Tag der Zivilcourage: Halle erinnert an den Volksaufstand 1953

17. Juni 2015 | Vermischtes | 5 Kommentare

16 Tote waren allein im Bezirk Halle zu beklagen, es gab unzählige Verletzte und viele Verhaftungen. Am Mittwochnachmittag wurde in der Gedenksttätte Roter Ochse in Halle (Saale) an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnert.

Kränze legten Bürgermeister Egbert Geier, die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Brigit Neumann-Becker, der Stadtratsvorsitzende Hendrik Lange (Die Linke) und André Gursky, Leiter der Gedenkstätte, nieder.

„Gedenken wir der Opfer für Freiheit, Toleranz, gerechtigkeit und Demokratie“, sagte Geier in seiner Rede. Deshalb sollte jeder täglich für seine demokratischen Rechte eintreten und sich bewusst machen, „dass so manche heutige Selbstverständlichkeit wie das Wahlrecht eine Errungenschaft ist, für die viele Menschen kämpfen oder gar ihr Leben lassen mussten. Wir sollten diese errungenen Rechte wahrnehmen.“

Der 17. Juni sollte „aus der Erinnerungsreserve geholt werden“, meinte Neumann-Becker. „Der 17. Juni lässt uns den hohen Wert freier und demokratischer Wahlen erkennen, um die in so vielen Ländern gerungen wird.“ Dies lasse uns heute an die Flüchtlinge erinnern. Denn auch viele Beteiligte des Volksaufstandes wurden zu Flüchtlingen, verließen die DDR nach Verbüßung der Haft.

In Halle hatten die Proteste gegen Normerhöhungen und das Ulbricht-Regime am Morgen des 17. Juni 1953 im Waggonbau Ammendorf begonnen. Zu Fuß zogen die Streikenden zum Hallmarkt, Dort gab es Abends eine Kundgebung, die mit Hilfe sowjetischer Panzer aufgelöst wurde.

 

Zeittafel zu den Ereignissen am 17. Juni 1953 in der Stadt Halle (Saale)

7.30 Uhr

  • Meldung des Parteisekretärs der LOWA an die SED-Stadtleitung über Arbeitsniederlegungen und Diskussionen in den Betriebsteilen Schmalspurbahn und D-Zugbau.
  • Blitzmeldung der SED-Stadtleitung an die Bezirksleitung und die Bezirksdirektion der VP (BdVP) Halle.

8.30 Uhr

  • LOWA: ca. 300 Arbeiter ziehen zum Verwaltungsgebäude; andere Betriebsteile werden zum Mitmachen aufgefordert.
  • Streikversammlungen im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW).

8.45 Uhr

  • LOWA: ca. 2.000 Beschäftigte haben sich vor dem Verwaltungsgebäude versammelt und fordern die Werkleitung auf, ihnen Rede und Antwort zu stehen.

9.30 Uhr

  • Ein Demonstrationszug aus mindestens 2.000 Teilnehmern setzt sich vor der LOWA in Bewegung und marschiert auf der Stalinallee in Richtung Stadtzentrum Halle.
  • Blitzmeldungen an die SED-Bezirksleitung und die BdVP Halle.

9.45 Uhr

  • HO-Kreiskontor Halle (Stalinallee): Die vorbeiziehenden Arbeiter fordern die Beschäftigten des Kreiskontors auf, sich der Demonstration anzuschließen. Daraufhin legen alle Arbeiter und Angestellten die Arbeit nieder. Drei Angestellte schließen sich dem Demonstrationszug an.

9.55 Uhr

  • Druckfarbenfabrik Ammendorf: Einige Demonstranten betreten das Werksgelände und betätigen die Sirene, um die Belegschaft für den Streik zu gewinnen. Die Hälfte der Belegschaft schließt sich dem Demonstrationszug an, die übrigen streiken.

10.25 Uhr

  • MTS-Leitwerkstatt: Ca. 50 Demonstranten dringen gewaltsam in die Leitwerkstatt ein. Der Betriebsschutz wird verjagt und die Arbeiter aufgefordert, mit zu demonstrieren. 20 Arbeiter der Leitwerkstatt folgen dem Demonstrationszug.
  • Der Chef der SED-Stadtleitung, Schumann, schickt dem Demonstrationszug „Agitatoren“ entgegen, um ihn aufzuhalten. Sie treten nicht in Erscheinung.

10.30 Uhr

  • Poliklinik Süd: Als der Demonstrationszug vorbeikommt, gehen ein Teil des medizinischen Personals und das technische Personal der Klinik vorübergehend auf die Straße, um sich den Zug anzuschauen und den Demonstranten zu zuwinken. Ca. 20 Beschäftigte der Poliklinik (hauptsächlich technisches Personal) marschieren mit.
    Die Bauarbeiter von der Stalinallee Halle (Neubauten Stalinallee – Huttenstraße) nehmen an der Demonstration teil.
  • BdVP-Chef Zaspel schlägt vor, mit seinen Einsatzkräften die Demonstration vor dem Stadtzentrum auseinanderzutreiben. Dies wird ihm vom sowjetischen Stadtkommandanten untersagt.

11.00 Uhr

  • IFA-Karrosseriewerk: Bauarbeiter von der Stalinallee in Halle fordern die Arbeiter zum Streik auf. Daraufhin legt die Belegschaft die Arbeit nieder. Ca. 200 Arbeiter schließen sich der Demonstration an.

11.10 Uhr

  • NAGEMA-Werk: Zwei Arbeiterinnen öffnen den Demonstranten die verbarrikadierten Werkstore. Die Belegschaft tritt in den Streik. Ein Teil folgt den Demonstranten.
  • Kriesengespräch einer Vertreterin der SED-Bezirksleitung mit dem sowjetischen Stadtkommandanten.

11.45 Uhr

  • Der inzwischen 8.000 Teilnehmer zählende Demonstrationszug erreicht den Thälmannplatz und marschiert auf der Clement-Gottwald-Straße weiter zum Leipziger Turm.
  • Eine Gruppe junger Arbeiter versucht, in das „weiße Haus“, den Sitz der SED-Stadtleitung, einzudringen. Der Angriff wird vom Wachschutz mit Pistolenschüssen abgewehrt.
  • Die SED-Stadtleitung weist die DEWAG an, eine Lautsprecheranlage auf dem Hallmarkt zu installieren.

12.00 Uhr

  • 4.000 Demonstranten versammeln sich vor dem Gerichtsgebäude am Hansering. Ca. 30 Personen dringen gewaltsam in das Gebäude ein und befreien einen Angeklagten.
  • Ca. 4.000 Demonstranten marschieren am Leipziger Turm vorbei zum Marktplatz.
  • Zehn Volkspolizisten besetzen und sichern das Elektrizitätswerk Trotha.

12.20 Uhr

  • Ca. 1.000 Demonstranten kommen auf dem Marx-Engels-Platz vor der SED-Bezirksleitung an. Die Bauarbeiter der Baustellen Weinbergweg und Kröllwitz treten in den Streik.
  • Mehrere Hundert Demonstranten ziehen zur Untersuchungshaftanstalt (UHA) in der Kleinen Steinstraße.
  • Druckerei und Redaktionsräume der SED-Zeitung „Freiheit“ werden von Volkspolizisten besetzt und gesichert.

12.30 Uhr

  • 300-400 Demonstranten stürmen die SED-Bezirksleitung. Transparente, Plakate und Propagandamaterialien werden auf die Straße geworfen. Der Vorsitzende des Bezirksrates muß sich in der Besenkammer verstecken. Mehrere Polizisten werden verletzt.
  • Erster Angriff auf die Untersuchungshaftanstalt. Ca. 40 Personen gelangen durch die Toreinfahrt Kleine Steinstraße auf den Gefängnishof.
  • Der erste Angriff auf den „Ratshof“ am Marktplatz wird vom Wachschutz und Volkspolizisten abgewehrt.

13.00 Uhr

  • Ca. 800 Demonstranten greifen den Rat des Bezirkes in der Willy-Lohmann-Straße an, entwaffnen die Volkspolizisten und besetzen das Gebäude. Der stellvertretende Vorsitzende des Rates sowie einige Polizisten, die sich ihnen entgegenstellen, werden leicht verletzt.
  • Die Eingangstür in die Untersuchungshaftanstalt wird aufgebrochen. Die Wachmannschaft flüchtet in das Zellenhaus. Aufständische dringen in das Gebäude der Staatsanwaltschaft ein.
  • Erster Angriff auf die SED-Stadtbezirksleitung West im Marktschlößchen. Jugendliche dringen ein und werfen Akten sowie viele andere Papiere auf die Straße.

13.15 Uhr

  • Sämtliche Geschäfte und Kaufhäuser werden „wegen der Unruhen“ geschlossen.
  • Aufständische versuchen, die Stahltür zum Zellenhaus der Untersuchungshaftanstalt aufzubrechen.
  • Ein Offizier und acht Soldaten der „Roten Armee“ postieren sich auf den Eingangstreppen zum „Ratshof“.

13.30 Uhr

  • Aufständische sprechen durch die Lautsprecher des HO-Warenhauses am Marktplatz. Sie rufen die Bevölkerung auf, sich mit den streikenden Arbeitern zu solidarisieren und auf den Hallmarkt zu einer Kundgebung zu kommen.
  • Die Wachmannschaft vertreibt durch gezielte Schüsse die Aufständischen aus der Untersuchungshaftanstalt. Ein Arbeiter wird dabei schwer verletzt.
  • Die Beschäftigten der Stahlbauwerke „ABUS“ (Grenzstraße) treten in den Streik. Ein Teil der Belegschaft marschiert zum Marktplatz.

13.35 Uhr

  • Vier Studenten der Universität besetzen das Verkehrspostenhaus auf dem Reileck. Durch die Lautsprecher appellieren sie an die Demonstranten, sich diszipliniert zu verhalten und nicht die Besatzungsmacht anzugreifen.
  • Die Lautsprecheranlage auf der Tribüne am Hallmarkt wird von Aufständischen übernommen.
  • Die Angestellten des Bahnpostamtes und des RAW treten in den Streik.

14.00 Uhr

  • Ca. 700 Demonstranten nähern sich dem Zuchthaus „Roter Ochse“. Der erste Angriff auf den Hintereingang (Ulestraße) schlägt fehl.
  • Zwei Züge der KVP treffen als Verstärkung in der UHA ein und gelangen unter Verlust von Uniformteilen in die UHA.
  • Konstituierung des „Zentralen Streikkomitees“ von Halle auf dem Hallmarkt.

14.15 Uhr

  • Eine Abordnung der Aufständischen unter Leitung des Ingenieurs Hans Lehmann erzwingt von Staatsanwalt Teifel eine Vollmacht zur Freilassung aller Politischen Häftlinge aus der Untersuchungshaftanstalt (UHA).
  • Der Sitz der DEWAG (Fährstraße) wird von Aufständischen besetzt und ein Lautsprecherwagen im Auftrag des Streikkomitees requiriert.
  • BdVP-Chef Zaspel erteilt allen Polizeikräften im Bezirk den Schießbefehl.

14.30 Uhr

  • Das Haupttor des Zuchthauses „Roter Ochse“ (Am Kirchtor) wird von einem Lkw der Aufständischen aufgedrückt. Die Menschen stürmen den Hof des Zuchthauses. Daraufhin schießt die Wachmannschaft mit Gewehren in die Menge. Vier Aufständische werden erschossen und weitere zum Teil schwer verletzt.
  • Ein aus mindestens 300 RAW-Arbeitern bestehender Demonstrationszug marschiert vom Thälmannplatz über die Gottwald-Straße, Waisenhausring, Schmerstraße zum Marktplatz.

14.50 Uhr

  • 200-300 Aufständische am Zuchthaus „Roter Ochse“ versuchen von der Hermannstraße einzudringen. Erneut schießt die Wachmannschaft in die Menge. Zwei junge Männer werden erschossen, weitere verletzt.
  • Volkspolizisten besetzen die Postämter in Halle und schließen sie.

15.00 Uhr

  • Aufständische unter Führung von Herbert Gohlke (Vorsitzender des „Zentralen Streikkomitees“) besetzen die Redaktion der CDU-Zeitung „Neuer Weg“ (Franckeplatz) und verlangen den Druck von Flugblättern und Plakaten. Sie werden vom Chefredakteur hingehalten und müssen sich unverrichteter Dinge zurückziehen.
  • Zweiter (stärkerer) Angriff auf die UHA. Aufständische dringen zugleich durch Vorder- und Hintertore ein. KVP und VP werden eingekesselt, entwaffnet und z.T. niedergeschlagen. Die Wachmannschaft flieht erneut ins Zellenhaus.
  • Aufständische besetzen im Auftrag des Streikkomitees den Radiosender Halle (Peißnitzinsel). Die Streikforderungen sollen veröffentlicht werden. Der Sender ist jedoch abgeschaltet.

15.15 Uhr

  • Ca. 300 Aufständische befinden sich noch in der Henriettenstraße (am „Roten Ochsen“) und fordern „Freiheit für die Gefangenen!“. Ein Angriff auf das Zuchthaus findet nicht mehr statt.
  • UHA: Als die ersten Häftlinge entlassen werden, gelingt es den Aufständischen, in das Zellenhaus einzudringen. Um weitere Personen- und Sachschäden abzuwenden, lässt der Gefängnisleiter sämtliche Zellen aufschließen.
  • Die ersten von Manövern zurück befohlenen sowjetischen Truppen treffen in Halle ein.
  • Räumung und Absperrung der SED-Bezirksleitung.

15.30 Uhr

  • Die beiden Rangierbrigaden des Güterbahnhofs Halle streiken und begeben sich zum Marktplatz. Über 20 Güterzüge stauen sich auf den Bahnstrecken um Halle.
  • Ein zweiter Lautsprecherwagen wird vom Streikkomitee beschlagnahmt und fährt durch Halle, um die Bevölkerung zur Abendkundgebung aufzurufen.
  • KVP-Truppen räumen den Rat des Bezirkes und sperren die Zufahrten.

16.00 Uhr

  • Sowjetische Panzer vertreiben die Aufständischen vor dem Zuchthaus „Roter Ochse“ und sperren sämtliche Straßen rund um das Zuchthaus ab.
  • Alle 245 Häftlinge haben die Untersuchungshaftanstalt (UHA) verlassen.
  • SED-Politbüromitglied Oelsner trifft in Halle ein und übernimmt die Leitung bei der Niederschlagung des Aufstandes (Ausnahmezustand).

16.30 Uhr

  • Dritter (erfolgloser) Angriff auf das VPKA am Hallmarkt.
  • Erneute Besetzung der Staatsanwaltschaft (Kleine Steinstraße) durch Jugendliche.
  • Die Besatzung des ersten Lautsprecherwagens wird vor der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit festgenommen.
  • Der Sender Halle und alle Zeitungsredaktionen werden von der Volkspolizei besetzt.

17.00 Uhr

  • Nachdem KVP die Staatsanwaltschaft gewaltsam geräumt hat, belagern die Aufständischen das Gebäude in der Kleinen Steinstraße. Die KVP-Soldaten werden aufgefordert, sich zu ergeben.
  • Zwei Panzer der Roten Armee fahren auf den Marktplatz und stellen sich vor dem Ratshof auf. Ihnen folgt noch ein Geschütz.
  • Die SED-Einsatzleitung läßt 10.000 Flugblätter und 1.500 Plakate zur Verkündung des Ausnahmezustandes drucken.

17.30 Uhr

  • Starke KVP-Einheiten und zwei sowjetische Panzer durchbrechen die Belagerung in der Kleinen Steinstraße und vertreiben die Aufständischen.

18.00 Uhr

  • Großkundgebung auf dem Hallmarkt: Trotz Straßensperren sind annähend 60.000 Menschen gekommen. Das „Zentrale Streikkomitee“ verkündet nochmals die Streikforderungen und ruft zum Generalstreik in Halle am 18. Juni auf.

18.30 Uhr

  • Die Flugblätter und Plakate zur Verkündung des Ausnahmezustandes werden im Stadtgebiet verteilt.

18.45 Uhr

  • Beendigung der Großkundgebung auf dem Hallmarkt mit dem Deutschlandlied. Panzer rollen über den Hallmarkt, um die Menschen zu vertreiben.
  • Ein Demonstrationszug mit 5.000-6.000 Teilnehmern bewegt sich vom Hallmarkt zum Marktplatz und weiter zum Thälmannplatz.

19.15 Uhr

  • Ca. 2.500 Demonstranten erreichen den Thälmannplatz. Während 800-900 Demonstranten auf dem Platz bleiben, zieht die Mehrheit weiter in Richtung Marx-Engels-Platz und Reileck.
  • Erneute Angriffe auf das „weiße Haus“ am Thälmannplatz werden von VP mit Schüssen abgewehrt. Ein Toter und mehrere Verletzte.

19.30 Uhr

  • Noch immer befinden sich annähernd 20.000 Menschen auf dem Hallmarkt und dem angrenzenden Marktplatz. VP, KVP und Sowjetsoldaten versuchen, durch Abgabe von Warnschüssen, die Menschen zu vertreiben.
  • 1.500-2.000 Demonstranten ziehen, das Deutschlandlied singend, an der SED-Bezirksleitung (Marx-Engels-Platz) vorbei.

20.00 Uhr

  • Die Menschenansammlung auf dem Thälmannplatz löst sich allmählich auf.

20.15 Uhr

  • Aus der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit (Robert-Franz-Ring) wird auf die vorbei ziehenden Demonstranten geschossen. Ein junger Arbeiter wird tödlich getroffen. Daraufhin löst sich der Demonstrationszug auf.

21.00 Uhr

  • VP und KVP gehen mit Bajonetten und Gewehrkolben gegen die Menschen auf dem Marktplatz vor. Massenverhaftungen auf dem Marktplatz und den angrenzenden Straßen. Räumung des Platzes.
  • Streifen der Sowjetarmee und der VP verhaften von nun an jeden Bürger, den sie auf den Straßen antreffen.
  • Die nächtliche Ausgangssperre tritt in Kraft. Bis 06.00 Uhr darf niemand das Haus verlassen.

21.30 Uhr

  • Die Ausgangssperre ist in Halle durchgesetzt.

Quelle

  • Erarbeitet von H.-P. Löhn für den Verein „Zeit-Geschichte(n) e.V.“ Halle
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