Straßenbahnen: Debatte um Pünktlichkeit und Überfüllung

15. Dezember 2012 | Umwelt + Verkehr | 1 Kommentar

„Wenn eine Straßenbahn eine Minute zu früh abfährt ist sie nicht pünktlich, dann ist sie weg“ – mit diesen Worten warb Swen Knöchel (Die Linke) um Zustimmung zu einem Antrag seiner Partei im Stadtrat zum Nahverkehrsplan. Mit Erfolg. Denn auch wenn CDU und SPD ihr Ja verweigerten, votierte der restliche Stadtrat für den Antrag. Demnach gelten Straßenbahnen nicht mehr als pünktlich, wenn sie eine Minute zu früh abfahren. Das war bislang so im Nahverkehrsplan festgeschrieben. Weiterhin zu spät kommen dürfen die Bahnen dagegen, und zwar bis zu drei Minuten.

Keine Mehrheit bekamen die Linken dagegen zu ihrem Änderungsantrag zur Überfüllung, oder besser: den Besetzungsgrad. Hier wird geregelt, ab wann Straßenbahnen und Busse als voll gelten. Auch eine kleine Show-Einlage half da nicht. Eine Fläche von einem Quadratmeter wurde ausgebreitet, die Linken-Stadträte Bodo Meerheim und Hendrik Lange stellten sich drauf und zeigten so auf, wie eng es da zugeht. Denn fünf Personen dürfen in Halle pro Quadratmeter kommen, die Linken wollten diesen Wert auf vier absenken. Planungsdezernent Uwe Stäglin verwies allerdings auf die Kosten.

Abbauen will die Stadt den Doppelverkehr von überörtlichen Bussen. Diese sollen künftig am Stadtrand enden, Fahrgäste sollen auf städtische Busse und Bahnen umsteigen. Die Linken wollen diesen Punkt streichen lassen, andernfalls werde es wohl zu einem Fahrgastverlust kommen. Denn gerade Fahrgäste, die bereits eine Tippeltour über die Dörfer hinter sich haben, werden nicht noch innerhalb der Stadt umsteigen wollen und deshalb aufs Auto umsteigen. Planungsdezernent Uwe Stäglin verteidigt dagegen das Vorhaben. „Wir muten den Saalekreis-Bewohnern nicht mehr zu, als wir unseren eigenen Einwohnern auch zumuten“, sagte Denis Häder (MitBürger), denn beispielsweise in Neustadt und Heide-Nord sind die Busse auch nur Zubringer zur Straßenbahn. Außerdem sei ja nicht immer der Hauptbahnhof das Ziel. „Halle lebt auch ein stückweit davon, dass in diese Stadt Menschen einpendeln“, sagt Swen Knöchel (Linke), und kritisiert eine „Planung mit dem Holzhammer“ durch die Stadt. Sein Fraktionskollege Hendrik Lange verweist darauf, dass öfter wegen Unfällen Straßenbahnen nicht fahren können und die OBS-Busse in solchen Situationen Ausweich seien. Mit einer knappen Mehrheit von 23 Ja- und 20 Nein-Stimmen sowie vier Enthaltungen wurde dieser Linken-Antrag angenommen.

Auch die FDP hat diverse Änderungsanträge, sie will aber die Bevorzugung des ÖPNV brechen. „Die Freizügigkeit der Bürger wird durch Artikel 11 des Grundgesetzes garantiert. Der geplante Eingriff der Stadt Halle (Saale) in die Verkehrsmittelwahl der Einwohner führt zu einer Bevormundung durch die Obrigkeit“, heißt es in der Begründung des Fraktionsvorsitzenden Gerry Kley. „Dieser politisch motivierte Akt widerspricht dem Grundgesetz und ist damit rechtswidrig.“ Daneben bemühe sich die Stadt im Rahmen der Wirtschaftsförderung um die Ansiedlung von Unternehmen. „Investoren fahren nicht mit der Straßenbahn“, betont Kley. Der Straßenbahnverkehr behindere den übrigen Verkehr, Autos müssten an durch die Bevorzugung der Straßenbahn auf rot geschaltete Ampeln warten. „Soziale Teilhabe funktioniert auch dank eines gut funktionierenden ÖPNV“, erklärte Planungsdezernent Uwe Stäglin, verwies auch auf den Klimaschutz. Mit großer Mehrheit wurde der FDP-Antrag abgelehnt.

Den Linken ging es nun noch um die Taktzeit am Abend. Hier soll nämlich laut Nahverkehrsplan künftig spätabends ein 30 Minuten-Takt (bisher 20) möglich sein. Wie Hendrik Lange sagte, wolle man sicherstellen, dass auch künftig abends die Bahnen alle 20 Minuten rollen. Andernfalls befürchtet er die Abwanderung von Kunden. Johannes Krause (SPD) verwies darauf, dass es sich nur um eine Option handele. „Wir müssen der HAVAG auch gewisse Spielräume geben, wenn wir den finanziellen Rahmen betrachten“, sagte er. Dieser Änderungsantrag wurde abgelehnt.

Festgeschrieben im Nahverkehrsplan außerdem: Das Stadtzentrum (Haltestellen im Altstadtring) muss laut Nahverkehrsplan von mindestens 95 Prozent aller Straßenbahnhaltestellen im Stadtgebiet ohne Umsteigen erreicht werden können, von Bushaltestellen mit einem Umstieg. Daneben sollen von allen Tram-Haltestellen in der Silberhöhe, an der Magistrale, der Endstelle Kröllwitz, Heide-Süd und Trotha Direktfahrten zum Hauptbahnhof gehen. Das Stadtzentrum und der Hauptbahnhof sollen von allen Straßenbahnhaltestellen im Stadtgebiet in höchstens 30 Minuten, von allen Bushaltestellen in höchstens 45 Minuten erreichbar sein. In Nächten vor arbeitsfreien Tagen wird eine stündliche Bedienung aller Straßenbahnhaltestellen sowie der Bushaltestellen in Heide-Nord eingefordert. Ausnahmen werden gestattet, wenn es nachweislich keinen Bedarf gibt oder in maximal 800 Metern Entfernung andere Haltestellen liegen. Das betrifft Berliner Straße/Freiimfelder Straße sowie Seebener Straße/Burgstraße/Mühlweg, wo es spätabends und nachts keine Bedienung gibt. Ebenfalls regelt der Plan, wie oft auf welchen Strecken Straßenbahnen verkehren sollen. So müssen über den Böllberger Weg und in die Silberhöhe nur noch vier Bahnen pro Stunde in der Hauptverkehrszeit rollen. Das bedeutet, dass hier der Wegfall jeweils einer Linie möglich ist.

Fortgeführt werden soll der Taxi-Rufservice in Straßenbahnen und Bussen. Außerdem sollen bis Ende 2013 alle Straßenbahnen einen Niederflureinstieg gewährleisten, sprich die Tatra-Straßenbahnen sind ab dann aus dem Verkehr zu ziehen. Die HAVAG hat hierzu bereits neue Niederflur-Straßenbahnzüge bestellt.

Auch die Sauberkeit regelt der Nahverkehrsplan. Bei mindestens 90 % der Fahrzeuge darf keine Beanstandung festgestellt werden. Eine Beanstandung liegt vor, wenn mindestens ein großer Mangel oder drei kleine Mängel festgestellt werden. Als kleine Mängel zählen dabei offensichtliche Verschmutzungen an Sichtflächen und Fenstern, leichte Verschmutzungen am Boden, eine defekte Tür, kleine Verschleißerscheinungen, Abgasgeruch im Fahrzeug. Als große Mängel zählen offensichtliche Verschmutzungen an Sitzen, Haltegriffen und sonstigen Einrichtungen mit Fahrgastkontakt, keine erkennbare regelmäßige Reinigung der anderen Komponenten des Fahrgastraums, herumliegender Abfall, Unbrauchbarkeit der Informationseinrichtungen, Zerstörungen oder starke Verschleißerscheinungen im Fahrzeug, ungenügende Beleuchtung, Unbrauchbarkeit der Haltewunsch- und Notruftasten.

Beschäftigt wird sich auch mit dem Schienenpersonennahverkehr, sprich der Bahn. Aufgeführt ist die Realisierung einer durchgehenden S-Bahn-Verbindung zwischen Halle-Nietleben und Leipzig im 30-min-Takt sowie Prüfung der Verdichtung auf einen 15-Minuten-Takt zur Hauptverkehrszeit. Das Angebot zwischen Hauptbahnhof und Trotha soll aber ebenfalls erhalten bleiben. Erwähnt wird auch eine Verdichtung des Angebots zwischen Halle und Naumburg sowie zwischen Halle und Bitterfeld montags bis freitags in der Tagesverkehrszeit auf einen 30-Minuten-Takt.

Daneben werden im Nahverkehrsplan Investitionen geregelt. So werden zwischen 2013 und 2016 rund 6,7 Millionen Euro für neue Straßenbahnen und knapp eine Million Euro für neue Busse ausgegeben. 69 Millionen Euro fließen den Plänen zufolge in diesem Zeitraum in die Erneuerung des Gleisnetzes.

Mit Blick auf die vergangenen Jahre weist der Nahverkehrsplan aber auch einige Kritikpunkt auf. So sei es für den Fahrgast verwirrend, dass manche Linien zu bestimmten Tageszeiten / Wochentagen andere Haltestellen anfahren oder nur einen Teil der Strecke bedienen. Für Irritationen bei gelegentlichen Fahrgästen sorge zudem, dass es im Spätverkehr sowie am Wochenende morgens Linien gibt, die andere Routen als die auf der Strecke gewöhnlich verkehrenden Linien haben. Weil sich auch Fahrgewohnheiten geändert haben, soll überprüft werden, ob das sehr gute Verkehrsangebot am frühen Morgen zwischen 4 und 5.30 Uhr überhaupt in der Form nötig ist. Stattdessen sollten am frühen Abend mehr Fahrten angeboten werden. „Langfristige Änderungen der Arbeitszeiten, der Einkaufs- und Verkehrsgewohnheiten, die sich in der Tagesganglinie der Nachfrage widerspiegeln, sollten auch in die Ausgestaltung der Verkehrsbedienung Eingang finden“, führt der Plan aus. „Viele Buslinien verkehren abends und am Wochenende in einem schwer merkbaren 40-min-Takt“, wird ebenfalls kritisiert.

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