500 Jahre altes Denkmal gerettet: Oberverwaltungsgericht versagt Abriss der Marktwirtschaft

14. März 2015 | Vermischtes | 5 Kommentare

Die „Marktwirtschaft“ in der Brüderstraße darf nicht abgerissen werden. Das Oberverwaltungsgericht Magdeburg kassierte einen Beschluss des Verwaltungsgerichts aus dem Jahr 2013, das den Abriss genehmigt hatte.
marktwirtschaft
Der Eigentümer, der das Objekt im Wissen, ein Kulturdenkmal vor sich zu haben, im Jahr 2011 erworben hatte, beantragte bei der zuständigen Oberen Denkmalschutzbehörde – dem LVwA – am 13.09.2013 die Erteilung einer Abbruchgenehmigung, weil er auf dem gesamten Areal entlang der kleinen Steinstraße ein Altenpflegeheim errichten möchte, eine Integration des denkmalgeschützten Wohn- und Geschäftshauses nicht möglich und die Erhaltung des Gebäudes auch wirtschaftlich unzumutbar sei.

Die obere Denkmalschutzbehörde hat diesen Antrag am 14.06.2012 abgelehnt, da sich ein Genehmigungsanspruch aus ihrer Sicht nicht ergeben hat, weil im Ergebnis ihrer Prüfung u.a. nicht alle Möglichkeiten der Erhaltung ausgeschöpft waren und im Übrigen der Eigentümer das Objekt „sehenden Auges“- also im Bewusstsein ein bedeutendes Kulturdenkmal, das einen erheblichen Reparaturstau aufweist, vor sich zu haben – erworben hat. Der Eigentümer klagte gegen die Ablehnung des Abbruchs. Ihm war im Oktober 2013 durch das Verwaltungsgericht Recht gegeben worden. Es gibt ein notarielles Kaufangebot des Arbeitskreises Innenstadt e.V. in Halle an den Eigentümer. Der Arbeitskreises Innenstadt e.V. möchte das Gebäude erwerben und erhalten.

Der Besitzer will ein Pflegeheim mit 70 Betten im Bereich Große Steinstraße, Kleine Steinstraße, Brüderstraße errichten, also auch Nachbargebäude und Baulücke einbeziehen. Im vergangenen Herbst wurde aber ein Baustopp erlassen. Bei Arbeiten am Nachbargrundstück der Marktwirtschaft wurde nicht ausreichend auf die Standsicherheit des Nachbargebäudes geachtet. Auch der Gestaltungsbeirat hat sich schon mit dem Bau befasst. Grundsätzlich wurde begrüßt, dass die Baulücke verschwinden soll. Doch die Ausführung stieß überhaupt nicht auf Gegenliebe. So wurde die fehlende Einbindung in die vorhandene bauliche Situation kritisiert. Bei Fassadencharakteristik, Fenstergrößen, Material, Traufhöhen und Geschossigkeit werde überhaupt keine Rücksicht auf die historische Nachbarbebauung genommen. Denn geplant ist ein Sechsgeschosser – das Gebäude wäre damit höher als die in der Umgebung.

Brüderstraße_7_April-2001_mErbaut wurde das Fachwerkhaus im niedersächsischen Stil in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, die älteren vorhandenen Kelleranlagen wurden dabei einbezogen. unter Einbeziehung älterer Kelleranlagen erbaut. Nicht zu verkennen ist die Ähnlichkeit zum Haus Kleine Ulrichstraße 33 (Gasthaus Alt-Halle). Wegen Kriegsschäden fehlen Teile von Dach- und 2. Obergeschoss. Die einstige Pracht lässt sich nur noch erahnen.

Erster erwähnter Besitzer in der Mitte des 16.Jahrhundert ist das angesehene Mitglied des halleschen Stadtbürgertums Andreas Grundtmann, der seit spätestens 1554 Bürger geworden ist. Ab 1615 erwirbt Melchior Hoffmann das Grundstück für den relativ hohen Preis von 1500 Guldener. Er ist Jurist u.a. am kaiserlichen Kammergericht in Speyer sowie seit 1620 Schultheiß in Halle. Ab 1623 diente das Haus eventuell als Administrationsstube im Dienste des Administrators (und Stadtherrn) Christian Wilhelm von Brandenburg. Im 19. Jahrhundert kam es in den Besitz verschiedener Brauereien und wurde als Gasthaus genutzt.

Die steinerne Tafel mit einer Größe von ca. 60 mal 60 Zentimetern stellt das Wappen des Markgrafen Christian Wilhelm von Brandenburg (1587-1665) dar, der zu Beginn des 17. Jh. als Administrator des Erzstiftes Magdeburg in Halle regierte.

Im Jahr 1953 geriet die Gaststätte “Zum Markgrafen” mitten in bedeutende politische Ereignisse hinein – in den Volksaufstand des 17. Juni. Falls der Wirt Walther Meye schon um die Mittagszeit in der Kneipe anwesend war, konnte er beobachten, wie sich Demonstranten in der Kleinen Steinstraße vor seiner Gaststätte versammelten, um die Freilassung politischer Häftlinge aus der Haftanstalt II zu erwirken.

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