Schädel, Hinkelsteine, Stadtmauern: Baustellenfest in der Großen Ulrichstraße

29. August 2013 | Vermischtes | Keine Kommentare

Seit einem halben Jahr ist die Große Ulrichstraße in Halle (Saale) Großbaustelle. Für die Händler keine einfache Zeit, und für die Hallenser selbst heißt es laufen.

Am Donnerstag war nun Zeit, mit einem Baustellenfest eine Zwischenbilanz zu ziehen. Auf dem Platz vor dem Neuen Theater gab es für interessierte Hallenser die Gelegenheit, sich mit Fachleuten vor Ort über den Ausbau zu informieren. Wer in einem der Geschäfte in der Großen Ulrichstraße etwas kaufte, erhielt gegen Vorlage des Kassenbons eine Bratwurst vom Grill sowie ein Getränk gratis.

Archäologische Funde gab es zum kleinen Fest zu sehen. Unter Leitung des Archäologen Carsten Schmieder vom Landesamt für Denkmalpflege entdeckte man beispielsweise unter dem Fußweg des Unirings in einem Meter Tiefe Teile einer Keramikbriquetage für die Salzgewinnung aus der Jungsteinzeit, ebenfalls Steinwerkzeuge. Aus dem Mittelalter und der Zeit bis ins 18. Jahrhundert stammen ein Schweineunterkiefer, Teile einer barocken Ofenkachel, der Stiel einer Tabakpfeife, eine Fugenkelle. Eine Lanzenspitze sowie Glasflasche und der Fuß eines Trichterglases. Vor der Santander-Bank in der Geistraße wurden außerdem Reste von Austern gefunden. Die Vermutung des Archäologen: hier könnte früher einmal eine Gaststätte oder ein Hotel gewesen sein. Auch ein zwei Tonnen schwerer Hinkelstein, eine alte Holzwasserleitung, zwei Schädel und Mauerstücke der alten Stadtbefestigung wurden entdeckt. Schmieder hofft nun noch darauf, das Fundament des Ulrichstors freilegen zu können.

Die Bauarbeiten selbst kommen gut voran. Der Abwasserkanal in 6 bis 7 Metern Tiefe ist bereits komplett erneuert. Auch Elektro- und Telekomleitungen wurden auf der Ostseite verlegt, auf der Westhälfte erfolgt dies im nächsten Jahr. Erneuert wurden ebenfalls alle Hausanschlüsse. Vor wenigen Tagen haben die Vorarbeiten für den Gleisneubau begonnen. Zuerst werden die Gleisanlagen, die Fahrbahn und die Haltestelle Moritzburgring stadtauswärts ausgebaut sowie die neue Ampel errichtet. Dafür musste der Universitäts- und der Moritzburgring bis voraussichtlich Ende September 2013 gesperrt werden. Um den engen Zeitplan einzuhalten, wird täglich in zwei Schichten von 6 bis 22 Uhr gearbeitet, so der Bauleiter. „Auch samstags“. Ziel sei es, im Mai kommenden Jahres fertig zu sein. Ab Ende November sollen die Straßenbahnen wieder rollen, damit die Geschäfte zumindest das Weihnachtsgeschäft „mitnehmen“ können. Von März bis Mai wird es dann aber eine neue Sperrung für die Straßenbahn geben, bevor die Arbeiten Ende Mai 2014 fertig sein sollen.

Um den Anliegern über die Baustellenzeit hinwegzuhelfen und Unannehmlichkeiten schnell zu beseitigen, ist ein Baustelleninformationsbüro in der Händelgalerie eingerichtet worden. Es ist dienstags zwischen 17 und 19 und donnerstags von 9 bis 11 Uhr geöffnet. Hier können sich Bürger über Baustellenverlauf, Umleitungen und aktuelle Verkehrslage informieren. Es besteht auch die Möglichkeit, seine Mailadresse zu hinterlegen. So können aktuellste Informationen an die Betroffenen weitergeleitet werden. Zudem belegen viele Positivbeispiele, was gute Kommunikation zwischen Anliegern und Bauleitung bewirken kann: So wird bei Spezialtransporten für die PlasmaSevice GmbH das Baufeld schnell freigemacht, denn bei Blutplasmatransporte ist Eile ist beim Laden geboten, die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. In Abstimmung mit der Theater-,Oper- und Orchester GmbH werden im Baustelleninformationsbüro die nt-Spielpläne ausgehangen, um geräuscharme Bautätigkeiten während der Aufführungszeiten zu gewährleisten. Ebenso leise wird vor und neben der Fußballgaststätte ‚Fortuna‘ während der Championsleague- Spiele agiert; die Baugruben werden ‚fansicher‘ abgesichert. Auf Wunsch der Gewerbetreibenden veranlasst die Untere Verkehrsbehörde Halteverbote in Stichstraßen, um ausreichende Kurvenradien für sehr große Lieferungen zu gewähren. Auch für Umzugstransporte privater Anwohner wird in Kooperation mit den Baubetrieben bzw. deren Polieren vor Ort das Baufeld operativ freigemacht. Weil die Baufelder oft schnell wechseln, hält das Baustelleninformationsbüro in der Händelgalerie aktuelle Verkehrsführungspläne für die Anlieger und Lieferanten bereit. Laut Wolfgang Fleischer von der Citygemeinschaft haben viele Händler mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Doch manch einem geht es auch besser als vorher, er hat durch die Baustelle mehr Laufkundschaft.

Gerd Blumenau, Prokurist bei der HAVAG, berichtete von „Baustellengucker“. Dieses Phänomen kennen man von vielen Baustellen. Die in der Großen Ulrichstraße wecke allerdings das besondere Interesse der Hallenser. „Ihnen fällt auf, dass wir hier auf engstem Raum mit großer Technik agieren – dafür wird uns Respekt gezollt. Außerdem befinden wir uns in historischer Altstadtlage und finden während der Bauarbeiten z.B. für Archäologen interessante Reste alter Stadtbefestigung oder Kanäle“, meint Blumenau. Das Projekt stelle alle Beteiligten vor eine Herausforderung, doch trotz erschwerter Bedingungen gebe es Verständnis auf allen Seiten. Ein Dank gelte den Baubetrieben, die bestrebt sind, die Beeinträchtigungen für die Anlieger und Passanten so gering wie möglich zu halten.

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar schreiben