Neue Stolpersteine für Halle: ermordet nach 16 Monaten

11. Oktober 2014 | Vermischtes | 3 Kommentare

Gerade einmal 16 Monate alt wurde Chana Baer. Am 3. Juni 1942 wurde das kleine Mädchen zusammen mit ihren Eltern Günther und Paula von den Nationalsozialisten in Sobibor ermordet, weil sie Juden waren.
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Um an die Geschichte von Chana zu erinnern, wurde am Samstag vor dem Haus Forsterstraße 13 ein Stolperstein in den Boden gelassen. Finanziert wurde er vom Kinderchor – das Original seit 1974. „Kindern kann man durch das Schicksal anderer Kinder die Zusammenhänge begreiflich machen“, sagte Chorleiterin Sabine Bauer. Heidi Bohley vom Zeitgeschichte(n)-Verein erinnerte daran, dass Familie Baer im ersten Vernichtungszug von Halle aus saß. Damals seien es noch Personenwagen der dritten Klasse gewesen, „ganz normale Züge“, so Bohley. Den Betroffenen hatte man erklärt, dass sie in den Osten umgesiedelt werden. Die bekannten Viehwaggons seien erst später, insbesondere bei ungarischen Juden, eingesetzt worden. Zuvor hatte man die Güterwaggons für Militärtransporte gebraucht.
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Weitere Gedenksteine wurden in der Händelstraße eingelassen. Hier lebte zum Beispiel der Arzt Hermann Emanuel Jastrowitz. Er war der letzte jüdische Arzt in Halle, hatte eins in Heidelberg und Halle studiert sowie an der Poliklinik der Universität praktiziert. Später eröffnete er in der Händelstraße eine eigene Arztpraxis. Im Zentrum Judaikum in Berlin sind zahlreiche Akten über Jastrowitz und seine Frau vorhanden. Ein Arzt schrieb kürzlich eine Doktorarbeit über ihn, will demnächst auch ein Buch herausbringen. Am 27.2.43 wurde der nach „Ostoberschlesien“ deportiert, das Synonym für Auschwitz. In der Landsberger Straße hatten Max und Anna Brilling eine Pferdehandlung, sie wurden ebenfalls in Auschwitz getötet.

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Insgesamt wurden am Samstag in Halle 19 Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig verlegt, damit liegen in Halle mittlerweile 211 dieser kleinen Gedenkplatte. Auch das Bündnis „Halle gegen rechts“ steuerte Mittel für zehn Steine bei. Ein Vertreter verwies auf das gestiegene Interesse junger Leute an der Geschichte hallesche Juden. Doch auch Roma seien damals verfolgt worden. Das da zeige sich mit Blick auf die Vorfälle in der Silberhöhe die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, erklärte er und kritisierte den vorherrschenden Alltagsrassismus im Plattenbau-Stadtteil. Heidi Bohley dankte insbesondere Volkhard Winkelmann. Der einstige Lehrer am Südstadt-Gymnasium hatte als Schülerprojekt die Geschichte hallescher Juden erforschen lassen.

Verlegte Stolpersteine

stolpersteine3Forsterstraße 13: Hier wohnten Paula, Clara und Selma Loewendahl; Günter, Paula und Chana Baer
Die Loewendahls waren angesehene Kaufleute. Samuel Loewendahl und seine Frau Sofie Rosalie geb. Rothschild hatten sechs Kinder: Herrmann (*1864), Clara (*1865), Paula (*1869), Selma (*1872), Frieda (*1873) und Mathilde. Frieda starb 1937, Hermann 1939. Ihre Gräber befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof Humboldtstraße. Mathilde, verheiratet mit dem Kaufmann Max Cerf, floh ins Ausland. Die Eltern starben 1941 und hinterließen u. a. das „Modehaus für Damenkonfektion Geschwister Loewendahl“, Große Ulrichstraße 2 (heute Kaufhaus Müller), sowie das Haus Forsterstraße 13. Nach Hermanns Tod ging das Haus in den Besitz von Clara L. über. Im Zuge der „Arisierung“ verloren die Loewendahls allen Besitz und mussten erdulden, dass ihr Haus von der Gestapo als „Judenhaus“ deklariert wurde, d.h. aus ihren Wohnungen vertriebene Juden wurden zwangsweise eingewiesen und mussten auf engstem Raum auf ihre Deportation oder weitere Anweisungen der Gestapo warten. Auch Paula und Selma Loewendahl mussten ihre Wohnung Seydlitzstraße 15 (heute Fischer-von-Erlach-Straße) verlassen und lebten fortan bei der Schwester in der 2.Etage. Am 13. April 1942 nahm sich die 76-jährige Clara Loewendahl das Leben. Nach Ankündigung der Deportation für den 19.9.1942 setzten auch die 73-jährige Paula und die 69-jährige Selma Loewendahl ihrem Leben ein Ende. Paula starb am 15. September 1942, Selma überlebte noch bis zum 16. September 1942. Beide wurden auf dem Jüd. Friedhof Dessauer Straße (damals Boelckestr.) anonym bestattet – die Errichtung von Grabsteinen war inzwischen für Juden per Gesetz verboten.

Im Kellergeschoss lebte Familie Baer. Der Kaufmann Günter Baer (*1918 in Worms) kam am 5.9.1939 in Halle an. Er gehörte zu den Bewohnern der westlichen deutschen Grenzgebiete, die im Saarland, der Pfalz und Baden sofort bei Kriegsbeginn als Aufmarschgebiet geräumt wurden. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden ins Landesinnere evakuiert. Auch Paula Bermann (*1921 in Schwetzingen) kam auf diese Weise nach Halle und wurde auf dem Gelände des Jüdischen Friedhofs (Boelckestr.24, heute Dessauer Str.) untergebracht. Hier trafen sich die jungen Leute und heirateten 1940. Am 3. Februar 1941 wurde Tochter Chana im Israelitischen Krankenhaus Hannover geboren. Bis zu ihrer Deportation am 1. Juni 1942 lebten sie dann in der Forsterstr.13. Am 3.Juni 1942 erreichte der Deportationszug das Vernichtungslager Sobibor. Wie alle anderen Reisenden wurden auch der 25-jährige Günter, die 21-jährige Paula und das 16 Monate alte Baby Chana sofort nach der Ankunft mit Gas ermordet.

Händelstraße 26: Hier wohnten Dr. Hermann und Adele Jastrowitz geb. Jastrowitz
Der Mediziner Hermann Jastrowitz (*1882) heiratete 1920 seine Cousine Adele Jastrowitz (*1892 in Karlsbad/Karlovy Vary). 1921 kaufte er das Haus Händelstraße 26, eröffnete seine Arztpraxis und lehrte zusätzlich an der Universitätspoliklinik. Am Beginn der nationalsozialistischen Terrorherrschaft schützte den Arzt noch sein „Frontkämpferstatus“ aus dem 1. Weltkrieg, doch ab 1938 musste auch er den Davidstern an seiner Praxis anbringen, durfte sich nicht mehr Arzt nennen, sondern „Krankenbehandler“ für ausschließlich jüdische Patienten. Nach der Pogromnacht wurde er verhaftet und bis Dezember 1938 im KZ Buchenwald gefangen gehalten. Ziel war, die Betroffenen zum Verlassen des Deutschen Reichs zu zwingen. Jastrowitz suchte nach Arbeitsmöglichkeiten im Ausland, was sich hinzog, bis es zu spät war. Im November 1941 wurde das Ehepaar ins „Judenhaus“ Forsterstr. 13 eingewiesen, danach ins Jüdische Alten- und Siechenheim, Großer Berlin 8. Für den 27. Februar 1943 finden sich die Namen des 60-jährigen Hermann Jastrowitz und seiner 50-jährigen Frau Adele auf einer Deportationsliste mit der Bemerkung „Nach Osten abgewandert“, das hieß, Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz. In einem Abschiedsbrief an ihre Hausangestellte hatte Adele Jastrowitz noch die Hoffnung: „Vergesst uns nicht, wir kommen wieder.“

Landsbergerstraße 65: Hier wohnten Max und Anna Brilling geb. Bennigsohn; Bruno und Regina Brilling geb. Mayer
Max Brilling (*1873 ) und seine Frau Anna (*1874) kamen aus Ostpreußen und betrieben in Halle die Pferdehandlung „vorm. Luis Reimann“, Landsbergerstr. 65. Ihr Sohn Julius rettete sich vor der Verfolgung nach Palestina/Israel. Sohn Bruno Brilling (Textilkaufmann, *1905 in Ostpreußen) heiratete Regina Mayer (*1910 in Wiesbaden). Im Januar 1939 gelang dem Ehepaar zwar die Flucht nach Belgien, dort wurden sie aber gefasst und durchliefen mehrere französische Internierungslager bis sie am 14. August 1942 vom berüchtigten Sammellager Drancy bei Paris aus nach Auschwitz deportiert wurden. Der 37-jährige Bruno starb dort am 7. September 1942, die 32-jährige Regina Brilling am 13.September 1942. Max und Anna Brilling wurden am 26. August 1942 nach Theresienstadt und am 16.Mai 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Landsbergerstraße 67: Hier wohnten Max und Meta Buchsbaum geb. Abraham
Der Kaufmann Max Buchsbaum (*1880 in Wüstensachsen / Rhön) und seine Frau Meta (*1883 in Schenklengsfeld/Osthessen) betrieben im Erdgeschoss ihres Wohnhauses einen kleinen Strickwarenladen. Ihre Söhne konnten sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins Ausland retten: Sohn Alfred (ambulanter Händler, * 1909) gehörte zu den 13 halleschen Juden, die im Rahmen der „ASR-Aktion“ am 25. April 1938 festgenommen und ins KZ Buchenwald gebracht wurden. Durch die willkürliche Festnahme als angeblich „arbeitsscheue Elemente“ sollten die Betroffenen zum Verlassen Deutschlands gezwungen werden. Alfred Buchsbaum starb 2001 in den USA. Auch Sohn Walther (Kaufmann, *1914) wurde am 25. April 1938 ins KZ Buchenwald gebracht und konnte danach Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Er lebt heute in Florida/USA. Max und Meta Buchsbaum wurden am 19.September 1942 ins Ghetto Theresienstadt und am 9. Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Diese Transportliste ist das letzte Lebensdokument des 64-jährigen Max Buchsbaum und seiner 60-jährigen Frau Meta.

Universitätsring 15: Hier wohnte Clara Radlauer geb. Krayn
Clara Radlauer geb. Krayn wurde 1879 in Pudewitz (poln. Pobiedziska) geboren. Die Witwe des Juristen Max Radlauer musste ihre Wohnung verlassen und zwangsweise im „Judenhaus“ Forsterstraße 13 wohnen. Am 1. Juni 1942 wurde die 63-Jährige von Halle ins Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort sofort nach der Ankunft am 3. Juni 1942 mit Gas ermordet.

Willy-Brandt-Straße 8 (damals Lindenstraße): Hier wohnten Minna Simon geb. Mahnhardt, Martha und Erich Simon
Siegfried und Minna Simon geb. Mahnhardt (*1886) hatten sechs Kinder. Der jüdische Ehemann starb 1936. Vier der Kinder konnten sich ins Ausland retten, aber Martha (*1907) und Erich (*1923) blieben in Halle bei der schwer zuckerkranken Mutter, die selbst keine geborene Jüdin war, aber als Mitglied auf einer Liste der Jüdischen Gemeinde Halle geführt wurde. Als Martha und Erich auf Befehl der Gestapo ins „Judenhaus“ Forsterstraße 13 ziehen mussten, ging sie mit ihnen – ob zwangsweise oder freiwillig ist nicht bekannt. Hier starb die 56-Jährige am 9. Februar 1943. Nur wenige Tage nach dem Tod der Mutter, am 27. Februar 1943, wurden die Geschwister ins Ghetto Theresienstadt und am 4. Oktober 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Ihre Namen auf der Transportliste sind das letzte Lebenszeichen der 37-Jährigen und ihres 21-jährigen Bruders.

Willy-Brandt-Straße / Ecke Turmstraße 8 (damals Lindenstraße 54): Hier wohnte Adolf Kohn
Der Witwer Adolf Kohn (*1868 im bayrischen Ebelsbach bei Haßfurt) musste auf Anordnung der Gestapo ins „Judenhaus“ Forsterstraße 13 ziehen – ein Haus, dessen jüdische Besitzer zur Aufnahme von Juden verpflichtet wurden. Auf engstem Raum mussten die Bewohner dann auf ihre Deportation oder weitere Anweisungen der Gestapo warten. Hier starb der 73-Jährige am 23. April 1942. Da das Grundstück des Hauses Lindenstraße 54 heute weiträumig überbaut ist, wurde der Gedenkstein für Adolf Kohn am Fußweg Willy-Brandt-Straße / Ecke Turmstraße verlegt.

Quellen: Carolin Emcke: Wiedergutmachung „Da hakt es im Gesetz“, in: DER SPIEGEL 30/2000, Seite 50-51 // Gedenkbuch des Bundesarchivs f. d. Opfer d. nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland // Beate Klarsfeld // Steffen Schock: Der Arzt und Wissenschaftler Dr. med. Hermann Emanuel Jastrowitz (1882-1943), Manuskript 2014 // Stadtarchiv Halle, Nachlass Gudrun Goeseke // Volkhard Winkelmann und ehem. Schülerprojekt „Juden in Halle“ des Südstadt-Gymnasiums: Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle – www.gedenkbuch.halle.de // Yad Vashem – Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer // Jan Wätzold: Erste Tafel gilt angesehenem Arzt, in: Mitteldeutsche Zeitung 9.11.2001

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