Gericht erlaubt Abriss eines 500 Jahre alten Hauses in der Altstadt

30. Oktober 2013 | Wirtschaft | 1 Kommentar

Das Eckhaus an der Ecke Kleine Steinstraße / Brüderstraße darf abgerissen werden. Das Verwaltungsgericht Halle hat das Landesverwaltungsamt verurteilt, dem Abrissantrag für das fast 500 Jahre alte Gebäude zuzustimmen.

Bislang hatte das Amt den Abriss verweigert, nachdem zuvor auch das Landesamt für Denkmalpflege seine Zustimmung versagte. Der Eigentümer dagegen will auf dem Areal samt benachbarter Baulücke und Eckgebäude Kleine Steinstraße / Große Steinstraße ein Pflegeheim bauen. Mit dem Arbeitskreis Innenstadt (AKI) gibt es sogar einen möglichen Käufer für das denkmalgeschützte Gebäude. Zwischen 2006 und 2009 war die Hallesche Wohnungsgesellschaft Miteigentümer des nun vakanten Gebäudes. Weil die Miteigentümer – eine Erbengemeinschaft – das nicht wollte, wurde das Gebäude vor vier Jahren versteigert.

Begründet wird das Urteil mit dem Gebäudezustand. Eine Sanierung sei wirtschaftlich nicht zumutbar, so das Gericht. Befürchtung der Abrissgegner: das öffnet Tür und Tor für andere Gebäudebesitzer, die ihr denkmalgeschütztes Eigentum ebenfalls verkommen lassen und dann Abrissanträge stellen.

Zur Geschichte
Erbaut wurde das Fachwerkhaus im niedersächsischen Stil in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, die älteren vorhandenen Kelleranlagen wurden dabei einbezogen. Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit zum Haus Kleine Ulrichstraße 33 (Gasthaus Alt-Halle). Wegen Kriegsschäden fehlen Teile von Dach- und 2. Obergeschoss. Die einstige Pracht lässt sich nur noch erahnen.

Erster erwähnter Besitzer in der Mitte des 16. Jahrhundert ist das angesehene Mitglied des halleschen Stadtbürgertums Andreas Grundtmann, der seit spätestens 1554 Bürger geworden ist. Ab 1615 erwirbt Melchior Hoffmann das Grundstück für den relativ hohen Preis von 1500 Gulden. Er ist Jurist u.a. am kaiserlichen Kammergericht in Speyer sowie seit 1620 Schultheiß in Halle. Ab 1623 diente das Haus eventuell als Administrationsstube im Dienste des Administrators (und Stadtherrn) Christian Wilhelm von Brandenburg. Im 19. Jahrhundert kam es in den Besitz verschiedener Brauereien und wurde als Gasthaus genutzt.
Die steinerne Tafel mit einer Größe von ca. 60 mal 60 Zentimetern stellt das Wappen des Markgrafen Christian Wilhelm von Brandenburg (1587-1665) dar, der zu Beginn des 17. Jh. als Administrator des Erzstiftes Magdeburg in Halle regierte.

Im Jahr 1953 geriet die Gaststätte “Zum Markgrafen” mitten in bedeutende politische Ereignisse hinein – in den Volksaufstand des 17. Juni. Falls der Wirt Walther Meye schon um die Mittagszeit in der Kneipe anwesend war, konnte er beobachten, wie sich Demonstranten in der Kleinen Steinstraße vor seiner Gaststätte versammelten, um die Freilassung politischer Häftlinge aus der Haftanstalt II zu erwirken. Später wurde die Kneipe als „Marktwirtschaft“ bekannt.

Print Friendly, PDF & Email
Ein Kommentar

Kommentar schreiben