Alter Schlachthof: zwischen Scherben, Mahnungen und Ökodorf

8. September 2013 | Vermischtes | 1 Kommentar

Es war der Geheimtipp zum Tag des offenen Denkmals: das Gelände des alten Schlachthofs in der Freiimfelder Straße stand für Besucher offen. Und hunderte Hallenser nutzten die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Randalierer haben in den zwei Jahrzehnten des Leerstands auf dem Gelände gewütet. Die meisten Scheiben der Gebäude sind zerschlagen, überall liegt Müll umher. Neben entsorgten Kühlschränken, Zeitungen und Möbel lagern auch hunderte Reifen auf dem Gelände. Und auch alte Unterlagen des Schlachthofs sind zu finden. So fanden sich Bestelllisten, Mahnungen, Kreditanträge und sogar Urkunden aus DDR-Zeiten. 55.000 Quadratmeter umfasst das Areal. Die ersten Gebäude entstanden 1892 auf dem Gelände des früheren Ritterguts Freiimfelder. Im Laufe der Jahre kamen immer wieder Erweiterungen hinzu.

Inzwischen gibt es Ideen, was mit dem Areal passieren soll. Bereits am 16. April wurde eine Baugenossenschaft gegründet, die Halle im Wandel e.G. Für 250 Euro Mitgliedsbeitrag kann man eintreten. Sie will eine Art Ökodorf inmitten der Stadt errichten. So könnte hier ein großes Gewächshaus entstehen. Angebautes Obst und Gemüse soll in einer Stadtteilküche gleich weiterverarbeitet werden. Die größte der ehemaligen Lagerhallen könnte zur Markt- und Basarhalle umfunktioniert werden. Werkstätten sind denkbar, Solarzellen auf dem Dach, Kita, Schule. Produzieren, Reparieren und Tauschen sollen im Mittelpunkt stehen. Die Initiatoren denken an ein großes Gewächshaus, eine Halle für Regional- und Tauschmärkte, Werkstätten.

Die Ideengeber der Genossenschaft befinden sich in Verhandlungen mit dem Eigentümer. Das Gelände gehört einer Aktiengesellschaft aus Leipzig, die sich auf den Ankauf und die gewinnbringende Verwertung von NPL-Banken-Kreditforderungen (Problemkrediten) spezialisiert hat. Die Gläubiger sind nach Angaben der Genossenschafter bereit, auf einen Großteil der Forderungen zu verzichten. So könnte der Kaufpreis bei 800.000 Euro bis 1 Million Euro liegen. Laut Gutachten aus dem Jahr hat der Schlachthof einen Wert von 1,3 Millionen Euro, hinzu kommt noch eine Grundschuld von vier Millionen Euro. Die konnte schon reduziert werden, denn laut Akten war das Grundstück einmal mit 14 Millionen DM belastet. Als derzeitiges Problem stellt sich momentan noch dar, dass die Stadt Halle (Saale) Vorzugsschuldner ist. Sie wartet nämlich noch auf 380.000 Euro Grundsteuer.

Geld dürfte aber nicht das einzige Problem sein. So muss geklärt werden, welche Belastungen im Boden sind. So müssen die alten Blutwannen beseitigt werden. Auch gibt es etliche, zum Teil nicht vermerkte Keller, die zur Gefahr werden können. Jede Menge Müll, darunter 2.000 Altreifen, lagern auf dem Gelände. Doch das Hauptproblem ist der Lärm. Dabei spielt nicht nur die Bahnstrecke mit dem geplanten Rangierbahnhof rein, sondern auch der Autolärm der Freiimfelder Straße.

Im Flächennutzungsplan der Stadt ist das Gelände als Sonderfläche ausgewiesen. Deshalb muss, bevor die Ideen des Ökodorfs verwirklicht werden kann, zunächst ein Änderungsverfahren ausgelöst werden. Auch der Denkmalschutz darf nicht außer Acht gelassen werden. Eventuell ist aber eine Neueinstufung möglich, welche Teile noch mit einem tragbaren Kostenaufwand saniert werden können. Zudem ist ein Bebauungsplanverfahren nötig. Es wird also ein harter und steiniger Weg. Doch genau diesen harten Weg hat das Gelände ja ohnehin hinter sich. Einst wollte man hier ein großes Fachmarkt- und Einzelhandelszentrum mit Markthalle etablieren. Später gab es die Idee zu studentischem Wohnen in Containermodulen. Jedes Jahr stand eine neue Consultingfirma auf der Matte, die im Auftrag der wechselnden Gläubiger tragfähige Konzepte erarbeiten sollte. Passiert ist bis heute nichts.

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