Golfplatz am Hufeisensee: die Bürger laufen Sturm

28. November 2012 | Vermischtes | 6 Kommentare

Große Pläne hegen Stadtverwaltung und ein Investor am Hufeisensee in Halle (Saale). Das komplette Gelände soll zu einem Freizeit- und Naherholungsraum umgestaltet werden. Am Mittwochabend wurde nun im Rahmen eines Bürgerforums erstmals die Öffentlichkeit über die Pläne informiert, nachdem der Stadtrat am 18. Juli den Aufstellungsbeschluss gefasst hat. Wie Baudezernent Uwe Stäglin sagte, handele es sich zunächst um einen frühen Stand der Planungen. Nicht alles müsse sich später tatsächlich so abbilden. Das Interesse der Anwohner war groß, der Saal in der Halle-Messe prall gefüllt, etwa 200 Gäste waren gekommen.

Lars Löbner, Leiter des Stadtplanungsamtes, sagte, der Hufeisensee habe eine besondere Bedeutung. Mit seinen 73 Hektar Wasserfläche sei er das größte Standgewässer der Stadt. Die Nutzung derzeit erfolge in einer ungeordneten Art und Weise. Nun biete sich die Chance, das Gebiet konzeptionell neu aufzustellen.

Die ersten Pläne präsentierte Falk Wendler vom Stadtplanungsamt. Bereits jetzt befinde sich am See das Wassersportzentrum mit Rudern, Tauchen und Wasserski. Die bestehenden baulichen Anlagen seien aber für eine größere Nutzung, beispielsweise für Wettkämpfe, nicht ausgelegt. „Ziel der Planung ist es, für die Sportnutzung eine Entwicklungsperspektive aufzuzeigen.“ Eine Vorhaltefläche soll es für eine Wakeboard-Seilzuganlage geben. Allerdings ist noch nicht klar, ob diese Anlage auf dem Wasser angelegt wird, oder ein künstliches Nebengewässer angelegt wird. Platz geben soll es auch für Speedskater. Hier hatte der Stadtrat bereits vor Jahren aufgetragen, einen Standort zu suchen. Am nordwestlichen Ufer soll ein Bootsanleger mit Wassertreterverleih errichtet werden. „Das ist eine Idee, die uns von der Jugendwerkstatt herangetragen wurde“, so Falk Wendler. Am südöstlichen Zipfel ist eine Fläche für Camping und Caravaning vorgesehen, die Fläche – die zum Verkauf steht – müsste aber erst einmal erworben werden. Im nordwestlichen Bereich könnte es den Planungen zufolge eine Fußball-Golfanlage geben. Bislang ist der See kein offizielles Badegewässer. Das könnte sich ebenfalls ändern. Drei Badestellen (Südzipfel, Norden, Nordwesten) sind in den Planungen vorgesehen. Dazu soll es eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung geben, in welcher Form eine solche Betreibung der Badestellen möglich wäre.

Den größten Teil der Fläche soll aber die 27-Loch-Golfanlage einnehmen, die sich über den kompletten westlichen und südwestlichen Bereich vom See bis zur Straße erstrecken soll. Laut Wendler werde sich die Anlage harmonisch in die Landschaft einfügen. Wie er sagte, seien zuvor verschiedene Standorte in Halle wie Passendorfer Wiesen, Salzmünde, Franzigmark, Osendorfer See und Seebener Berge untersucht worden. Am Osendorfer See sei aktuell eine Fläche für Golfsport vorgesehen, hier habe es damals einen potentiellen Investor gegeben. Allerdings seien die Flächen inzwischen an einen Landwirt verkauft und stehen für eine sportliche Nutzung nicht mehr zur Verfügung. Wie Wendler erklärte, gehe man davon aus, dass es am Hufeisensee keine naturschutzfachlichen Probleme geben dürfte. Derzeit laufe eine Untersuchung, welche Arten das vorgesehene Gebiet als Lebensraum nutzen. Den Bedarf für eine solche Anlage sieht man gegeben. Aktuell gibt es in und um Leipzig vier Golfplätze, weitere in Dessau, der Dübener Heide und Neugattersleben – alles im Umkreis von 50 Kilometern. Die Wegebeziehungen über das Gelände sollen erhalten bleiben, sagte Wendler. Als nächster Schritt steht die Änderung des Flächennutzungsplans an.

Bürgerfragen:
Eine Anwohnerin erkundigte sich nach Schallschutzmaßnahmen und wies darauf hin, dass über das Gelände eine Hochspannungsleitung führt. „Ich möchte auch weiterhin meine Ruhe haben“, sagte die Frau, die ihr Haus in der Nähe der geplanten Fußball-Golfanlage hat. Ein Bürger erkundigt sich – auch mit Blick auf das Nachterstedt-Desaster – nach den Böschungen. Schließlich war der Hufeisensee früher mal ein Braunkohletagebau. Nach Angaben der Stadt habe es eine Untersuchung gegeben. Gerade im Innenbereich des Hufeisensees gebe es recht steile Böschungen, die aber auch in Zukunft nicht für Nutzungen vorgesehen sind. Man gehe davon aus, dass der See standsicher ist.

Ein Landwirt schimpft, dass ihm 82 Hektar verloren gehen. „Und damit 24 Prozent der Gesamtfläche“, sagte er. Weitere Flächen gehen durch die Osttangente verloren. „Unsere Existenz ist damit dahin. Wir werden kaputt gemacht. Das sind drei Menschen, die davon leben.“ Die Planungen hält er für überzogen. „Die Stadt hat so riesige finanzielle Probleme.“ Wie er sagte, sei mit seinem Unternehmen nicht ein Wort gewechselt worden. „Ich protestiere ganz scharf dagegen. Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür. Wir haben andere Probleme in der Stadt, als solche Luxus zu bauen.“ Auf ein paar Hektar für Parkplätze könnte er verzichten. Aber was die Stadt hier plane, sei nur für Reiche. Für seine Worte erntet er großen Applaus. Der Stadt warf er Täuschung vor. „Wenn das Geld nicht reicht, müssen wir dann auch noch mehr Müllgebühren und mehr Strom bezahlen. Nach meinem Dafürhalten ist das eine große Schweinerei, was das passiert.“ Planungsdezernent Uwe Stäglin sagte, im Rahmen des Abwägungsprozesses sei dies durchaus mit ein Thema.

Auch der nächste Bürger protestiert gegen die Pläne. Daneben fürchtet er erheblichen Lärm, der auf die Bevölkerung zurollt, spricht von „Höllenlärm“. Die Pläne nannte er „Prestigeprojekt“. Es gebe in Halle wesentlich wichtigere Probleme in der Stadt als einen Golfplatz zu bauen. Dezernent Stäglin weist darauf hin, dass die Stadt nicht Bauherr und Betreiber des Golfplatzes sein wird, sondern ein privater Investor.

Eine Anwohnerin aus dem Krienitzweg erkundigt sich, was denn mit ihrer Straße – einer Sackgasse – passiert. Denn offensichtlich soll der Weg weitergeführt werden, „auch für Autos?“, fragte sie. Daneben werde wohl die Straße bestimmt wieder für Baufahrzeuge genutzt. Seit Jahren schon kämpfe sie für besseren Lärmschutz. Doch nun werde es offenbar durch einen geplanten Parkplatz und den Golfplatz auch noch mehr Lärm geben. Nach Angaben von Stadtplaner Falk Wendler sei das Gebiet im Krienitzweg als Mischgebiet ausgewiesen, dabei gelten nicht ganz so strenge Lärmschutzregeln wie in Wohngebieten. Allerdings solle es ein Lärmschutzgutachten geben.

Auch ein Vertreter der Stadtjägerschaft meldet Bedenken an. „Wir sind der Meinung, dass dieses Areal völlig überzogen ist.“ Er weist darauf hin, dass sich am See ein Biberpaar angesiedelt hat, auch seltene Vogelarten wie den Eisvogel gebe es hier. „Durch diese Bebauung ist dieses alles in Frage gestellt. Denn diese Tiere vertragen so viel Publikumsverkehr nicht.“ Ein weiteres Problem sei die versiegelte Deponie. In diesem Bereich würden sich ebenfalls viele Tiere leben. Seine Befürchtung ist auch, dass durch die Baumaßnahmen die Schutzschicht zur Deponie beschädigt wird. Laut Falk Wendler nehme man den Naturschutz sehr erst, es gebe konkrete Untersuchungen unter anderem zu Feldhamstern, Nachtfaltern und Brutpaaren. Der Deponiebereich werde beobachtet. Klar sei, dass die Deckschicht nicht angegriffen werden dürfe. Auch von Seiten des Investors gebe es Aussagen, dass dieser nicht in die Erde hinein wolle, sondern eher zur Modellierung zusätzliche Erde aufgebracht werden soll.

Nun kommt ein weiterer Bürger aus dem Krienitzweg, meldet sich polemisch zu Wort und fragt, ob er denn Schutzhelme für fliegende Helme bekommt. Daneben habe er festgestellt, dass dort vermehrt Bordsteinschwalben ansässig seien. „Die müssten auch umgesiedelt werden.“ Es gebe in der Stadt genügend brachliegende Flächen, beispielsweise am Böllberger Weg. Dort seien Millionen reingepumpt worden. Baudezernent Stäglin weist noch einmal darauf hin, dass es sich sowohl um das Sportparadies am Böllberger Weg als auch beim geplanten Golfplatz am Hufeisensee um private Investitionen handele.

„Sie kosten die Stadt Halle jetzt Ressourcen“, meldet sich ein Bürger zu Wort und lehnt das Bauvorhaben ebenfalls ab. Eine Frau erklärte, der Investor könnte ja gar nicht bauen, wenn die Stadt nicht vorher das Gelände zur Verfügung stellen würde.
Ein Anwohner fürchtet Folgekosten durch den Kauf des Deponiegeländes aus Sicherheitsgründen. Er will wissen, wer dafür zuständig ist. Laut Uwe Stäglin laufen derzeit Verhandlungen mit dem Bergbausanierer LMBV, um genau das abzuklären.

Ein junger Mann erkundigt sich nach der geplanten Ausweisung als offizielles Badegewässer mit Badestellen. So sei der südwestliche „Stiefel“ offenbar ausgenommen, der jetzt rege genutzt werde. Auch für mehr Mülleimer sprach er sich aus. Wie Baudezernent Stäglin sagte, müsse der Spagat zwischen naturbelassenen Bereichen und einer Erholungsnutzung gelingen.

Eine Anwohnerin erkundigt sich nach Investoren für die weiteren sportlichen Anlagen wie Wassersport. Wie Falk Wendler vom Stadtplanungsamt habe es zur Wakeboardanlage und die Wassersportbereichen bereits vor der Anfrage zum Golfplatz Anfragen gegeben. Bei der Speedskateanlage gebe es Bekundungen von Sportvereinen.

Ein weiterer Bürger fragt nach dem konkreten Bedarf. Außerdem fürchtet er erhebliche Kosten, weil einem Landwirt die Existenz geraubt werde. Wie Uwe Stäglin sagte gehe man davon aus, das ein privater Investor sehr wohl abgewogen hat, wofür er Geld ausgibt.
Es gebe Studien zu Golfplätzen, wonach der Rasen mit Unmengen an Pestiziden gedüngt werden, erklärte ein weiterer Bürger. Er machte daneben darauf aufmerksam, dass die Deponie nicht zum See hin abgedichtet worden sei. Tausende von Fässern von Chemiemüll seien daneben weggekippt worden.
„Dieses Gebiet ist natürlich belassen so wie es ist“, sagte eine Frau. „Was hier an Umgestaltung passieren soll ist im Großen und Ganzen ein Freizeitpark.“ Durch Lärm und Verkehr würden die ansässigen Anwohner vertrieben, meinte die Frau. „Es ist Interesse der Bevölkerung, dass wir einen naturnahen Raum haben und nicht Schickimicki.“

Eine Frau fragt nach dem Zeitplan. Laut Baudezernent Stäglin wolle der Investor des Golfplatzes gern zu den nächsten olympischen Spielen fertig sein, weil zu diesem Zeitpunkt Golf olympisch werde. Für alle weiteren Punkte geben es noch keine konkreten Zeitpläne. Allein das komplexe Bebauungsplanverfahren werde mindestens zwei Jahre dauern.

Eine Frau sagte, sie finde die freizeitliche Nutzung interessant im Bereich Joggen, Skaten, Radfahren. Werde hier auch an gehbehinderte Menschen gedacht, fragte sie. Hier hat sich die Stadt noch keine großen Gedanken gemacht. „Ich finde es einen interessanten Gedanken, den wir gern aufnehmen“, so Dezernent Stäglin.

Ein Anwohner wünschte sich den Erhalt der Wegebeziehungen, „nicht das wir um das Gelände drumherum fahren müssen.“ Laut Stäglin sei dies vorgesehen. Man wolle einen öffentlichen Weg um den See erhalten.

„Welche rechtlichen Möglichkeiten hat die Bevölkerung, gegen das Projekt Einspruch zu erheben“, fragte ein Bürger. „Ich habe das Gefühl, dass die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt wird.“ Baudezernent Stäglin wies auf die Abwägung der Stadt hin, über die der Stadtrat befinden müsse. Im Moment gebe es eine politische Mehrheit, die sich für die Aufstellung des Bebauungsplans ausgesprochen habe.

Ein Vertreter des Wassersportvereins meldet sich zu Wort und fragt, woher der Golfplatz-Investor überhaupt sein Wasser nehmen will.

Fazit: dem Bürger ist offenbar nicht so ganz klar, dass der Golfplatz von einem privaten Investor gebaut wird und wirft der Stadt vor, Millionen zu verpulvern. „Was wir hier aus der Veranstaltung mitnehmen ist, dass gewünscht ist, dass die Stadt nicht mit großen Investitionen dabei ist.“ Zahlreiche Anwohner erklärten, die Stadt solle das Gelände so lassen wie es ist. „Wir haben viele Fragen, die wir jetzt mitnehmen und auswerten müssen“, so Stäglin. Über das Amtsblatt wolle man bekannt machen, wie es nun weitergehe und wann die Pläne im Technischen Rathaus ausgehängt werden.

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