Halle begeht Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung

8. September 2013 | Vermischtes | 2 Kommentare

Mit Kranzniederlegungen auf dem Gertraudenfriedhof wurde am Sonntag anlässlich des Tages der Erinnerung, Mahnung und Begegnung der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Aufgerufen hatten die Verfolgten des Naziregimes und der Bund der Antifaschisten. Gekommen waren auch die Stadtvorsitzenden von Linken und Grünen sowie Kulturdezernentin Judith Marquardt.

Gisela Böring zitierte ein Gedicht von Elfriede Paul, einer deutschen Widerstandskämpferin im zweiten Weltkrieg und Mitglied der Roten Kapelle. Im Anschluss sprach Ernst Luther mahnende Worte. „Mahnung ist die logische Konsequenz aus der Erinnerung. Niemand wollen wir vergessen.“ Er gab zu Bedenken, dass Kinder den Krieg nur aus Filme kennen, aus der Ferne. „Da ist es irgendwie cool.“ Er kritisierte, dass Nazis Handlungsfreiheit und durch Aufmärsche, Musik und Kleidung versuchen, die Jugend zu verführen. Der Slogan „Nazis raus“ sei populär. „Aber wohin?“, fragte Luther. Wichtig sei es, diese Gedanken aus den Köpfen zu bekommen, man brauche eine geistige Auseinandersetzung. In diesem Zusammenhang zitierte er einen offenen Brief von Berthold Brecht aus den 50er. Dieser forderte die völlige Freiheit von Buch, Theater, Bildender Kunst, Musik und Filme – jedoch mit einer Einschränkung: alles ws den Krieg verherrlicht, sollte verboten bleiben. Es heißt aber nicht nur Tag der Erinnerung und Mahnung, sondern auch der Begegnung. Und die sei wichtig, so Luther, insbesondere zwischen Junge und Alt, um damals erlebtes weiterzutragen. 80 Jahre ist es her, dass im Konzentrationslager Börgermoor von Gefangenen das Lied „Die Moorsoldaten“ gedichtet, aufgeführt und weitergetragen wurde. „Doch für uns gibt es kein Klagen. Ewig kann ‘s nicht Winter sein. Einmal werden froh wir sagen: Heimat, du bist wieder mein! Refrain: Dann ziehn die Moorsoldaten nicht mehr mit den Spaten ins Moor“, zitierte Luther die letzte Strophe. „Möge es uns gelingen, diesen Gedanken wach zu halten“, sagte er.

Am Denkmal der “679 vom nationalsozialistischen Staat Gemordeten” wurden anschließend Kränze niedergelegt. Tatsächlich sind hier lediglich 455 Opfer begraben, die restlichen 224 Urnen sind in einem internationalen Bereich des Gertraudenfriedhofs bestattet. Unter den Toten, an die mit der Gedenkstätte erinnert wird, waren auch 150 Kranke und Behinderte.

Die Geschichte des Gedenktages geht ins Jahr 1945 zurück. Damals ergriffen Überlebende der Nazidiktatur 1945 die Initiative und führten in Berlin-Neukölln in der Werner-Seelenbinder-Kampfarena eine Gedenkfeier mit 100.000 Teilnehmern durch. Doch ab 1947 habe eine Schlussstrich-Mentalität eingesetzt. Der Osten führte den Tag der Opfer des Faschismus ein, der durch das Regime für die eigene Legitimierung missbraucht worden sei. Im Westen hingegen galt eine Teilnahme am OdF-Tag als prokommunistische Aktion. Und so hatte sich in Ost und West eine unterschiedliche Gedenkkultur entwickelt. Erst seit der politischen Wende 1989 findet das Gedenken als “Tag der Erinnerung, Mahnung und Begegnung” gemeinsam in Ost wie West statt.

Print Friendly, PDF & Email
2 Kommentare

Kommentar schreiben