Pogromgedenken: Halle erinnert an die Opfer der Reichskristallnacht

8. November 2013 | Vermischtes | 2 Kommentare

Morgen vor 75 Jahren brannte auch in Halle (Saale) die Synagoge am Großen Berlin nieder, wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und 124 jüdische Männer ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.

Mit einer Gedenkstunde am Jerusalemer Platz wurde am Freitagnachmittag an die nationalsozialistische Pogromnacht vom 9. November 1938 erinnert, im Volksmund auch als Reichskristallnacht bekannt.

Harald Bartl, Vorsitzender des Stadtrats und Pfarrer der Marktkirche, nannte die Pogrome einen „beschämenden Höhepunkt“ der Nationalsozialistischen Herrschaft. Er erinnerte daran, dass am 12. Mai 1933 in Halle die Bücherverbrennung stattfanden und Jahre später Heinrich Heines Worte „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ wahr wurden. Bartl ging auch auf das Schicksal eines jüdischen Arztes ein, der in der Händelstraße lebte, dem die Nazis die Zulassung entzogen und der 1943 zusammen mit seiner Freu im Konzentrationslager starb. Es gelte an die Geschichte zu erinnern und dies nicht zu verdrängen.

Der evangelische Superintendent Hans-Jürgen Kant zitierte den Bibelspruch „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“. Den Mund aufzutun bleibe nötig für alle die verfolgt werden, egal ob aus religiösen Gründen oder weil sie Homosexuell sind. Kant erinnerte an seinen Besuch in Prag in der Pinkas-Synagoge mit den Namen der 77.000 ermordeten tschechischen Juden. Keiner dieser Namen dürfr vergessen werden, so Kant. „Die sich der Untaten nicht erinnern, sind dazu verdonnert es noch einmal zu erleben.“

Max Privorotzki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, erinnerte daran, dass in in diesem Jahr – zum runden Jahrestag – zahlreiche Gedenkveranstaltungen gebe. „Droht damit eigentlich die Inflationierung von Gedenken? Sind es sinnentleerte Gedenkrituale?“, fragte er. „Selbst ritualisiertes Gedenken wäre immer noch besser als planvolles Vergessen“, mahnte Privorotzki. „Vergessen von Leid macht das Leben leichter und ist eine Versuchung, der man nicht widerstehen kann und auch nicht immer widerstehen soll. Fatal aber wird es, wenn diese Versuchung uns auf einen Weg der Verfälschung der Wahrheit führt.“ Privorotzki erinnerte daran, dass es in den letzten Jahren den Versuch gab, Geschichte neu zu bewerten. Das betreffe auch das Land Sachsen-Anhalt. „Als Beispiel nenne ich das Ehrenbegräbnis mit Torgauer Urnen auf dem städtischen Friedhof in Halle.“ Auf dem Gertraudenfriedhof sind 117 Tote aus dem Sowjet-Gefangenenlager Torgau begraben, darunter sollen auch Kriegsverbrecher sein, weshalb es lange Diskussionen gab. Niemals habe es eine Kollektivschuld gegeben, so Privorotzki. „Es gab aber sehr wohl eine individuelle Schuld und diese leider Millionenweise.“ So seien 200.000 Menschen unmittelbar am Vollzug des Holocaust beteiligt gewesen, nur 6.500 davon habe man verurteilt. „So wenige Verurteilungen bei so vielen Tätern“, beklagte Privorotzki. Doch hinzu kämen die Millionen Helfer. Die Denunzianten, Bürokraten, Schreibtischtäter.

Die Gedenkstunde fand ihren Abschluss mit einem Gebet des halleschen Rabbiners Alexander Kahanovsky.

Unter dem Titel „Shpil zhe mir a lidele“ lädt der Singschule Halle (Saale) e.V. zu einem Konzert zum Gedenken an die November-Progrome 1938 ein. Zu hören sein werden jiddische Lieder und Weisen. Es singen und musizieren der Kinderchor Halle das Original seit 1974 und Mädchen des Jugendchores der Stadt Halle (Saale) sowie die Solisten Anna Ullrich (Gesang), Bernhard Ullrich (Violine) mit Evguenia Tcherkes (Klavier). Das Konzert findet am Sonntag, dem 10.11.2013, um 17.00 Uhr im Stadthaus am Markt, Großer Saal, statt. Karten zum Preis von 8 € und 5 € ermäßigt (Schüler, Studenten, AZUBIS) sind an der Abendkasse erhältlich). Ein Teil der Einnahmen soll für die Finanzierung eines Stolpersteins zum Gedenken an ein jüdisches Kind aus Halle verwendet werden.

Print Friendly, PDF & Email
2 Kommentare

Kommentar schreiben