Bei der PEGIDA in Dresden: Ein Abend bei „christlichen“ Menschenfeinden

5. Januar 2015 | Vermischtes | 112 Kommentare

Ja, ich habe es tatsächlich getan: Ich war am 22.12. auf der PEGIDA-Kundgebung an der Semperoper in Dresden. Was ich da erlebt habe?! Sagen wir es einmal so: Ich weiß jetzt, wie es aussieht, sich anhört und anfühlt, wenn mehrere Tausend Menschenfeinde sich an einem Ort versammeln und ihrem Hass freien Lauf lassen. Jedoch möchte ich nicht zu viel vorwegnehmen und im Folgenden versuchen, einen möglichst detaillierten Bericht über meinen Abend bei der PEGIDA abzugeben:
pixelio dresden
Es ist gerade kurz vor halb drei, ich stehe in Halle (Saale) am Hauptbahnhof, habe mein Ticket für die Fahrt nach Dresden bereits gekauft und hadere nun doch mit mir: Sollte ich es lieber lassen?! Ich kann mir bereits vorstellen, dass mich in Dresden nichts Gutes erwartet. Die Zeit wird knapp. Ich steige ein.

Während der Fahrt versuche ich, so wenig wie möglich an das zu denken, was wohl später in Dresden passieren wird. Ich erwische mich aber dabei, wie ich versuche mitzubekommen, ob die Mitfahrenden sich über PEGIDA oder Ähnliches unterhalten. Doch nichts dergleichen. Knappe 45 Minuten später muss ich in Leipzig umsteigen. Aus dem Zug aussteigend wundere ich mich über das große Polizeiaufgebot am Gleis. Nach einer kurzen Runde durch die Bahnhofshalle wird mir klar, dass es im ganzen Bahnhof von Polizeikräften nur so wimmelt. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Von PEGIDA-Leuten bzw. deren Gegnern ist aber weit und breit nichts zu sehen. Auch die Fahrt von Leipzig nach Dresden verläuft normal.

In Dresden angekommen wird mir klar, dass das Leben auch mit PEGIDA in den gewohnten Bahnen weiterläuft. Weihnachtstrubel überall, aber kein PEGIDA-Transparent oder dergleichen. Dafür, dass Deutschland laut PEGIDA bald die nächste „Friedliche Revolution“ bevorsteht, ist es schon verwunderlich, dass die Menschen offenbar mehr Interesse an der Auslebung ihres Kaufrausches als an der angeblichen „Islamisierung“ des Abendlandes haben. Immerhin: Auf dem Weg vom Bahnhof in Richtung Altstadt greife ich zum ersten Mal Gesprächsfetzen auf, in denen Begriffe wie „PEGIDA“ oder auch „Asylbewerber“ fallen.

Nun ist es ca. 17 Uhr, ich schaue mich sowohl in der Prager Straße als auch auf dem Dresdner Striezelmarkt ein wenig um. Mein erster Eindruck bestätigt sich: Allenthalben weihnachtliche Normalität. Von Revolution keine Spur – von Islamisierung noch weniger. Auf dem Weihnachtsmarkt in der Prager Straße und auch auf dem Striezelmarkt geht es ganz „christlich-abendländisch“ zu– ja sogar so „christlich-abendländisch“, dass Menschen mit Klamotten einschlägiger Neonazi-Marken genauso willkommen sind wie alle anderen. Solange man hier keinen Turban trägt, gerät die wunderbare Weihnachtswelt nicht aus den Fugen.

Da ich die ersten Anzeichen der Islamisierung auf den beiden Märkten vergebens suche, mache ich mich auf den Weg zur Semperoper, wo die Vorbereitung der Kundgebung bereits auf Hochtouren läuft. Wenn ich schon nicht weiß, wo diese sogenannte „Islamisierung“ stattfindet, dann weiß es bestimmt jemand von den 20.000 für heute angekündigten Demonstranten.

Ich begebe mich als erstes direkt zur kleinen Bühne, um zu schauen, ob ich Lutz Bachmann persönlich dort antreffe. Fehlanzeige. Dafür erblicke ich aber einen anderen illustren Herren direkt neben mir, nämlich den homophoben Publizisten Jürgen Elsässer, umringt von drei Bodyguards. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich mir, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Aber nein, lieber doch nicht.

Wenige Minuten später spricht mich jedoch einer der Organisatoren an. Auf die Frage nach seiner Motivation, das Ganze mit zu organisieren, sagt er mir, er sei nun Anfang fünfzig und möchte nicht, dass seine Kinder in einem islamisierten Deutschland aufwachsen. Im selben Atemzug nimmt er die Kritik vorweg, dass es einen derartigen Islamisierungs-Prozess in Dresden überhaupt nicht gibt. Nur um dann hinzuzufügen, dass dies zwar stimme, man verhindern wolle, dass es erst soweit komme. Es sei so ähnlich wie bei den Atomkraft-Gegnern, denn die würden ja auch nicht auf das nächste Tschernobyl warten, ehe sie wieder demonstrierten.

Mir leuchtet sofort ein, wie absurd dieser Vergleich ist. Ihm leider nicht. Ich gehe dennoch nicht weiter darauf ein, sondern spreche ihn darauf an, was er dazu sagt, dass sich offensichtlich Neonazis unter die Demonstrierenden mischen. Das gefalle ihm natürlich nicht, aber man könne nichts weiter tun, als sich demgegenüber abzugrenzen.

Ich bohre weiter: Wie man denn eine weitere Einflussnahme derartiger Gruppierungen vermeiden möchte, würde ich gerne wissen. Er ist nicht dazu in der Lage, diese Frage zu beantworten und verweist stattdessen auf angebliche Gewalttäter auf Seiten der Organisatoren der Gegendemo. Was das jetzt damit zu tun habe frage ich ihn; er wirkt entnervt, teilt mir nur noch mit, dass ich es mir gleich mal alles anhören solle und dreht mir den Rücken zu.

Es ist mittlerweile 18 Uhr, der Platz vor der Semperoper ist immer noch nur spärlich gefüllt. Um mich nicht zu sehr zu langweilen drehe ich eine Runde über den Kundgebungsplatz, und notiere mir die Sprüche, welche ich auf den Transparenten sehe. Leider gibt es derer nicht viele. Ich zähle nicht mehr als ein Dutzend Transparente bzw. Schilder mit inhaltlicher Aussage. Soviel also zur inhaltlichen Ausarbeitung seitens der Demo-Teilnehmer an sich.

Was dann an Sprüchen öffentlich zur Schau getragen wird, macht es nicht besser, sondern eher noch schlimmer. Ein älterer Mann, welcher extra aus Chemnitz angereist ist, hält ein Protestschild in die Luft, welches beidseitig beschriftet ist. Auf der einen Seite heißt es: „König August steig hernieder und regiere Sachsen wieder! Masseneinwanderung – Multi-Kulti wie jeder weiß – ist großer Scheiß!“ Auf der Rückseite wird diese rhetorische wie inhaltliche Glanzleistung ergänzt durch: „Ich brauche keinen Muselmann – 5x Beten kotzt mich an! Dass Ihr es alle wisst – Ich bin Atheist!“

Ich unterhalte mich kurz mit dem Mann, der mir mitteilt, dass in Chemnitz „alles immer schlimmer werde mit den Ausländern“. Von „vermehrten Einbrüchen und Messerstechereien“ weiß er zu berichten, und er hat dafür sogar Beweise: „Mittlerweile schneide ich die Zeitungsartikel aus und sammle sie.“, sagt er mit Nachdruck. Auf die Frage, ob der von ihm erwähnte Anstieg der Straftaten auch tatsächlich belegt sei, weiß er keine Antwort. Er kann mir auch nicht sagen, was diese Straftaten nun genau mit der sogenannten „Islamisierung“ zu tun haben sollen.

Mittlerweile füllt sich der Kungebungsplatz immer mehr, die Menschen kommen sprichwörtlich in Scharen herbei. Die inhaltlichen Aussagen in Form von Transparenten und Schildern vermehren sich jedoch nur marginal – Es sei denn, man zählt das Tragen von Deutschland-Fahnen als inhaltliche Aussage.

Auch von der Bühne kommt nun was. Gerne möchte ich den Ausführungen des Redners intensiv zuhören, denn mich interessiert schon, warum der Islam „uns“ – wie er sagt – „unterwandert“. Doch nicht nur, dass mich zahlreiche Personen, welche aufgrund ihrer Kleidung und ihres Verhaltens so aussehen, als würden sie auch im Februar in Dresden demonstrieren, nervös machen. Nein, auch akkustisch wird es mir äußerst schwer gemacht, denn immer wieder ertönen über den ganzen Platz die Sprechchöre: „Wir sind das Volk!“ und „Lügenpresse!“

Die sogenannte „Lügenpresse“ oder genauer gesagt ein arte-Reporter-Team wird entsprechend von einigen Demonstranten bedrängt: Man werde schon noch sehen, was man davon habe, dass man immer nur Lügen erzähle. Zwar sind ein paar der Demonstranten durchaus zu einem kurzen Gespräch bereit, jedoch kommen dabei keine fundierten Aussagen aus ihren Mündern. Stattdessen immer wieder Drohgebärden seitens der ach so friedliebenden Meute. Ich gebe dem TV-Team bereitwillig ein Interview und ziehe damit meinerseits viele böse Blicke auf mich.

Ob es mittlerweile mehr Transpis oder anderes auf der Kundgebung gibt?! Noch einmal drehe ich eine Runde, und finde tatsächlich das eine oder andere Transparent, welches ich noch nicht gesehen hatte. Neben einem NPD-Transparent, bei dem etwas stümperhaft das Logo abgedeckt wurde, entdecke ich dabei ein Transpi mit einer weiteren wirren Aussage: „Aus Asylbewerbern werden Einwanderer – Zum Ausgleich des Geburtendefizits?!!! Familienpolitik muss auf Prüfstand – Geschiedene Väter werden benachteiligt!“ Ich werde die Halter dieses Transparents nicht fragen, was genau es damit auf sich hat, denn mir ist es jetzt endgültig zu blöd.

Unterdessen geht das Kundgebungs-Programm weiter mit dem Singen von Weihnachtsliedern. Vorher hat man die Texte der zu singenden Lieder extra zu Tausenden unter die selbsternannten Superchristen gebracht, damit diese auch Textsicherheit beim Vortragen ihres eigenen Liedguts beweisen. Im Gegensatz zur Beteiligung beim Grölen von Parolen wie „Lügenpresse!“ fällt die Beteiligung beim Singen übrigens eher mager aus – anscheinend nimmt es dann doch nicht so ernst mit den christlich-abendländischen Traditionen, welche man so gerne verteidigen möchte. Heuchelei allenthalben.

Wie sehr einige der Demonstranten die Idee der christlichen Nächstenliebe und des gegenseitigen Respekts ablehnen, wird mir einige Minuten später klar. Ich sehe, wie eine Gruppe junger Leute, welche sich klammheimlich mit Israel-Fahne unter die Demonstrierenden gemischt hatte, von Umstehenden angegangen wird. „Was wollt ihr hier?! Haut sofort ab!“ und „Verpisst euch hier!“ sind dabei noch die harmlosesten Sprüche.

Richtig unheimlich wird es mir, als erneut die Sprechchöre „Lügenpresse!“ und „Wir sind das Volk“ über den Opernplatz schallen. Ich bekomme eine Gänsehaut, bei welcher auch die Lichtinstallationen der Gegendemonstranten („Refugees Welcome“) an der Außenmauer der Semperoper keine Abhilfe mehr schaffen können. Um mich herum ist es hell beleuchtet, aber ich komme mir so vor, als wäre ich von Düsterkeit umgeben. Ich habe genug gesehen und entschließe mich dazu, den Platz Richtung Hauptbahnhof zu verlassen.

Am Ende bleibt das Fazit, dass alles nicht so schlimm war, wie ich es mir vorgestellt habe. Nein, es war viel schlimmer.

(Zum Autor: Marco Pellegrino ist 28 Jahre alt, studiert Romanistik an der MLU Halle-Wittenberg und ist unter Anderem für die ver.di ehrenamtlich aktiv.

Foto: La-Liana / pixelio.de)

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