Gedenken ist vor allem Nachdenken: Erinnerung an die Befreiung des KZ Auschwitz in Halle

27. Januar 2015 | Vermischtes | Keine Kommentare

Am Dienstagabend wurde am Jerusalemer Platz in Halle (Saale) der Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft erinnert. Anlass war die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945, also vor genau 70 Jahren.

Juden, Christen, Behinderte, Künstler, Sinti, Roma… wer nicht mitlief oder anders war, der musste unter den Nationalsozialisten um sein Leben fürchten, Millionen wurden ermordet. „Gedenken ist vor allem Nachdenken. Nachdenken über die Lehren, die wir für die Gegenwart und die Zukunft und über kollektive Verantwortung ziehen“, sagte Halles Bildungsdezernent Tobias Kogge. „Das ist weiterhin dringend notwendig. Denn die Zahl der Ewiggestrigen und ihrer jugendlichen Nachahmer ist leider nicht geringer geworden.“

Kogge verwies auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Juden-Verfolgung hinter sich lassen wollen, einen Schlusstrich unter dieses Kapitel der deutschen Geschichte ziehen wollen. „Wie gehen wir mit dieser Geschichtsvergessenheit um, welche Antworten haben wir auf Pegida, Legida, Magida, Halgida?“. Die Erfahrungen gerade der letzten Wochen in Mitteldeutschland mache ganz klar, „ja, wir müssen wieder miteinander mehr reden. Ja, wir müssen viel mehr rechtzeitig informieren. Ja, wir müssen mehr aufklären. Zum Dialog gibt es in der Demokratie keine Alternative. Aber die Grenzen sind klar“, so Kogge. „Die Grenzen, die die Erinnerung an die deutsche Geschichte uns selber mit gibt. Es ist eine eindeutige rote Linie, die wir ziehen können.“ Oft gebe es Sympathien für rechte Organisationen, die beispielsweise Kinderfeste und Sonnenwendfeiern organisieren. Dann heiße es vielfach, das sei doch gut. „Es geht nicht um diese Dinge. Es geht ganz klar um die eine Grenze, die die Geschichte nun einmal gezogen hat und wo wir am 27. Januar nachdenken, hinterherdenken und Verantwortung übernehmen für das, was damals geschehen ist, der Tod von Millionen Menschen im Nationalsozialismus.“ Die vielen ermordeten Menschen haben Namen und Gesichter, so Kogge. „Die haben ihre eigene Geschichte.“ Kogge lobte das Netzwerk für Demokratie und Toleranz in Sachsen-Anhalt. 180 Vereine und viele Einzelpersonen seien hier tätig.

Gedenkworte sprach auch der Leiter der Gedenkstätte „Roter Ochse“, André Gursky. Er zitierte aus dem Gründungsprogramm der NSDAP, wo es hieß: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist.“ „Der Staatsbegriff wurde dem Volksbegriff untergeordnet“, so Gursky, „der Volksbegriff rassebiologisch bestimmt“, erklärte er. „Wer sind wir Deutschen? Und womit bestimmt Erinnerungskultur deutsche Identität? Geduldige Selbsterforschung allein wäre wohl eher unzureichend. Politische Bildung hat die Aufgabe, in der Gegenwart neue Denk- und Handlungsvarianten alter Denk- und Handlungsmuster aufzuzeigen. Gedenken hält die wichtige Einsicht wach, das die Werte zur Zivilgesellschaft stets prekär sind und alles andere als sicher.“

Im Anschluss legten Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht Kränze am Mahnmal auf dem Jerusalemer Platz nieder. An der Gedenkveranstaltung nahmen verschiedene Vertreter der politischen Parteien teil, darunter der Stadtratsvorsitzende Hendrik Lange, der Landtagsabgeordnete Swen Knöchel , die Stadträte Ulrike Wünscher, Ute Haupt, Markus Klätte, Gottfried Koehn und Harald Bartl, ebenso Polizeipräsidentin Christiane Bergmann, Händelhaus-Chef Clemens Birnbaum, Stadtarchivar Ralf Jakob und Stadtmuseums-Chefin Jane Unger.

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