Linke Studenten wollen Kriegerdenkmal für die gefallenen Landwirte am Steintor Campus beseitigen

3. Februar 2016 | Vermischtes | 15 Kommentare

Seit 1871 steht das Denkmal für die gefallenen Landwirte an der ehemaligen Landwirtschaftlichen Fakultät in der Emil-Abderhalden-Straße, dem heutigen Steintor-Campus. Doch geht es nach dem Studentenverband „SDS.Die Linke MLU“, muss das vom Künstler Julius Franz gestaltete Denkmal beseitigt werden.
sds kriegerdenkmalEine eher betrübte Frau sitzt auf einem Sockel, verziert mit einem eisernen Kreuz. „Wer nun hofft, dass die dargestellte Person die Tatsache betrauert, dass so etwas wie die Bundeswehr heute noch existiert und an der Universität Halle fröhlich ein- und ausgeht, wird leider enttäuscht“, erklärt der SDS. Denn ein Schriftzug weist darauf hin, dass die studierenden Landwirte der Fakultät dieses Denkmal ihren gefallenen Kommilitonen gesponsert haben, gefallen sind diese im deutsch-französischen Krieg von 1870/71.


Man kritisiere die Uni, dass diese auch im 21. Jahrhundert nicht darauf komme, „dieses Kriegerdenkmal abzureißen und aus dem Anspruch von Aufklärung und Fortschritt eine Akzeptanz kriegsverherrlichender, nationalistischer und geschichtsrevisionistischer Inhalte machen. Wir fordern den sofortigen Abriss des Objekts, als etwas, was schon vor ungefähr 130 Jahren angebracht gewesen wäre“, erklärt der SDS weiter. „Ach ja, der Denkmalschutz: Wer das Ding wirklich nicht abreißen will, hat immer noch die Möglichkeit, es in einer Lagerhalle vergammeln oder im Museum kommentieren zu lassen.“

Dass dabei „Germania vom Sockel“ gestoßen werden soll zeigt auch die Unkenntnis. Denn die Frauenfigur soll nicht Germania sondern Klio darstellen, eine der neun Musen der griechischen Mythologie und Tochter des Zeus.

Hier die vollständige Erklärung:
Der deutsch-französische Krieg war einer der sogenannten „Einigungskriege“, der mit großer nationalistischer Aggression und Brutalität geführt wurde. Für das von der Militärmacht Preußen dominierte „Vaterland“ ließen sich tausende junge Männer töten und ermordeten in den drei Kriegen zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs etliche Menschen in den umliegenden Staaten. Im Endeffekt wurden die militärischen Gleichgewichte zugunsten des nun gegründeten deutschen Nationalstaates verschoben und nationale Mythen geboren. Beides sorgte mit dafür, dass sich die deutsche Bevölkerung mit Freude und Begeisterung für die Interessen der herrschenden feudalen Klasse und ihrer bürgerlichen Verbündeten im ersten Weltkrieg massenhaft verheizen ließ und millionenfach mordete.
Würde das Denkmal auf dem Campus tatsächlich nur Gefallenen gedenken und die Opfer und das Leid eines deutschen Krieges in den Mittelpunkt rücken, wäre das kein Problem. Leider handelt es sich dabei aber um ein Kriegerdenkmal: Es werden ausschließlich die deutschen Kämpfer genannt, ihr Tod wird nicht kommentiert, sondern als schicksalhaft angenommen und am Ende noch mit dem preußischen Ehrenabzeichen des „Eisernen Kreuzes“ versehen, während die weibliche Figur – mit Siegerkranz versehen – auf weitere deutsche Siege und tote Helden wartet.

Im nationalistischen Diskurs des ausgehenden 19. Jahrhunderts war die Erinnerung an gegen Frankreich gefallene Soldaten ein ständiges Thema und damit eine gesellschaftlich relevante Triebkraft des Hasses und des Chauvinismus. Das Gedenken ist eben nicht nur eine Sache für die Toten, sondern auch eine Versicherung, dass der Erbfeind noch immer Westen sitze. Allein das wäre Skandal genug – nur geht das Denkmal noch weiter.
Statt Vernunft walten zu lassen und dieses Denkmal nach dem ersten und zweiten Weltkrieg endlich abzureißen, kam jemand auf die fragwürdige Idee dieses nun auch noch den Opfern des ersten und zweiten Weltkriegs zu widmen. Angesichts der beiden Weltkriege ist es mehr als zynisch, das Gedenken an die Millionen Opfer des deutschen Vernichtungswahns mal eben in ein Kriegerdenkmal zu integrieren und unter einer etwas betrübten Germania, einem eisernen Kreuz und vom Patriotismus besoffenen Landwirten aufzuführen.
Diese Statue ist damit nicht nur an sich eine Form der Geschichtsfälschung und eine Beleidigung aller Opfer, sondern auch ein historisches Zeugnis dafür, wie deutsche Nazis, ihre Mitläufer*innen und Verharmloser*innen die spezifische Schuld und den historischen Kontext in dem so etwas wie ein zweiter Weltkrieg erst möglich wurde, ignorieren und die Geschichte nivellieren. Das ist genau das, was sich in Dresden heute noch beobachten lässt: Wenn alle irgendwie Opfer waren – ob Holocaust oder „Bomben-Holocaust“ -, kann auch niemand so richtig schuldig sein.

Wir machen dabei nicht mit und kritisieren die Universität, die dort vertretenen philosophischen Fakultäten und ihre Dekanate, sowie alle zuständigen Stellen dafür, dass sie auch im 21. Jahrhundert nicht darauf kommen dieses Kriegerdenkmal abzureißen und aus dem Anspruch von Aufklärung und Fortschritt eine Akzeptanz kriegsverherrlichender, nationalistischer und geschichtsrevisionistischer Inhalte machen. Wir fordern den sofortigen Abriss des Objekts, als etwas, was schon vor ungefähr 130 Jahren angebracht gewesen wäre!
SDS.Die Linke MLU
PS: Ach ja, der Denkmalschutz: Wer das Ding wirklich nicht abreißen will, hat immer noch die Möglichkeit, es in einer Lagerhalle vergammeln oder im Museum kommentieren zu lassen.

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