Die Altstadt von Halle in der Zukunft

16. Januar 2013 | Vermischtes | 3 Kommentare

Die Stadt Halle (Saale) hat ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept für die Altstadt aufgestellt. Wie Lars Loebner, Fachbereichsleiter Planen, zur Vorstellung des Konzepts am Dienstag in einer Bürgerversammlung sagte, habe die Bundesregierung als Fördermittelgeber ein solches Konzept als Bedingung gefordert. Bis 31. Januar habe man noch Zeit, ein solches Konzept vorzulegen. Trotz alledem könne das 52 Seiten starke Papier über die Jahre weiterentwickelt werden.

Das Konzept umfasst das 80 Hektar große Gebiet innerhalb des Altstadtrings. Getätigt wurde zunächst eine Bestandsanalyse. Etwa 1000 Gebäude, darunter 560 Baudenkmale, gehören zum Sanierungsgebiet. Zehn Prozent der Häuser sind noch immer unsaniert. Gegenüber 1993 ist das eine deutliche Verbesserung. Damals befanden sich 65 Prozent aller Gebäude in einem schlechten oder sehr schlechten Zustand. Viele Straßen wurden inzwischen ebenfalls auf Vordermann gebracht. In Planung sind unter anderem die Sanierung der Großen Ulrichstraße, des Robert-Franz-Rings, der Rathausstraße, Schulstraße, Große und Kleine Brauhausstraße, Jerusalemer Platz.

Was will die Stadt?
Benannt sind zudem zehn Entwicklungsziele. Los geht es mit der Stärkung von Kultur, Bildung und Wissenschaften. Unter anderem soll die Vernetzung der Uni mit außeruniversitären Institutionen gestärkt werden. Auch für eine Stärkung studentischen Wohnens und Lebens spricht sich das Konzept aus, ebenso wie für einen Ausbau der Kulturangebote im historischen Umfeld und eine Etablierung der Universität als Frequenzbringer für Wissenschaft, Kultur und Tourismus.

Das zweite Ziel befasst sich mit der Stärkung des zentralen Versorgungsbereiches Altstadt. „Ziel ist es, die oberzentrale Funktion der Stadt Halle als Einkaufsstadt in der Region zu stärken und dazu die Haupteinkaufslagen in der Altstadt attraktiver zu gestalten, den Ladenleerstand zu reduzieren sowie Brachflächen und Baulücken nachzunutzen“, heißt es. „Darüber hinaus soll die überregionale Erreichbarkeit der Altstadt optimiert werden.“ Aufgeführt wird Flächenpotential für Einkaufszentren, darunter die Südwest-Ecke Markt, die Freifläche an der Großen Brauhausstraße hinter dem Ritterhaus und das Loch an der Spitze.

Die soziale Mischung als Potential ist Ziel Nummer 3. Wie Lars Loebner sagte, ist die Altstadt einer der jüngsten Stadtteile Halles von der Einwohnerstruktur her. 38 Prozent aller Einwohner sind zwischen 18 und 30 Jahren alt, im städtischen Durchschnitt sind es nur 17 Prozent. Dank der Plattenbaugebiete finde man hier Wohnraum zur sehr respektablen Preisen, Loebner. Die Altstadt sei nicht nur einer einkommensstarken Schicht vorbehalten. „Gerade die junge Bevölkerung schätzt den Wohnstandort Altstadt, der durch kurze Wege, eine hervorragende ÖPNV-Anbindung und eine lebendige Gastronomie- und Kulturszene gekennzeichnet ist“, steht im Konzept.

In Ziel 4 geht es um die Stärkung der Freiraum- und Grünfunktion. Durch mehr Grün soll der Altstadtring aufgewertet werden, auch eine Aufwertung des Mühlgrabens ist vorgesehen. Die umliegenden Grünflächen sollen besser an die Saale angebunden werden.

Stadt- und umweltverträgliche Mobilität weist Ziel 5 aus. Dabei geht es um eine Weiterführung der autoarmen Altstadt und eine sektorale Erschließung der Altstadt, um Durchgangsverkehr zu vermeiden. Der „Umweltverbund“ soll Vorrang haben, sprich: die Straßenbahn. Vorgesehen ist eine Verbesserung der Wegeleitung zu relevanten Punkten.

Ein wichtiges Anliegen der Bundesregierung wird in Ziel 6 benannt: die energetische Stadtsanierung. Hier gibt es insbesondere bei den Plattenbauten noch Nachholbedarf, die teilweise noch unsaniert sind. Hier soll eine Wärmedämmung für eine CO2-Reduzierung sorgen. Den Kohlendioxid-Ausstoß will die Stadt aber auch durch eine Attraktivierung und Verbesserung der Nahmobilität erreichen.

Ziel 7 widmet sich der touristischen Schwerpunktsetzung. „Auch hier gibt es noch Potentiale“, so Loebner. Unter anderem geht es um eine barrierefreie Vernetzung der historischen Landmarken im System der öffentlichen Räume der Altstadt, Sicherung und strukturelle Fortentwicklung der historischen Bausubstanz spwoe Herausstellung der Stadtkulisse am Fluss und Verbindung der Altstadt mit dem Grünraum Saale.

Aufgeführt in Ziel 8 ist das Thema Öffentlicher Raum – Weiterentwicklung des Plätze- und Wegesystems. Hier geht es um eine Gestaltung der Altstadtplätze, eine bessere Vernetzung, den Ausbau von Radverkehrs- und Fußwegeverbindungen und die Aufwertung touristischer Wegesysteme. In einem Sonderthema soll sich auch dem Friedemann-Bach-Platz gewidmet werden.

Ziel 9 beschäftigt sich mit der Sicherung und Fortentwicklung der Altstadt als Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne. Hier soll es im Wesentlichen um die „rote Liste“ gefährdeter kulturhistorisch wertvoller Baudenkmale gehen.

Das letzte Ziel befasst sich mit der Weiterentwicklung des bürgerschaftlichen Engagements. Dies sei in Zukunft nötig. Denn absehbar sei, dass es ab 2019 weniger Mittel geben wird, so Loebner.

Bürgerdiskussion
Aufmerksam haben gut 50 Bürger die Veranstaltung verfolgt und haben nun einige Fragen an die Verwaltung. So vermisst Hans-Joachim Keneder die Erwähnung der Fernwärme. Er selbst habe einst eine Wärmekonzeption für gesamte Stadt erarbeitet. Selbst in der Brüderstraße liege ein Kanal an und könnte bei den anstehenden Sanierungen zum Tragen kommen. Ein Bewohner vom Domplatz wies darauf hin, dass er sich ebenfalls für Fernwärme interessiert hatte. Ein Anschluss koste jedoch 20.000 Euro.

Ein Domplatz-Anwohner begrüßte zwar das Verkehrskonzept mit der autoarmen Altstadt. Doch sei die Exekutive offenbar nicht Willens oder in der Lage, Verbote durchzusetzen – wie beispielsweise in der Kleinen Ulrichstraße, Rathausstraße, Alter Markt, Große Ulrichstraße. Stadtplaner Lars Loebner sprach von einem politischen Spagat. Daneben sei ja für die Polizei das Land zuständig. „Planung wunderbar, Umsetzung mangelhaft“, kommentierte ein Bürger.

Ein gebürtiger Hallenser, der jahrelang in Nordrhein-Westfalen lebte und nun wieder in Halle wohnt, ist jetzt an der Reihe. Als wichtig empfindet er eine Wiederbebauung des ehemaligen Hotels „Börse“ an der Südwestecke des Marktes. Hier habe es bereits mehrfach Planungen gegeben, so unter anderem zu DDR-Zeiten und unter Rauen, berichtete Hans-Joachim Keneder. Der komplette Bereich sei unterkellert. Wie die Stadtverwaltung erklärte, habe die Commerzbank einst geplant, einen Büroturm an der Stelle zu errichten. Heute kann sich die Stadt hier unter anderem ein neues Einkaufszentrum vorstellen. Problem: der Bereich gehört nicht der Stadt.

Um den Schülershof geht es dem zuvor erwähnten NRW-Rückkehrer. Insbesondere den Plattenbau an der Moritzkirche empfinde er schrecklich. Ein Bewohner des nun zu sanierenden Blocks dagegen freut sich, dass endlich was passiert. „Darauf haben wir 20 Jahre gewartet und uns immer gewundert, warum nur in den Randbezirken saniert wird.“ Eine Frau erkundigte sich, was denn mit den Plänen zu einem Durchbruch der Meteritzstraße zum Schülershof wird. Laut Stadtverwaltung ist das nicht vorgesehen, die HWG habe entsprechende Pläne verworfen. Grund seien wichtige Versorgungsleitungen, die hier entlang führen würden. Das konnte ein Gast im Publikum gleich wiederlegen.

Kleinere Fragen gab es noch zu vor sich hin gammelnden Gebäuden. Zur Neumühle hieß es, die Stadt sei nicht in der Lage Eigentümer zu zwingen. Wegen einer Rückübertragung befinde sich der Komplex nicht im öffentlichen Besitz, die Eigentümergruppe sei über weite Teile der Welt verstreut. Allerdings sei man mit Vertretern im Gespräch. Die Brüderstraße 12 hat einen neuen Eigentümer, der schon erste Sicherungen durchgeführt hat. Und auch für die Poli Mitte gebe es vielversprechende Gespräche. Eine Unterstützung durch Fördermittel sei vorgesehen. In den nächsten 3-4 Jahren sei mit einer Sanierung für Wohnnutzung zu rechnen.

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