3.290 Hallenser haben mindestens zwei Jobs

11. April 2013 | Wirtschaft | Keine Kommentare

Bedenkliche Zahlen hat das Pestel-Institut in Hannover im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) für Halle (Saale) ermittelt.

Foto: Archiv

Demnach waren in der Saalestadt 3.290 Berufstätige im vergangenen Jahr auf einen Mini-Job als zusätzliche Einnahmequelle angewiesen. „Blickt man zehn Jahre zurück, so hat es eine Zunahme von rund 101 Prozent gegeben“, sagt Studienleiter Matthias Günther vom Pestel-Institut. Im vergangenen Jahr hätten nahezu vier Prozent der Beschäftigten in Halle sich mit einem 400-Euro-Job nebenher etwas dazuverdient.

„Wir haben das Phänomen der Multi-Jobber. Das sind Menschen, die mit dem Geld, das sie in ihrem Hauptjob verdienen, nicht mehr auskommen. Deshalb müssen sie auf einen oder mehrere Nebenjobs ausweichen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen. Aus der puren Lust an einer 55- oder 60-Stunden-Woche macht das jedenfalls keiner“, sagt der Geschäftsführer des ver.di-Bezirks Sachsen-Anhalt-Süd, Lothar Philipp. Er macht für das „Multi-Jobben“ vor allem Niedriglöhne verantwortlich. „Auf der einen Seite werden Stundenlöhne bezahlt, die im Keller sind. Auf der anderen Seite steigen die Lebenshaltungskosten. Das beste Beispiel ist das Wohnen. Hier dreht sich – nicht zuletzt wegen der Heiz- und Nebenkosten – die Preisspirale unaufhörlich nach oben. Da sind Niedrigverdiener gezwungen, nach Feierabend und an den Wochenenden noch einmal zur Zweit-Arbeit zu gehen“, so Philipp.

Abhilfe könne nach Angaben von ver.di und NGG nur ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn schaffen. „8,50 Euro pro Stunde – das ist der Mindestpreis, den Arbeit bei uns hat. Wer heute für weniger Geld arbeiten muss, der hat keine Chance, von dem, was er verdient, auch leben zu können“, sagt der Geschäftsführer der NGG-Region Leipzig-Halle-Dessau, Jörg Most. Er macht deutlich, dass selbst ein Mindestlohn von 8,50 Euro am Ende gerade einmal für ein Leben reiche, das „haarscharf über dem Hartz-IV-Niveau“ liege. Die generelle Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde könne daher nur ein Einstieg sein. „Alles darunter bedeutet erhebliche Abstriche beim Lebensstandard. Und vor allem auch ‚Ebbe bei der Rente’ – Altersarmut ist so programmiert“, so Most. Auch ein 8,50-Euro-Mindestlohn müsse daher rasch in weiteren Schritten angehoben werden.

Eine klare Absage erteilen ver.di und NGG dem Vorhaben der schwarz-gelben Regierungskoalition in Berlin, regional unterschiedliche Lohnuntergrenzen einzuführen. „Dann würde Deutschland zu einem ‚Lohn-Flickenteppich’. Das Ziel, das Union und FDP dabei verfolgen, ist klar: Billig-Regionen etablieren, in denen die Arbeit dann überall unter 8,50 Euro Stundenlohn gehandelt wird“, sagt Lothar Philipp. Der ver.di-Geschäftsführer warnt vor einer „Deutschlandkarte mit Dumpinglohn-Löchern“, in die hinein dann „von skrupellosen Unternehmen die Aufträge vergeben“ würden. Abgesehen davon hält Philipp regionale Mindestlohn-Tarifverhandlungen „schlichtweg für nicht machbar, da sich die Arbeitgeber von Lohndrücker-Branchen garantiert nicht an einen Verhandlungstisch setzen würden“. Auch wirksame Kontrollen wären bei wechselnden Mindestlohngebieten in der Praxis nicht machbar.

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar schreiben