Das hallesche KZ: Gedenken an die Mötzlicher Lageropfer

17. November 2013 | Vermischtes | 1 Kommentar

„Frohe Zukunft“ heißt die Straßenbahn-Haltestelle. Doch für viele Zwangs- und Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen aus Polen, Tschechien, Russland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden war es die Endstation. Sie kamen im Mötzlicher Außenlager des KZ Buchenwald ums Leben. Am Sonntag wurde im Rahmen des Volkstrauertages an die Opfer erinnert, die unter unmenschlichen Bedingungen in überfüllten Holzbaracken leben und in den Siebel-Flugzeugwerken arbeiten mussten.

Lange Zeit war dieses Thema aus der öffentlichen Erinnerung verschwunden, erklärte Pfarrerin Grietje Neugebauer. Doch es sei wichtig, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten, damit sich soetwas nicht wiederholt. Lediglich unter Nummern seien die damaligen Lagerbewohner geführt worden, mussten Waffen produzieren, die gegen ihre eigenen Landsleute gerichtet waren. Wer zu schwach war, sei aussortiert und zur Ermordung nach Buchenwald gebracht worden. 72539, 25673, 15540 … „wer waren diese Menschen? Wie alt waren Sie? Hatten sie Kinder? Liebten sie Musik?“, fragte Neugebauer. All das ist unbekannt. Man hat nur die Nummern. Menschen seien anfällig dafür, das schlechte in anderen zu sehen. Sie zitierte aus dem Matthäus-Evangelium: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten, aber den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr.“ Es sei wichtig, den anderen zu würdigen und respektvoll mit ihm umzugehen. „Das trägt erheblich zum Frieden im Kleinen bei.“ Neugebauer erinnerte nicht nur an die Opfer, sondern auch an die, die sich damals für ihre Mitmenchen einsetzten, jüdische Bewohner bei sich versteckten oder im Widerstand aktiv waren. Es waren viel zu wenige. „Wir müssen eingestehen, auch in der Kirche waren es wenige, dies es wagten zu Widerstehen.“

Planungsdezernent Uwe Stäglin, der Gedenkworte in Vertretung von Oberbürgermeister Bernd Wiegand sprach, erinnerte daran, dass man den Ort und die Zwangsarbeiter hätte sehen müssen. „Gegen solches Verdrängen und Vergessen musste wir angehen.“ Eine solche Erinnerungskultur sei wichtig, um auch auf die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte hinzuweisen.

Das Denkmal, eine Skulptur des halleschen Bildhauers Bernd Kleffel mit der Aufschrift „Den Opfern des KZ-Außenlagers Buchenwald Halle-Mötzlich August 1944-März 1945“, wurde im April 2009 von der damaligen Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados und dem Historiker Albert Osterloh offiziell enthüllt. Vorausgegangen war eine heftige Diskussion nach einem Artikel in der Zeitschrift „Stern“. Der Journalist Nico Wingert hatte sich an die Stadtverwaltung mit der Frage nach dem Mötzlicher Außenlager des KZ Buchenwald gewendet. Ein KZ habe es nie gegeben, hieß es dazu zunächst aus der Verwaltung, nur Zwangsarbeiter bei den Siebelwerken. Dass dem nicht so war, hatte Hobbyhistoriker Albert Osterloh deutlich gemacht. Er hat jahrelang recherchiert und festgestellt, dass es allein vier Lager rund um Mötzlich gab. Das KZ am Goldberg zu (damals Birkhahn) war zudem eine von 170 Außenstellen des Konzentrationslagers Buchenwald. Insgesamt hatte es in Halle während des Nationalsozialismus 114 Lager gegeben.

Bereits zwischen 1933 und 1940 hatten in den Siebelwerken neben deutschen Arbeitern zunächst vor allem aus osteuropäischen Staaten angeworbene Fremdarbeiter ihren Dienst getan und Flugzeugteile für die Nationalsozialisten produziert. Am 1. April 1935 lief das erste Flugzeug in Halle vom Band. Doch mit Kriegsbeginn änderte sich der Umgang mit den Arbeitern schlagartig. Die einstmals bezahlten Fremdarbeiter wurden zu Zwangsarbeitern, durften nicht mehr zurück in die Heimat. Hinzu kamen außerdem norwegische, schwedische, französische und spanische Kriegsgefangene sowie später auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Die Rede ist von 23 Menschentransporten von Buchenwald nach Halle. Bei zwei Bombenangriffen Mitte 1944 – damals wurde auch die erst wenige Jahre zuvor gebaute Heilandskirche zerstört – sowie einem weiteren Angriff am 31. März 1945 kamen viele von ihnen ums Leben. Denn während die deutschen Arbeiter in einem Schutzbunker am Posthorn Zuflucht fanden, mussten Fremd- und Zwangsarbeiter selbst zusehen wo sie bleiben. Tragisch ist in diesem Zusammenhang die Geschichte der beiden polnischen Gefangenen Viktor Zebulski und Edmund Czerwinski aus Litzmannstadt. Sie flohen während eines Bombenangriffs, wurden aber von einem Anwohner gestellt, zurück ins Lager gebracht und dort später gehenkt.

Was mit den einstigen Leitern der Lager passiert ist, steht bis heute nicht fest. Einer von ihnen war SS-Unterscharführer Johann Pflicht. Ehemalige Häftlinge beschrieben ihn als äußerst gewalttätig. Nach dem Krieg tauchte er unter und wurde von 1967 bis 1975 ohne Erfolg gesucht. Namensvetter Pflichts konnte man zwar ausfindig machen, sie aber hatten Alibis oder lebten bereits nicht mehr. Und so konnte die hallesche Geschichte auch aus Sicht der Täter nicht aufgerollt werden.

Das Ende der Lager war im Frühjahr 1945 gekommen, als die amerikanischen Truppen in Halle einmarschierten. Den Krieg hatte Deutschland verloren, nun setzte ein Flüchtlingsstrom aus den östlichen Reichsteilen wie Ostpreußen und dem Sudetenland ein. Die Stadt Halle versuchte zwar, den Flüchtlingsstrom einzudämmen. Hinweisschilder an Straßen wurden demontiert, Züge sollten durch den Bahnhof durchfahren. Allerdings mit wenig Erfolg. Im Juli 1945 lebten 200 Flüchtlinge in den einstigen Zwangsarbeiter-Baracken. Mitte November wurden bereits mehr als 770 Flüchtlinge gezählt, im Januar 1946 stieg ihre Zahl auf über 830 an. Die Siebelwerke wollten dabei sogar noch ein Geschäft machen und die Baracken für 40.000 Mark an die Stadt verkaufen. Kurze Zeit später wurde der Betrieb enteignet, die Lager demontiert. So manche Mötzlicher Tür soll sogar aus den Baracken stammen. Die Wege der Gartenanlage Freundschaft sind einstige Lagerwege, die damalige Küche heute eine Gaststätte.

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