichkeiten für den Fortschritt in der Dorfentwicklung. Aber Dorfentwicklung nach Neulandgewinnerart bedeutet nicht, das Dorf für die globale Welt des Neoliberalismus zu trainieren, sondern Dorfentwicklung bedeutet Interesse für die Menschen und die Suche nach Miteinander und Zusammenkunft.

Es ist ein sehr buntes Buch. Es ist auch ein wenig Kunst. Ganz- oder sogar doppelseitige Fotografien machen das „Neuland-Buch“ zu einem unerhört ästhetischen Erlebnis. Die meisten Fotografien wurden von Jörg Gläscher aufgenommen, der das Neulandgewinner-Programm seit 2015 fotografisch begleitet: Mähdrescher stehen auf einem Feld, das „Klein-Manhattan“ von Letschin ist zu sehen, ein junger Mann sitzt auf einem Stapel Ziegel. Der Fotograf schafft es, selbst in der größten ländlichen Tristesse einen Hoffnungsschimmer einzufangen. Da versteht jemand sein Handwerk. Hut ab!

„Doch die Neulandgewinner zeigen, dass die heutigen Verlierer zu den Gewinnern von morgen zählen können“.
Corudla Kropp auf S. 157 im Buch

Das Buch „Neuland gewinnen“ stellt nicht nur interessante Projekte auf dem „flachen Land“ vor. Es ist nicht nur es ästhetisches Vergnügen. Es ist nicht nur ein Zeichen der Anerkennung für die vielen Engagierten. Es erweitert nicht nur den eigenen Blick auf die Bewohner der Dörfer und kleinen Städte. Dieses Buch macht einfach Hoffnung.

Mehr Infos unter http://www.neulandgewinner.de/

Paula Poppinga

Neuland gewinnen
Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten
Siri Frech (Hg.)  Babette Scurrell (Hg.)  Andreas Willisch (Hg.)
Erschienen: März 2017
Ausstattung: Klappenbroschur
Format: 21,0 x 27,0 cm
Seitenzahl: 272
Abbildungen farbig: 193
ISBN: 978-3-86153-949-0
25 €
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