Brandt statt Müller: Straßenumbenennung vollzogen

20. November 2012 | Vermischtes | 10 Kommentare

Seit Dienstagnachmittag ist es offiziell: die Philipp-Müller-Straße ist Geschichte, Halle (Saale) hat ab sofort eine Willy-Brandt-Straße. Vor der Schorre, einst die Gaststätte „Hofjäger“ und 1890 Ort des ersten SPD-Parteitags 1890 nach dem Fall des Sozialistengesetzes, wurden die neuen Straßenschilder von Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) offiziell enthüllt, die im 20. Todesjahr Brandts an den einstigen SPD-Bundeskanzler erinnern sollen. Entsprechend waren auch zahlreiche SPD-Vertreter wie die frühere Sozialministerin Gerlinde Kuppe, der frühere Landtagspräsident Rüdiger Fikentscher und Fraktionschef Johannes Krause da.

Auch die Umbenennung selbst geht auf SPD-Initiative zurück. Im März 2012 hatte der Stadtrat einem Antrag der Sozialdemokraten zugestimmt. Die Umsetzung wurde aber nach Anwohnerprotesten zunächst ausgesetzt, sie hatten sich unter anderem auf ihnen entstehende Kosten für Ummeldungen und neue Visitenkarten bezogen. Die Linken wollten den Beschluss wieder aufheben lassen. Dafür gab es im September-Stadtrat aber keine Mehrheit.

Zur offiziellen Enthüllung waren natürlich auch die Gegner gekommen. „Das machen die nur mit uns Anwohnern“, meinte beispielsweise Gottlob Philipps. Eine Genscher-Straße brauche Halle. „Ich bin kein Stadtrat mehr. Mit mehr wäre dieser Beschluss nicht passiert“, sagte der Anwalt und frühere CDU-Rat Gernot Töpper. Wenn die Stadt Brandt würdigen will, hätte sie das mit dem Rannischen Platz tun können, „denn der hat keine Hausnummern.“ Demnach wären auch keine Anwohner betroffen gewesen. Sie könne die verstehen, die Argumente gegen die Umbenennung vorbringen, meinte OB Szabados. „Aber wir müssen uns auch daran erinnern, wer Willy Brand war“, sagte sie. „Das steht unserer Stadt gut zu Gesicht.“ Brandt sei ein Verfechter der Politik des Wandels durch Annäherung gewesen, habe damit den Grundstein für die spätere Wiedervereinigung gelegt. „Er hat die DDR nicht ins Abseits gestellt“, so Szabados. „Ich bin stolz darauf, dass der Stadtrat diesen Beschluss gefasst hat“ … sagte es und stieg die Leiter hinauf, um das Straßenschild zu enthüllen. Mauern und Laternenmast Drumherum haben die Umbenennungsgegner mit Kreide bemalt. „Philipp-Müller-Straße (bzw. einmal nur „Stasse“) war zu lesen…

Insgesamt mussten zwölf Schilder angebracht werden. Die Müller-Schilder bleiben noch 18 Monate durchgestrichen hängen – sofern sie nicht geklaut werden. „5 Schilder sind in den letzten Tagen verschwunden“, so Baudezernent Uwe Stäglin. Zwei alte Schilder habe man noch im Lager gefunden und entsprechend ersetzt. Sollten nun noch einmal Schilder abhanden kommen, wird es nur noch Billiglösungen in Form von laminierten Schildern geben. Die Post wird bis Ende 2013 auch Briefe mit der alten Anschrift zustellen. Daneben können die Anwohner Personalausweis und KFZ-Papiere kostenlos erneuern lassen. Laut Baudezernent Stäglin habe man auch Kartendienste wie Google Maps informiert.

Der bisherige Namensgeber der Straße, das KPD-Mitglied Philipp Müller, war am 11. Mai 1952 bei einer Demonstration gegen die Militarisierung Deutschlands in Essen erschossen worden. Die Umbenennung in Brand bedeute nicht, dass Müller nun verpöhnt sein, sagte OB Szabados.

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