Frauen in Halle machen vor allem Mini-Jobs

5. September 2013 | Wirtschaft | Keine Kommentare

In Halle (Saale) haben Frauen die schlechteren und die schlechter bezahlten Jobs. Zu diesem Ergebnis kommt das Pestel-Institut. Demnach sind 50 Prozent aller Vollzeitstellen in Halle (Saale) mit Frauen besetzt, bei den Teilzeit- und Mini-Jobs beträgt der Frauenanteil 69 Prozent.

Foto: Archiv

„Frauen machen immerhin rund 9.940 Mini-Jobs in Halle (Saale). Gerade hier ist das Niedriglohn-Risiko am höchsten: Zwei von drei der Mini-Jobs werden mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt. Oft liegen sie sogar weit darunter“, sagt Lothar Philipp von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). Der Geschäftsführer des ver.di-Bezirks Sachsen-Anhalt-Süd spricht von einer „Niedriglohn-Schicht“, die vom „fair bezahlten und damit anständigen Arbeitsmarkt“ mehr und mehr abgekoppelt werde. „Gerade Frauen werden als billige Arbeitskräfte von Teilen der heimischen Wirtschaft regelrecht ausgenutzt“, so Philipp.

Gemeinsam mit ver.di übt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heftige Kritik an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Halle (Saale): „Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Mini-Jobber übernehmen die Arbeit von Vollzeitkräften. Jobs werden zerschlagen, Löhne gedrückt“, sagt Jörg Most. Der Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau belegt dies mit Zahlen vom Pestel-Institut aus Hannover, das ver.di und NGG damit beauftragt haben, die regionale Arbeitsmarktsituation zu beurteilen. Demnach hat die Zahl der Mini-Jobs in den vergangenen zehn Jahren um 22 Prozent zugenommen. „Mini-Jobber sind moderne Tagelöhner – mies bezahlt mit wenig Schutz“, so Most. Der Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau beklagt eine „völlig verlotterte Moral im Umgang mit dem Wert von Arbeit“.

„Wer für einen Dumpinglohn schuftet, der fühlt sich von der Gesellschaft mit Füßen getreten. Und das völlig zu Recht“, sagt Lothar Philipp. Die Bundesregierung habe hier „auf ganzer Linie versagt“. Seit Jahren stemme sie sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. „Dabei wird es höchste Zeit, diese Notbremse zu ziehen. Arbeit ist keine Dumpingware. Sie darf nicht länger nach dem Geiz-ist-geil-Prinzip auf den Wühltischen der Arbeitsvermittler angeboten werden“, so der ver.di-Bezirksgeschäftsführer. Vordringliche Aufgabe der neuen Bundesregierung müsse es daher sein, einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einzuführen.

„Für einen Niedriglohn zu arbeiten, bedeutet, dass man den Gürtel ganz eng schnallen muss. Wer dazu gezwungen ist, hat nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören“, sagt Jörg Most. Dumpinglöhner lebten längst in einer „Verzichtskultur“, zu der sie gezwungen seien. Ganze Familien würden dabei vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. „Bus- und Bahnfahrten sind für diese Menschen oft schon etwas Besonderes. Der Gang ins Kino oder Freizeitbad ist die absolute Ausnahme. Und ein Restaurantbesuch der pure Luxus“, so der Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau.

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar schreiben