Die Einsamkeit des Weltalls

18. Februar 2018 | Rezensionen | 1 Kommentar

Als Jugendliche war ich ein großer Science-Fiction-Fan. Wahrscheinlich bin ich die einzige meines Damenkränzchens, die die Asimovschen Robotgesetze kennt. Die sind bei der heutigen Programmierung gänzlich vergessen, was uns noch schmerzlich auf die Füße fallen wird. Warum ich die Asimovschen Gesetze erwähne? Mit ihnen wäre eine Utopie wie im Roman von Andreas Brandhorst nicht möglich. Damit muß ich aber gestehen, dass ich rückfällig geworden bin! Doch bin ich jetzt in einem Alter, das einem ein paar schrullige Jugendsünden erlaubt zu wiederholen. Und Science Fiction gehört doch wohl eher zu den kleinen Sünden! Immerhin „Die Science Fiction ist die größte aller Bühnen“ (Brandhorst).

Die Einsamkeit des Weltalls

Mein erster Rückfall in dieser Hinsicht war Marion Zimmer-Bradleys „Reise ohne Ende“ von 1975, ein Roman über die Einsamkeit des Weltalls, wo nicht hinter jedem Planetenschatten Klingonen oder Jedi-Ritter warten, sondern Reisen durch die Galaxis langwierig, einsam und nicht immer von Erfolg gekrönt sind. Auch bei Andreas Brandhorst „Das Schiff“ bin ich aus Zufall schwach geworden. Ich habe den 543 Seiten langen Flug durch das Weltall nicht bereut:

6000 Jahre nach unserer Zeit spielt die Handlung in „Das Schiff“. Die Erde wird nur noch von wenigen Menschen bewohnt. Die meisten von ihnen sind dank der Technologie des „Clusters“ unsterblich geworden. Die letzten sterblichen Menschen arbeiten als „Mindtalker“. Ihr Geist wird durchs Weltall zu den weit entfernten Kolonien gesandt. Dort hilft die menschliche Kreativität den Aktionsradius des „Clusters“, des Supercomputers im Erdinnern, weiter voranzutreiben. Einst gab es auf der Erde einen Krieg zwischen der künstlichen und der menschlichen Intelligenz, der fast den ganzen Planeten entvölkert hätte und erst mit der „Konvention von Vienn“ beigelegt wurde. Virenprogramme des „Supervisors“ auf dem Mars werden aktiviert, sollte sich die künstliche Intelligenz (KI) ein weiteres Mal gegen die Menschen richten.

Der „Cluster“ hat längst anderes im Sinn. Seit 1000 Jahren schweifen lichtschnelle Sonden, von „Mindtalkern“ unterstützt, durch die Milchstraße und suchen nach den Artefakten der Muriah, einer Superzivilisation, die vor einer Million Jahren unterging und die den Überlichtflug beherrschte. Der „Cluster“ drängt darauf, an die Technik der Muriah zu kommen, um den Supercomputer im ganzen Weltall zu verbreiten. Bei ihrer Suche wecken sie etwas auf, was schon einmal den „Weltenbrand“ auslöste, der alle Zivilisationen der Galaxis auslöschte. Es ist nur ein einzelnes Schiff. Ab diesem Moment sieht sich der „Cluster“ im Krieg und da kümmert ihn die „Konvention von Vienn“ wenig. Die KI braucht die Kreativität neuer „Mindtalker“.

Adam und Evelyn

Einsam und verloren steht diesen Geschehnissen der „Mindtalker“ Adam gegenüber. Er ist bereits 92 Jahre alt, wird von einer Art Alzheimer geplagt, dennoch schickt ihn der „Cluster“ immer wieder zu Einsätzen an den Rand des bekannten Weltalls. Er erlebt das Auffinden des „Schiffes“ mit, doch löscht der „Cluster“ sofort das Wissen um die Vorgänge in ihm. Auch kann er sich keinen Reim darauf machen, was die geheimnisvolle Unsterbliche Evelyn von ihm will. Sie gehört einer Widerstandsbewegung gegen die Macht des „Clusters“ an. Evelyn registriert voller Schrecken, dass immer mehr Unsterbliche verschwinden. Ein Schlüssel zu den Geschehnissen scheint Adam zu sein. Evelyn muß rasch handeln. Inzwischen kommt „Das Schiff“ immer näher und damit rückt der Krieg direkt auf die Erde zu. Und irgendeine Verbindung zwischen dem „Cluster“ und dem übermächtigen Feind scheint es zu geben. Evelyn muß es nur herausfinden und den Supervisor informieren. Ist dieser noch in der Lage, das Verhängnis aufzuhalten?

Nicht nur bei „Das Schiff“ gelingt es Andreas Brandhorst starke Frauengestalten zu erschaffen, die nicht einfach männliche Helden auf weiblich sind, sondern authentische Frauen, die oft ganz andere Lösungsansätze für ein Problem oder das ganze Leben finden als das männliche Gegenstück. Da hatte er mich vollkommen für sich gewonnen!

Das Gefühl der Einsamkeit des Menschen im unendlichen Weltall erscheint, anders als bei Zimmer-Bradley, bei Brandhorst nicht als verzweifelt und hoffnungslose Variante, sondern am Ende brechen wir voller Hoffnung auf: „Kein Mensch hat je gesehen, was wir sehen werden.“ Das kommt bekannt vor, oder? Aber das Buch war so inhaltlich und literarisch stark, diesen Spaß gönnen wir dem Autor von Herzen gerne. Brandhorst schreibt deutschsprachige Science Fiction jenseits von Starwars und Co. und unser Urteil lautet deswegen: Maximale Überlichtgeschwindigkeit in Richtung Deepspacemäßiggut!

Aber das Schlusswort soll der Autor selbst haben: „Ich werde oft gefragt, warum mich die Science Fiction so sehr fasziniert. Eine Antwort lautet: Die Science Fiction ist die größte aller Bühnen, so groß wie das Universum. Aber der Hauptgrund, warum ich gern Science Fiction schreibe, ist das Staunen angesichts der grandiosen Kulisse des Universums und all der Wunder, die dort draußen existieren.“ (zitiert von https://andreasbrandhorst.de/autor/)

P.S.: Und wer  von „Das Schiff“ noch nicht genug hat, kann auch gerne Brandhorst Kantaki-Saga in 6 Bänden beginnen. Space Opera mit Anspruch! Und wieder mit einer ganz starken weiblichen Hauptperson!

PP

Das Schiff, Roman, Brandhorst, Andreas, Verlag: Piper (2015), 544 S., ISBN-13: 978-3-492-70358-1, 14,99 €

https://andreasbrandhorst.de/

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