Tor zur Barbarei steht weit offen: Gedenken zum Volkstrauertag in Halle

16. November 2014 | Vermischtes | Keine Kommentare

Am Sonntag haben Stadtverwaltung und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VKD) mit einer Gedenkfeier in der Kapelle des Gertraudenfriedhofs an die Opfer von Krieg, Zerstörung und Vertreibung erinnert. Anlass war der Volkstrauertag.

Man wolle die Erinnerung wach halten an die Greul der Kriege und ihre Opfer, so der VDK-Vorsitzende Bernhard Bönisch. Er berichtete von seiner Jugend als er dacht, er lebe in einer aufgeklärten Zeit und die Menschheit habe aus ihren Fehlern gelernt. „Heute bin ich klüger, leider. Und desillusioniert“, so Bönisch. Wie die ISIS aktuell im Norden Iraks und Syrien zeige, lasse Ideologie die Menschen weiterhin zu Barbaren werden. Geschichtsfälscher und Hassprediger sollten nicht mehr die Möglichkeit haben, die Kinder und Jugendlichen zu infiltrieren.

„Wir erinnern heute an das millionenfache Sterben“, sagte Baudezernent Uwe Stäglin, der die Gedenkworte für die Stadt sprach. Er zitierte das Gedicht „Grodek“ das österreichischen expressionisten Künstlers Georg Trakl. „Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen, darüber die Sonne düster hinrollt; umfängt die Nacht sterbende Krieger, die wilde Klage ihrer zerbrochenen Münder. Doch stille sammelt im Weidengrund rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt, das vergossne Blut sich, mondne Kühle; alle Straßen münden in schwarze Verwesung. Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain, zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter; und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes. O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre, die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz, die ungebornen Enkel.“ Takl war im 1. Weltkrieg einem Feldlazarett bei Grodek als Sanitätsleutnant tätig. Es müsse alles getan werden, damit Hass und Extremismus verschwinden, so Stäglin. Es gelte immer wieder, an Mitmenschlichkeit, Toleranz und Nächstenliebe zu erinnern.

Die Festrede hielt der Intendant des neuen theaters, Matthias Brenner. Der November sei ein tragischer und Zugleich glücklicher Monat für die Deutschen, meinte er. Neben der Ereignisse im dritten Reich seien mit diesem Monat schließlich auch der Mauerfall und Karneval verbunden. Brenner sagte, es müsse unbedingt verhindert werden, dass Geschichte glattgebügelt werde. Er selbst sei glücklich, nie Kriege erlebt zu haben. Doch er wolle nicht in künftigen Geschichtsbüchern der Vorkriegsgeneration angehören. Denn das Tor zur Barbarei stehe weit offen, wie die Ereignisse in Gaza und beim Islamischen Staat zeigen. Brenner appellierte an die gelebte internationale Solidarität.

Im Anschluss an die offiziellen Worte fand noch an der aus 25 Figuren bestehenden Skulptur “Die Endlose Straße” des Bildhauers Richard Horn, die an Opfer von Krieg und Gewalt erinnern sollen, Kränze niedergelegt.

Der Volkstrauertag wurde 1922 erstmalig begangen und mahnt zu Versöhnung, Verständigung und Frieden und erinnert heute an die Toten, insbesondere an die Opfer der beiden Weltkriege mit den Verbrechen des Nationalsozialismus und der stalinistischen Diktatur. Die Nazis machten aus dem kollektiven Trauertag einen Staatsfeiertag und benannten ihn in “Heldengedenktag” um. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat den Gedenktag nach Gründung der Bundesrepublik im Jahre 1950 wiederbelebt und wird seitdem am Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent begangen.

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