„Nie wieder solche Tage wie der 9.11.1938“: Erinnerung an Reichspogromnacht in Halle

9. November 2014 | Vermischtes | 1 Kommentar

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle wird vor der Synagoge im Paulusviertel als Kindermörder beschimpft, auf der Silberhöhe gibt es eine selbsternannte Bürgerwehr und Bürgerinitiative gegen Roma. All das erinnert an längst vergangene Zeiten, doch passiert es in diesem Jahr.

Um den Anfängen zu wehren gilt es, an die Ereignisse vor 76 Jahren zu Erinnern. Der Arbeitskreis Christlicher Kirchen ACK und die Stadt Halle luden daher zur Gedenkveranstaltung an das Mahnmal auf dem Jerusalemer Platz ein. Denn am 9. November 1938 brannte auch in Halle (Saale) die Synagoge. Jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert und in der sogenannten „Reichskristallnacht“ 124 jüdische Männer ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. In den folgenden Jahren wurden viele weitere Hallenser Juden in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten deportiert, auch 33 Sinti und Roma aus der Saalestadt wurden auf diese Reise in den Tod geschickt.
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Erinnern sei nötig. „Weil Geschichte etwas ist, was so schnell verschwindet und Erinnerung Not tut in einer Zeit, wo man so schnell über die Dinge hinweggeht“, sagte Halles Sozialdezernent Tobias Kogge. Damals sei die Synagoge angezündet worden, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden geplündert. „Und die Bevölkerung stand daneben und johlte und grölte.“ Judenhass sei Allgemeingut gewesen, die Zeitungen seien voll davon gewesen, in den Schulen sei der Hass gelehrt worden. 1938 haben die Finanzämter das Vermögen der Juden erfasst, die Wirtschaftskammern den Firmenbesitz, so Kogge. „Und alle machten mit.“ Feuerwehren durften brennende Synagogen nicht löschen, Sicherheitskräfte nicht eingreifen, wenn Juden angegriffen und wie Vieh zusammengetrieben wurden. Es gehe nun darum an diese Zeiten zu erinnern, als Staat und Partei flächendeckend mitmachten „und alle wegguckten, keiner eingreift und das Johlen auf den Straßen an jeder Ecke widerhallt.“ Inzwischen wachse die Jüdische Gemeinde in Halle wieder, ein Zeichen des Lebens sei wieder da, sagte Kogge. „Nie wieder in Deutschland, Sachsen-Anhalt, Halle solche Tage wie der 9. November 1938. Nieder wieder heißt aufstehen, Verantwortung übernehmen.
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„Die Ereignisse vor 76 Jahren sind so unfassbar schrecklich, dass einem die Stimme versagt“, erklärte Manfred Stedtler, Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde. „Man darf nicht darüber schweigen, denn Schweigen führt zu Vergessen. Und vergessen darf man diese Dinge nicht, denn Vergessen führt zu Wiederholung. Deshalb müssen wir gedenken, damit so etwas nie wieder passiert.“ Doch Antisemitismus und Judenhass seien leider auch ein aktuelles Thema, so Stedtler. Man könne zwar mit Gedenken und Trauer nichts rückgängig machen. „Doch man muss Gedenken, damit so etwas nie wieder vorkommt.“ Man müsse darüber nachdenken, wie man heute Leuten wie Hitler oder Heydrich den Weg zur Macht versperren könne. Doch neben den Haupttätern habe es eben auch Millionen von Mittätern gegeben, „ohne die solche Verbrechen nicht möglich gewesen wären.“ Einige von ihnen hätten sich persönliche Vorteile versprochen, andere seien blind von der Propaganda gewesen. „Blindheit und Verblendung gab es auch bei jenen, die wegschauten.“ Es sei wichtig, dass heute immer wieder zum Hinschauen ermutigt wird, es pädagogische Programme gebe, die Zivilcourage fördert. Doch was könne man tun wenn jemand hinschaue und das Verbrechen nicht sehe, das Grausame nicht schlimm finde. Der Antisemitismus sei mit einem noch viel größeren Problem verflochten, sagte Stedtler, „die Verachtung des einzelnen Menschen; die Verachtung des Rechts, was jedem Menschen zukommt. Der Mord beginnt in den Köpfen.“ Wenn man erst einmal angefangen habe, Menschenrechte einem anderen Gedanken unterzuordnen sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis Boykotte kommen, Berufsverbote kommen und daraus Mord und Genozid werde. „Und damit so etwas nie wieder passiert, müssen wir die universalen Werte verteidigen wie die Würde des Menschen, jedes Menschen.“ Wenn der Mob erst einmal losgelassen werde sei es zu spät. Man müsse schon viel früher anfangen, wenn menschenverachtende Ansichten im Internet kursieren. Auch die damalige Shoa habe nicht erst mit der Machtergreifung Hitlers begonnen, sondern habe ihre Ursprünge Jahrzehnte vorher. Und zu diesen Ereignissen gebe es heute parallelen, sagte Stedtler. „Lasst uns die kleine Anfänge entlarven und ihnen wehren, solange es noch geht.“
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Max Privorotzki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle, mahnte an, dass sich die Situation für Juden in Deutschland seit dem vergangenen Jahr verschlechtert habe. So sei er selbst vor dem Gebäude der Synagoge in der Humboldtstraße beschimpft worden. Anlässlich der Gedenkfeiern erinnere jeder an das damalige Verbrecherregime um Hitler. Doch kaum jemand versuche zu verstehen, „wie dieses Verbrechen in einer solch kulturelle fortgeschrittenen Gesellschaft möglich wurde. Wie konnte sich eine Mehrheit von eigentlich intelligenten Menschen zu schweigenden oder aktiven Mördern entwickeln.“ Der Prozess sei mehrstufig gewesen. Die Nazis hätten getestet, wie weit sie gehen können, und die Repressionen gegen Juden immer mehr ausgedehnt. Die Mehrheit der Bevölkerung sei gleichgültig geblieben. Doch Vorwürfe macht Privorotzki auch den europäischen Nachbarn. Das Schicksal der Schwächeren sei für kurzfristige wirtschaftliche Vorteile geopfert worden. 75 Jahre nach Beginn des Holocausts und 100 Jahre nach Beginn des ersten Weltkriegs sind die Menschen offenbar genauso gutgläubig geblieben. „Es wachsen schneller und schneller neue Monster, wie der Islamische Staat. Und die Welt schaut zu.“ Privorotzki erinnerte daran, dass der 9. November in Deutschland auch mit dem Fall der Berliner Mauer verbunden wird. Doch der damals hoffnungsvolle Ausspruch der Montagsdemonstranten „Wirr sind ein Volk“ werde heutzutage „für widerwärtige Zwecke missbraucht“, so Privorotzki mit Blick auf heutige Montagsdemonstrationen. „Und die anständigen Menschen schauen zu.“ Dass es möglich ist, aktiv etwas gegen das Wegschauen zu tun, dies hätten Menschen auch schon vor 75 Jahren bewiesen. So habe die Schweiz damals die Grenzen dicht gemacht und keine Juden mehr reingelassen. Der Polizeihauptmann von St. Gallen, Paul Grüninger, habe sich dieser Weisung damals widersetzt und mit Tricks und doppelt vergebenen Aktennummern viele Juden einreisen lassen. Hunderten habe der „Oskar Schindler der Schweiz“ so das Leben gerettet. Privorotzki erklärte, Antisemitismus sei wieder salonfähig geworden, aber auch gefährlicher als früher. „Ich hatte niemals Angst. Aber jetzt, nachdem ich persönlich neben der halleschen Synagoge als Kindermörder beschimpft wurde, bin ich auch teilweise gelähmt, was folgt. Die Geschichte zeigt uns, dass es auch in der Vergangenheit nie sofort zu den Pogromen gekommen war.“ Heutiger Antisemitismus versuche sich hinter der legitimen Kritik am Staate Israel zu verstecken.

Die Gedenkstunde fand ihren Abschluss mit einem Gebet des halleschen Rabbiners Alexander Kahanovsky. Zur Gedenkveranstaltung waren zahlreiche hallesche Stadträte und Landtagsabgeordnete gekommen, wie Hendrik Lange (Linke), Swen Knöchel (Linke), Bernhard Bönisch (CDU), Rüdiger Fikentscher (SPD) und Hans-Dieter Wöllenweber (FDP). Auch Superintendent Hans-Jürgen Kant und Polizeipräsidentin Christiane Bergmann waren dabei.

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