Tag des offenen Denkmals: Hallenser schauen hinter die Kulissen

9. September 2013 | Vermischtes | 1 Kommentar

Hunderte Hallenser, viele von ihnen mit Fotoapparat bewaffnet, pilgerten am Sonntag durch die Stadt. Anlass war der „Tag des offenen Denkmals“.

Das Programmheft führte 56 Baudenkmäler auf, die geöffnet waren. So konnten Besucher in den Abwasserkanal in der Huttenstraße hinabsteigen. Erklommen werden konnte der Wasserturm Nord an der Paracelsusstraße. Am Alten Markt lud das ehemalige Gasthaus „Alter Pflug“ ein, wenige Meter weiter standen die Türen der „Goldenen Rose“ offen. Ein Blick hinter die Kulissen konnte auch in Steintor-Varieté geworfen werden. Dort wurde über die Restaurierung der Fassade informiert, die im Oktober wieder erstrahlen soll, aber auch über den anstehenen Neubau mit einer Fußgängerpassage zum Steintor-Campus. Besichtigt werden konnte auch das Künstlerhaus 188 am Böllberger Weg, dem Wegen des Straßenausbaus der Abriss droht.

In der Brüderstraße gab es eine kleine Podiumsdiskussion zum Zustand der dortigen Gebäude, insbesondere der Hausnummern 5, 7 und 12. Es sei notwendig, in nächster Zeit zu Entscheidungen kommen, mahnte Baudezernent Uwe Stäglin. Andreas Riethmüller vom Landesverwaltungsamt bezeichnete insbesondere die Marktwirtschaft als bedeutendes Objekt, welches nicht geschliffen werden dürfe. Sein Amt hat einen Abrissantrag für das Gebäude auf dem Tisch und diesen abgelehnt, nun streitet sich das Landesverwaltungsamt vor Gericht mit dem Eigentümer. Derzeit sei ein Gutachter beauftragt zu prüfen, inwieweit das Haus zu retten ist. Laut Stäglin werde derzeit ein Bauantrag für eine Pflegeeinrichtung geprüft, der die „Marktwirtschaft“ ausklammert. Ein Problem sei, dass der Eigentümer unbedingt abreißen wolle und selbst Städtebau-Fördermittel ablehnt. Von Hausnummer 12 gibt es etwas bessere Nachrichten. Dort gibt es einen Kaufinteressenten.

Mit dabei war auch die Broihanschenke in Ammendorf. Das Haus wurde Ende des 16. Jahrhunderts erbaut und gilt als ältestes erhaltenes Gasthaus in Halle. Außerdem war es ein beliebtes studentisches Ausflugslokal, in dessen Kellerräumen das kühle Broihanbier verzehrt wurde. Eine weitere Nutzung des Hauses bestand in der Zollstation an der Schafbrücke über die Weiße Elster. Hier verlief die alte Handelsstraße, auf der Napoleon 1806 schon entlang ritt. Das alte Gemäuer wird seit Jahren wieder Stück für Stück aufgebaut. Ab dem nächsten Frühjahr soll das Haus dauerhaft öffentlich zugänglich sein.

In den Franckeschen Stiftungen qualmte der Schornstein. Denn hier wurde im historischen Brau- und Backhaus frisches Brot gebacken, versehen mit dem Riesen-Stempel der Stiftungen. Etwa eine Stunde muss so ein Brot im Steinofen ausbacken. In der frisch sanierten Latina auf dem Stiftungsgelände gab es ebenso Führungen. Besucher bekamen dabei sogar einige Schätze zu Gesicht, wie eine kleine versteckte Küche. Und auch eine Bohlenstube verbirgt sich auf dem Stiftungsgelände, in der Waisenhausbuchhandlung. Zudem wurden Gedenkmünzen zum Francke-Jubiläum geprägt. Matthias Brenner (Chronist), Hilmar Eichhorn (Friedrich Wilhelm I.) und David Kramer (August Hermann Francke) luden zum begehrten Rundgang nach einer historischen Mitschrift „Der Besuch des Köngis“ ein

Am Lutherplatz öffnete das vor einem Jahr hergerichtete Historische Technikzentrum der Stadtwerke Halle seine Pforten. Im ehemaligen Schalthaus in der halleschen Turmstraße sind Zeugnisse aus vergangenen Zeiten zu sehen. Beispielsweise ein alter Münzgaszähler, historische Kanaldeckel, oder Bohrkerne von der Deponie. Auch ein Fahrscheinautomat der HAVAG und ein „Iltis“ der Halleschen Wasser und Stadtwirtschaft sind ausgestellt. Ausprobiert werden konnte zudem ein Sprechautomat mit „Steffi“, der Stimme aus der Straßenbahn. Geöffnet war auch der Wasserturm Süd am Lutherplatz sowie der Abwasserkanal Huttenstraße. Wer Lust und Puste hatte, konnte die 199 Stufen erklimmen. In luftiger Höhe spielten die Turmbläser des Musikvereins Halle Neustadt. Eingerahmt war der Tag des offenen Denkmals auf dem Lutherplatz vom Mieterfest der Bauverein Halle-Leuna eG mit einem bunten Bühnenprogramm für die ganze Familie. Zudem war das Stadtbad geöffnet. Auch das historische Straßenbahndepot in der Seebener Straße öffnete seine Pforten, hier gab es zahlreiche historische Triebwagen zu sehen. Dort wurden auch Rundfahrten mit dem historischen Omnibus H6B angeboten.

Eingeladen hatte auch das Landesverwaltungsamt, das in der ehemaligen Königlichen Eisenbahndirektion seinen Sitz hat. Der monumentale dreieinhalbgeschossige 1901/02 errichtete Putzbau erinnert mit seinen reichen Werksteingliederungen, den giebelbekrönten Eckrisaliten und dem beherrschenden Mittelrisalit an Renaissancebauten. Besucher konnten unter anderem auf den Turm steigen. Doch schon die Treppenanlage am Eingang ist imposant. Und Eisenbahnen – wenn auch im Modellformat – gab es auch zu bestaunen. Daneben wurde die Initiative „In liebevolle Hände abzugeben“ gestartet. Hier werden aus jedem Landkreis zwei bis drei Denkmäler, die mitunter schon seit Jahren zum Verkauf stehen, ausgewählt und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, um so schnell wie möglich einen neuen Besitzer zu finden und sie damit vor dem endgültigen Verfall zu retten. Für Unterhaltung sorgten die kleinen Tänzerinnen und Tänzer aus Kindergarten und Hort des BUK e.V. In den anderen Etagen und Fluren des Hauses gab es interessante Ausstellungen zu besichtigen. So präsentierte der Verein „Gobi“ die Fotoserie „Ein Tag im Leben des braunen Jungen“ einer jungen mongolischen Fotografin und der Fotoclub „Inspiration“ Halle zeigt beeindruckende Bilder zum Thema „Wasser“. Zu sehen gab es auch die Ausstellung des „Römisch-Germanischen Zentralmuseums“ Mainz zu Archäologiekriminalität.

Ein buntes historisches “Markttreiben“ gab es auf dem Hof des Schleiermacherhauses unter dem Motto “Naschereien aus der Vergangenheit”. Unter dem Motto “Ein Licht für den Heimweg” konnten Kinder Laternen basteln und Kerzen ziehen. Gezeigt wurde der Film „Editha – Begräbnis einer Königin. Protokoll einer Identifizierung“. Aufgebaut wurde ein Büchertisch mit Publikationen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, es gab einen Bücherverkauf der Freunde der Stadtbibliothek Halle e.V. mit historischen Romanen u.a. sowie Informationen zum Thema Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt. Erdbeerwein, kandierte Früchte und Wildschwein vom Spieß konnten probiert werden.

Zu Führungen lud auch das Stadtbad ein. Dort konnten Besucher einen Blick in die gesperrte Frauenhalle werfen. Daneben gab es die Möglichkeit, unter das Bad zu schauen – im Keller. Und dabei erfuhren Gäste, dass die Hallenbecken in einer freitragenden Konstruktion ausgeführt sind und dadurch unterirdisch auf Schäden untersucht werden können. Zu sehen gab es auch die Duschen des ehemaligen Volksbades.

Die Leopoldina auf dem Jägerberg zeigte Bilder des Gebäudes im Zustand vor seiner Sanierung aus dem Jahr 2010. Informiert wurde dabei auch über die Geschichte des Gebäudes, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht: 1792 erwarb die Freimaurerloge „Zu den drei Degen“ das Gelände am Jägerberg und errichteten an dieser Stelle ihr Logenhaus. Das Bauwerk hat im Laufe seiner Geschichte mehrere Umbauten erfahren. Noch immer kann man die verschiedenen Baustile erkennen, die vom Zeitgeist der jeweiligen Epochen erzählen. Das Gebäude ist damit ein traditionsreiches Beispiel hallescher Baukultur.

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