Eine junge Familie steht an einem Samstagmorgen mit Wohnungsexposés vor einem Altbau in Halle-Mitte. Die 3-Zimmer-Wohnung kostet über 500 Euro Kaltmiete – kein Einzelfall mehr. Zwar gilt Halle im bundesweiten Vergleich noch als Stadt mit moderaten Mieten, doch die Preise sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aktuell liegen sie durchschnittlich bei rund 7,80 Euro pro Quadratmeter, in gefragten Lagen und bei kleineren Wohnungen deutlich darüber. Die Suche nach bezahlbarem Wohnraum ist für viele Hallenserinnen und Hallenser spürbar schwieriger geworden.
Warum Halle früh reagierte
Vor diesem Hintergrund brachte der Stadtrat bereits 2015 ein wohnungspolitisches Konzept auf den Weg, das 2018 beschlossen wurde. Ziel war es, steigenden Mieten und sozialer Polarisierung frühzeitig entgegenzuwirken. Denn Halle hatte lange keinen Wohnungsmangel im klassischen Sinne, sondern vor allem ein Verteilungs- und Qualitätsproblem: Wohnraum war vorhanden, aber nicht überall bezahlbar oder passend für unterschiedliche Lebenslagen.
Nach Jahrzehnten von Bevölkerungsrückgang und Leerstand stabilisierten sich ab Mitte der 2010er Jahre die Einwohnerzahlen durch Zuzug, Sanierungen und Neubau nahmen zu. Gleichzeitig stiegen die Mieten, während soziale Unterschiede zwischen Stadtteilen sichtbarer wurden. Das Konzept sollte diese Entwicklung aktiv steuern und eine sozial ausgewogene Stadtentwicklung sichern.
Der Wohnungsmarkt in Zahlen
Halle (Saale) hatte 2023 rund 146.000 Wohnungen, davon 87 Prozent in Mehrfamilienhäusern. Der Bestand wuchs seit 2019 nur moderat um etwa ein Prozent. Rund 40 Prozent der Wohnungen gehören kommunalen oder genossenschaftlichen Unternehmen. Gleichzeitig sind etwa 22 Prozent der Haushalte auf preisgünstigen Wohnraum angewiesen.
Zwischen 2019 und 2024 stiegen die Angebotsmieten um rund 20 Prozent. Neubauten lagen 2024 bei durchschnittlich über 12 Euro pro Quadratmeter, während DDR-Bestandswohnungen mit etwa 6,30 Euro am günstigsten blieben. Die Bestandsmieten liegen zwar niedriger als die Angebotsmieten, steigen aber ebenfalls kontinuierlich. Hinzu kommen deutlich höhere Betriebs- und Heizkosten, insbesondere infolge der Energiekrise.
Ziele des Konzepts
Das wohnungspolitische Konzept formulierte klare Ziele: bezahlbaren Wohnraum in der inneren Stadt sichern, Großwohnsiedlungen aufwerten, Neubau qualitativ steuern, Markttransparenz erhöhen und kommunale Flächen aktivieren. Ein zentrales Anliegen war die soziale Mischung in allen Stadtteilen, auch durch Kooperationen mit Wohnungsunternehmen, Quoten für preisgünstige Wohnungen im Neubau und gezielte Quartiersentwicklung.
Großwohnsiedlungen sollten durch Modernisierung und Infrastrukturmaßnahmen stabilisiert werden, während Neubau vor allem dort entstehen sollte, wo der Bedarf besonders hoch ist. Barrierefreiheit, familiengerechte Grundrisse und altersgerechtes Wohnen spielten dabei ebenso eine Rolle wie Klima- und Hochwasserschutz.
Umsetzung: Fortschritte und Hindernisse
Seit 2018 wurde einiges angestoßen, doch vieles geriet ins Stocken. Ein wichtiger Schritt war die Einführung eines qualifizierten Mietspiegels, der für mehr Transparenz sorgt, aber zugleich den deutlichen Mietanstieg sichtbar macht. Auch das geplante „Baulandmodell“, das bei Neubauten einen Anteil von rund 20 Prozent gefördertem Wohnraum sichern soll, gilt als zentrales Instrument, ist bislang jedoch noch nicht umgesetzt.
Kontrovers diskutiert wird die Rolle der kommunalen Wohnungsgesellschaften HWG und GWG. Kritiker, zum Beispiel aus der Linksfraktion, bemängeln seit Jahren, dass ihre Millionenabführungen an den Stadthaushalt Mieterhöhungen begünstigen. 2024 wurden diese Zahlungen zwar halbiert, Forderungen nach einem vollständigen Verzicht bestehen jedoch weiter.
Der wohnungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Bodo Meerheim, warnte: „Damit die kommunalen Wohnungsgesellschaften sich wieder erholen und wir die Mieterhöhungen ausreichend begrenzen können ist das Gebot der Stunde NULL Euro Abführungen. Dies würde die Mieter*innen von HWG und GWG sofort entlasten und mittelfristig über den Mietspiegel alle Mieter*innen Halles. Dafür sollten wir bereit sein, auf die gesamten Abführungen zu verzichten.“
Neue Realitäten, alte Leitlinien
Die Rahmenbedingungen haben sich seit 2018 grundlegend verändert. Steigende Bau- und Finanzierungskosten, die Energiekrise und höhere Anforderungen an energetische Sanierungen verteuern den Wohnungsbau und erhöhen den Druck auf Bestandsmieten. Gleichzeitig wird bezahlbarer Wohnraum für Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen knapper.
Viele Instrumente des Konzepts setzen auf langfristige Steuerung und freiwillige Kooperationen – Ansätze, die unter heutigen Marktbedingungen nur begrenzt wirken. Dennoch bleiben zentrale Leitlinien aktuell: sozial gemischte Quartiere, eine starke Rolle kommunaler Wohnungsunternehmen und eine aktive Steuerung des Wohnungsmarktes.
Braucht Halle ein neues Wohnungskonzept?
Für die Zukunft lassen sich mehrere Szenarien skizzieren. Ein „Weiter so“ würde bedeuten, bestehende Konzepte beizubehalten und auf schrittweise Verbesserungen zu setzen, mit dem Risiko, dass die soziale Spaltung auf dem Wohnungsmarkt weiter zunimmt. Eine behutsame Aktualisierung könnte bestehende Leitlinien erhalten, sie aber um verbindlichere Instrumente ergänzen, etwa beim Baulandmodell, bei kommunalen Wohnungsunternehmen oder bei sozialen Standards im Bestand. Ein Neustart mit einem grundlegend überarbeiteten wohnungspolitischen Konzept würde hingegen die veränderten Realitäten seit 2018 zum Ausgangspunkt nehmen und neue Prioritäten setzen.
Klar ist: Wohnen ist längst zu einer sozialen Schlüsselfrage geworden. Ob das bestehende Konzept dafür noch das richtige Werkzeug ist, wird die Stadt in den kommenden Jahren beantworten müssen.
One comment on “Halle und die Wohnungspolitik: Zwischen Bewahren und Neuorientieren”
Ich habe nie verstanden, wozu wir zwei kommunale Wohnungsgesellschaften brauchen. Sozialistischer Wettbewerb?
Das kostet alles doppelt. Aber OK, es gibt dann mehr Aufsichtsratsposten aus dem Stadtrat heraus zu besetzen.
„Gewinnabführung“? Die kommunalen Wohnungsgenossenschten hauen das auf die Miete drauf. Das verzerrt den Mietspiegel nach oben. Und am Ende zahlt die Gemeinschaft die gestiegenen Mieten wieder mit dem Wohngeld. Linke Tasche, rechteTasche, und dazwischen werden die Hände aufgehalten, auf Kosten derer, die nun mal wohnen müssen.