Bildung im Vorübergehen: Erinnerung an den Gründer der Uni-Augenklinik

1. Juli 2014 | Vermischtes | Keine Kommentare

Auf wen die Gräfestraße unweit des Rannischen Platzes zurückgeht, wissen wohl nur die wenigsten. Das soll sich nun im Rahmen des Projekts „Bildung im Vorübergehen“ der Bürgerstiftung ändern.

Am Freitag, 04. Juli 2014, um 11 Uhr, werden an der Graefestraße/ Ecke Beyschlagstraße Zusatzschilder angebracht, die an den Namensgeber erinnern. Die Schilder wurden gespendet von Brunhilde Liebrecht und vom Universitätsklinikum Halle (Saale). Im Jahre 1859 gründete Karl Alfred Graefe im Steinweg eine private Augenklinik, die sich bald zu einem führenden Institut entwickelte und 1875 den Status einer Universitätsklinik erhielt. Damit gilt Graefe als Begründer der halleschen Universitätsaugenklinik. Sein Hauptwirkungsfeld waren Bewegungsstörungen des Auges. Bei Augenoperationen erreichte er durch antiseptische Behandlung eine deutliche Verringerung der Risiken. Das mit seinem Bonner Kollegen Theodor Saemisch herausgegebene Handbuch der Ophthalmologie gilt noch heute als Hauptwerk der Augenheilkunde.

Karl Alfred Graefe (1830-1899)
Es war sowohl ein Vor- als auch ein Nachteil für Karl Alfred Graefe, dass er aus einer Medizinerfamilie stammte und sein älterer Vetter Albrecht von Graefe damals der berühmtere Ophtalmologe war. Karl Alfred Graefe wurde am 23. November 1830 in Martinskirchen bei Mühlberg/Elbe geboren. Dort und in Weißenfels wuchs er auf und besuchte dann die Franckeschen Stiftungen in Halle. Das Studium der Medizin, das er in Halle aufnahm, führte ihn nach Heidelberg, Würzburg, Leipzig und Prag. Die Promotion zum Dr. med. erfolgte 1845 in Halle. Dann zog es ihn nach Berlin, und dort nahm er den
Vorteil wahr, über verwandtschaftliche Beziehungen in die berühmte medizinische Welt einzudringen. Er wurde Assistent bei seinem fast gleichaltrigen Vetter Albrecht. Nach drei Jahren ging er zurück nach Halle, um sich 1858 zu habilitieren. Den Nachteil, dass er ein wenig im Schatten des Vetters stand, hat er im Lauf seines Medizinerlebens in Halle aufs Eindruckvollste wettgemacht. Aufgrund interner Schwierigkeiten konnte sich Graefe zunächst nicht an die Universität binden, sondern gründete im Steinweg 21 (heute Nr. 25) eine kleine „Privatklinik“, die nicht nur Auserwählten zugänglich war, sondern einfach der Ausdruck seiner medizinischen Leidenschaft. Sein ärztlicher Erfolg, auch in der Behandlung von sog. Motilitätsstörungen (z. B: Schielen usw.) sprach sich weit herum. 1868 war die Klinik auf eine Größe von 70 Betten angewachsen, obwohl die Behandlung, wenn möglich, ambulant erfolgte. Aber es kamen auch viele auswärtige Patienten in Graefes Privatklinik. 1864 wurde Graefe zum außerordentlichen Professor ernannt. Nachdem 1873 in Preußen Lehrstühle für Augenheilkunde eingerichtet worden waren, erhielt auch Graefes Klinik 1875 die Einordnung als Universitätsaugenklinik. 1884 bezog man den eben fertiggestellten Neubau auf der Maillenbreite (heute Magdeburger Straße). Dies geschah im Verbund mit der Hals-Nasen-Ohren-Klinik.

Graefes Verdienste bestehen in der Aufnahme damaliger moderner Methoden zur Verhinderung von Wundinfektionen. Er übertrug sie speziell auf die sog. Staroperationen. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass zeitgleich Richard von Volkmann (1830-1889) die antibakterielle Wirkung der Karbolsäure in die allgemeine Chirurgie gebracht hatte, dies in der Aufnahme der Erkenntnis des Engländers Joseph Lister (1827-1912). Alfred Graefe wiederum übertrug dieses Fortschrittswissen auf die Kataraktchirurgie (grauer Star). Besonderes Augenmerk galt dabei nicht dem chirurgischen Eingriff, sondern der antibakteriellen Versorgung postoperativ. Graefe konnte die Sterblichkeitsrate bei Staroperationen erheblich senken und nahm auf diese Weise dem eigentlich harmlosen Eingriff das größte Risiko. Seine Operationserfolge waren geschätzt, und so berichtet uns der Liszt-Biograph Alan Walker, dass der hochberühmte Musiker Franz Liszt aus Weimar anreiste und Alfred Graefe wegen der fortschreitenden Starbeschwerden des Auges konsultierte. Am 1. Juni 1886 sei er zu Konsultation nach Halle gereist. Die Operation, die ihm Alfred Graefe anempfahl, sollte im September stattfinden. Franz Liszt verstarb jedoch am 31. Juli des Jahres. So konnte er die Wohltat aus Halle nicht mehr erleben. Aus gesundheitlichen Gründen trat Alfred Graefe 1892 in den Ruhestand. Er siedelte nach Weimar über, wo er am 12. April 1899 verstarb.

Graefe hat der Nachwelt ein berühmtes Handbuch der gesamten Augenheilkunde (zusammen mit seinem Bonner Kollegen Theodor Saemisch [1833-1909]) hinterlassen. Der sog. Graefe-Saemisch ist in Fachkreisen heute noch geschätzt.

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