Weihnachtswort der Landesbischöfin: Aktiv ent-feinden – das ist die Kraft des Friedens

22. Dezember 2014 | Vermischtes | Keine Kommentare

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, geht in ihrem Weihnachtswort der Frage nach, wie Frieden gelingen kann:

Weihnachten ist das Fest des Friedens. Friede! Wie wichtig ist diese Botschaft gerade in diesem Jahr! So viele Kriegsherde sind neu entstanden, wer hätte das noch vor einem Jahr für möglich gehalten? Das brutale Morden der Terrorarmee „Islamischer Staat“, die Eskalation der Gewalt in Israel und Palästina, das Wüten von Boko Haram in Nigeria, die Terroranschläge in Afghanistan, Pakistan und Australien, der Bürgerkrieg in Syrien. Die Annexion der Krim durch Russland und die Kämpfe im Osten der Ukraine, eine Entwicklung, die so schnell mit der Logik des Kalten Kriegs beantwortet wird, den wir doch für überwunden glaubten!
Wie sehr schreit die geschundene Welt nach Frieden!
Auch unser Land hat Frieden bitter nötig: Angst, ja auch Hass wird geschürt gegenüber Menschen, die vor Krieg und Verfolgung Schutz bei uns in Deutschland suchen. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, vor allem die Altersarmut nimmt dramatisch zu.
Und ich denke an die Jahrestage der Kriege, die von Deutschland ausgegangen sind: 1914, vor einhundert Jahren, begann der 1. Weltkrieg. Vor 75 Jahren der Beginn des 2. Weltkrieges in Deutschland. – Das alles ist da in unserer Erinnerung und in den täglichen Nachrichten, wenn wir das Fest des Friedens feiern wollen. Wie kann Friede werden?

Die Weihnachtsbotschaft sagt uns: Frieden ist möglich ist. Gott kommt selbst in unsere heillose Welt und bringt Frieden. Die Hirten, die zu den Ärmsten gehören, erfahren zuerst davon. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, rufen Engel ihnen zu. Als sie im Stall das neugeborene Kind sehen, da erleben sie Frieden für sich: Hier sind sie willkommen und geachtet, die sonst so wenig Achtung erfahren.
Gott selbst zeigt uns, wie Friede werden kann. Er kommt auf die Welt als kleines Kind, ganz wehrlos. Er setzt ganz auf die Kraft der Liebe und auf Mitmenschlichkeit. So wirkt Gott unter uns. Mit der Kraft der Liebe.
Das bedeutet: Gewaltsame Wege sind nicht Gottes Wege. Es mag sein, dass manche Gewaltexzesse nur noch mit Gegengewalt aufzuhalten sind.
Doch wer Frieden will, der muss den Frieden vorbereiten. Deshalb darf es zu einer solchen Eskalation gar nicht erst kommen! Menschen in Notsituationen brauchen Hilfe, bevor sich ihre Verzweiflung gewaltsam Bahn bricht. Und Konflikte lassen sich lösen, wenn sie nur rechtzeitig erkannt und bearbeitet werden. Die Friedensforschung hat längst Methoden für eine friedliche Konfliktbewältigung entwickelt und erprobt. Doch nur ein Bruchteil von dem, was wir für Rüstung und Militär ausgeben, fließt in diesen Bereich. So kann kein Friede werden.

Manche fragen, ob es nicht naiv ist, auf Gewaltlosigkeit und auf die Kraft der Liebe zu setzen. Würde ein starker Held nicht viel mehr bewirken als ein wehrloses Kind?
Im Kind zeigt uns Gott: Ihm geht es um unsere Menschlichkeit, um unsere Mitmenschlichkeit. Deshalb setzt er auf die Kraft der Liebe und des Friedens.
Wie stark diese sein kann, das haben Menschen immer wieder erfahren:
Vor fünfundzwanzig Jahren waren es Kerzen und Gebete, die die DDR-Diktatur zu Fall brachten, verbunden mit dem klaren Ruf: „Keine Gewalt!“
Und vor einhundert Jahren, in den Schützengräben des 1. Weltkrieges im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Belgien und Frankreich, gab es den Weihnachtsfrieden ganz real: Deutsche, französische und britische Soldaten stellten am Heiligen Abend das Feuer ein, um ihre Toten zu begraben. Sie tauschten Bier und Tabak. Sie zeigten sich ihre Familienfotos, spielten zusammen Fußball und feierten gemeinsam Gottesdienst. Solche Verbrüderungen gab es an vielen Orten, mindestens 100.000 Soldaten sollen Waffenstillstand gehalten haben.

Aktiv ent-feinden – das ist die Kraft des Friedens. Den Anderen als Mitmensch sehen –
darauf kommt es auch heute an. In der großen Politik, dass die Verantwortlichen gerade in kritischer Situation im Gespräch bleiben. Und auch in der Familie, im Kollegenkreis, in der Nachbarschaft kann nur Friede werden, wenn wir auf den anderen zugehen, friedlich, verständnisvoll.
Vertrauen wir dieser Kraft und öffnen uns auch für die Menschen, die bei uns Schutz suchen. Begrüßen wir sie als Nachbarn und stellen wir uns der Angst vor Fremden und Fremdenfeindlichkeit entgegen. Helfen wir mit unseren Spenden, die unglaubliche Not der IS-Opfer in den Flüchtlingslagern in Jordanien und im Irak zu lindern.

Ganz weit hat Gott an Weihnachten die Türen des Himmels geöffnet, damit Friede auch auf Erden wachsen kann. Er setzt auf unsere Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Darin stärke uns das diesjährige Weihnachtsfest besonders.
Ich wünsche Ihnen frohe, gesegnete und friedvolle Festtage!

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