Interview mit LHW-Direktor Burkhard Henning zum Stand der Hochwasserschutzanlage am Gimritzer Damm

8. Februar 2021 | Umwelt + Verkehr | Keine Kommentare

Schon vor knapp einem Jahr hatte Hallespektrum.de die Gelegenheit, mit dem Direktor des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) ein Interview zu führen. Damals ging es um den Stand der geplanten Baumaßnahmen am Gimritzer Damm. Der LHW plant, statt eines Deichs eine Hochwasserschutzwand auf Bohrpfahlgründung zu errichten, um Halle-Neustadt zu schützen. Seinerzeit hatten Anwohner der Hafenstraße geklagt – und tun es noch immer. Wie Burkhard Henning damals ankündigte, könne die Schutzwand auf jeden Fall im Jahre 2021 fertig gestellt werden – doch dann kam Corona.

Aber der Reihe nach, wir sprechen wieder mit Herrn Henning:

Hallespektrum: Das Jahr hat nun begonnen, Bauarbeiten finden – jedenfalls soweit sichtbar – nicht statt. Der Saalepegel war gestiegen wohl auch deshalb, weil die Talsperren in Thüringen abgelassen werden, auch wegen der zwischenzeitlichen Schneeschmelze. Viele Hallenser blicken mit Sorgen auf ihren Fluss. Und auf die Massen von Schnee, die nun gefallen sind. Bleibt es bei der Einschätzung, dass der Damm fertig wird, oder gibt es Verzögerungen?

Henning: Es gab Verzögerungen. Wenn Sie in der damals gültigen Fassung der Corona-Eindämmungsverordnung nachlesen, dann waren Bodeneingriffe in dem Gelände, wo man ja auch noch Kriegsmunition und Fliegerbomben hätte finden können, untersagt. Das hatte etwas damit zu tun, dass man Wohnviertel hätte evakuieren müssen – was unter Pandemiebedingungen nahezu unmöglich gewesen wäre. Dennoch sind jetzt alle Bauvoruntersuchungen abgeschlossen, unsere Planer haben die Ausschreibungsunterlagen erstellt, die Ausschreibung ist veröffentlicht und damit auf dem Markt.

Hallespektrum: In der Mitteldeutschen Zeitung erschien letzte Woche ein Artikel, der sich auch mit den Klagen der Anwohner der Hafenstraße befasst. Darin war die Rede davon, dass die Kläger neue Gutachten zu den Strömungsverhältnissen verlangen, und dass das Gericht dem teilweise stattgegeben habe. Behindert das den weiteren Deichbau?

Henning: Nein, eigentlich nicht, wir haben bestehendes Baurecht, die Klagen haben keine aufschiebende Wirkung. Sie betreffen nach unserer Ansicht auch nicht den weiteren Bau der Hochwasserschutzanlage. Die Kläger verlangen vom Land – also nicht vom Maßnahmenträger LHW – spezielle Hochwasserschutzmaßnahmen für ihre Grundstücke. Das beeinflusst nicht die Vorhaben am Gimritzer Damm. Insofern ist die Darstellung in der Mitteldeutschen Zeitung schon korrekt.

Hallespektrum: Können Sie skizzieren, wie es nun weitergeht?

Henning: Es haben sehr viele Baufirmen Interesse an unserer Ausschreibung bekundet. Es gibt eine große Zahl von Bewerbern.

Hallespektrum: Ist europaweit ausgeschrieben worden?

Henning: Nein, es war nicht notwendig, dass man europaweit ausschreiben muss, da das Bauvolumen unter 5 Millionen Euro liegt.

Hallespektrum: Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Henning: Es werden etwa 3,8 Millionen Euro sein, davon sind etwa 500.000 Euro Planungs- und sonstige Kosten. Die reinen Baukosten schätzen wir auf etwa 3,3 Millionen.

Hallespektrum: Wann schätzen sie, wann der Bau beginnen kann?

Henning: Das hängt sehr stark davon ab, wie das Bieterverfahren ausgeht. Unsere  Ausschreibung ist ja bereits auf dem Markt. Das ist ja heute recht kompliziert, was der größtmöglichen Transparenz in solchen Verfahren geschuldet ist. Wenn wir einem Bieter den Zuschlag geben, müssen wir das allen anderen Mitbietern bekanntgeben, einschließlich aller Gründe. Die unterlegenen Bieter haben dann die Möglichkeit, Einspruch zu erheben. Dadurch kann so ein Verfahren natürlich in die Länge gezogen werden. Das haben wir nicht in der Hand. Wenn alles nach unseren Vorstellungen abläuft, könnten wir im April die Aufträge auslösen.

Hallespektrum: In Thüringen werden gerade Talsperren abgelassen, um Platz zu schaffen für Schmelzwasser, das möglicherweise nach der Schmelze der jetzt aktuell angekündigten Schneemassen anfallen könnte. Haben Sie Sorgen davor, dass Halle eine neue Hochwasserwelle erreicht, bevor der Damm fertig ist?

Henning: Leider sind sehr langfristige Wetterprognosen heute nicht möglich, dass man da ernsthafte Aussagen treffen kann. Bei den Schneemassen kommt es darauf an, wie das Wetter danach wird. Bleibt es erst einmal kalt, und kommt dann immer wieder mal tagsüber die Sonne raus, so kann sich der Schnee sogar verflüchtigen, ohne große Mengen Schmelzwasser in Abfluss zu bringen.

Hallespektrum: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Behörden in Thüringen? Nach der letzte Katastrophe sind immer wieder Stimmen laut geworden, dass die Bundesländer in Sachen Hochwasserschutz ihr eigenes Süppchen kochen. Ramelow will die Talsperren als Erholungsgebiete nutzen. Da sind leere Talsperren unattraktiv. Und Vattenfall will Strom produzieren.

Henning: Diese Vorwürfe wurden damals von vielen Kommunen erhoben, auch von denen auf Thüringer Seite, Jena zum Beispiel. Man hat diese Vorwürfe gemeinsam untersucht, und wir haben immer wieder festgestellt, dass 2013 eigentlich die Zusammenarbeit mit den Ländern und auch das Talsperrenmanagement ausgesprochen gut funktioniert hatten.

Hallespektrum: Mit anderen Worten, es hätte 2013 viel schlimmer kommen können?

Henning: Allerdings, das kann man so sagen.

Hallespektrum: Eine letzte Frage. Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat jüngst in seiner täglichen Pressekonferenz zu „Corona“ angekündigt, ab Überschreiten der Hochwasserwarnstufe 1 (Henning: „Ich glaube, er hat 2 gemeint“) den Katastrophenfall auszurufen, und auf eigene Kraft einen „Notdeich“ zu errichten. Wären Sie mit solchen Eingriffen einverstanden?

Henning: Die Situation ist heute glücklicherweise eine andere als damals. Es hat sich da im Verhältnis mit der Stadt einiges zurecht gerüttelt. Wir stehen in ständiger Beratung mit der Stadt, und wenn die Stadt oder wir Maßnahmen trfeffen, dann stimmen wir uns da gegenseitig ab.

Herr Henning, Hallespektrum dankt Ihnen für das Gespräch.

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