HAVAG bietet Probefahrt für (H)alle

12. September 2012 | Umwelt + Verkehr | 1 Kommentar

Wie kann man sinkenden Fahrgastzahlen entgegenwirken und mehr Hallenser zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel bewegen? Die Hallesche Verkehrs AG (HAVAG) hat sich jetzt was überlegt: eine Probefahrt für (H)alle. In den nächsten Tagen werden 215.000 Postkarten verteilt, die es im Rahmen der Woche der Mobilität vom 17. bis 23. September erlauben, kostenlos mit Bus, Straßenbahn und Bahn in der Tarifzone 2010 in Halle (Saale) zu fahren. Das Besondere: die Karte ist übertragbar, man kann sie im Freundes- und Familienkreis weitergeben.

Vor allem Neukunden will die HAVAG auf diese Weise gewinnen. Deshalb ist die Aktion auch mit einem Rabatt auf Abo-Karten verbunden. Wer bis zum 20. Oktober 2012 ein Abonnement zum 1. November abschließt, erhält ein Startguthaben von 35 Euro. Allerdings: vorher Abo kündigen und neu anmelden gilt nicht. Die Abo-Aktion ist nur für Kunden bestimmt, die in den letzten 12 Monaten kein Abonnement bei einem Verkehrsunternehmen des MDV hatten.

HAVAG-Vorstand Francois Girard ging auf die Aktion der Leipziger Verkehrsbetriebe vom Frühjahr ein, . Diese Aktion wolle man nicht wiederholen, so Girard, da sei man Zweiter und werde damit keinen Erfolg haben. Zu verdanken ist die Freifahrt-Aktion in Halle Bürgermeister Egbert Geier, der die HAVAG dazu animiert hat. Laut Girard habe man sich verschiedene Aktionen überlegt, beispielsweise etwas zum Beginn des neuen Schuljahres. Letztendlich habe dann jemand im Unternehmen den Vorschlag zur Woche der Mobilität gemacht. „Es ist keine Kopie von Leipzig.“

In Leipzig sei der Ansatz gewesen, etwas für Autofahrer zu machen, auch mit Blick auf die Benzinpreise. „Das ist nicht unser Ansatz gewesen“, machte Girard deutlich. In Halle habe man dagegen etwas für Alle machen wollen, die selten oder gar nicht mit dem ÖPNV fahren. Leider halte sich das Vorurteil, der ÖPNV sei zu kompliziert, undurchschaubar und teuer. Trotz aller Bemühungen der Attraktivitätssteigerung habe man Kunden verloren. Gründe seien die Zersiedelung und sinkende Schülerzahlen. Damit das System bezahlbar bleibe, müsse man Neukunden gewinnen, so Girard. Außerdem habe man in Halle auch die Stammkunden einbeziehen wollen. Im August habe man deshalb zum Tarifwechsel schon die Abo-Strukturen attraktiver gemacht.

HAVAG-Marketingchef Egbert Kluge sagte, „Ziel unserer Aktion ist es, den selten fahrenden Hallensern die Qualität des Nahverkehrs zu zeigen.“ Alle, die eine Probefahrt-Postkarte haben, können neben der HAVAG im halleschen Stadtgebiet auch Verkehrsmittel von PNVG, OBS, HEX und Deutscher Bahn nutzen. Damit potentielle Neukunden das System ausführlich testen können, habe man die Aktion auf eine ganze Woche ausgedehnt. Einbezogen sei laut Kluge damit auch das Salzfest-Wochenende.

Die Karte wird laut Kluge am 14. September über die Mitteldeutsche Zeitung verteilt, auch an Nicht-Abonnenten. Begrenzt sei die Verteilung ausschließlich auf das Stadtgebiet Halle. Es gehe nicht darum, alle Wege auf den ÖPNV zu verlagern. „Es geht um Wege, die man heute mit dem Fahrrad oder dem Auto unternimmt, wo der ÖPNV eine Alternative ist.“ Zielgruppe sei etwa ein Drittel der Hallenser. „Wenn nur jeder ein bis zwei Fahrten pro Monat auf den ÖPNV verlegt, haben wir eine Fahrgaststeigerung von zwei bis drei Prozent“, meint Kluge.

Als Medienpartner fungiere die Mitteldeutsche Zeitung, so Kluge. In den beiden Straßenbahnen mit MZ-Werbung seien Promotionteams unterwegs, die Gewinnspielkarten verteilen. Hauptpreis seien zwei MDV-Netzkarten. Auch die Citygemeinschaft beteilige sich mit Sonderaktionen, beispielsweise Rabatte. Die teilnehmenden Geschäfte werden mit Plakaten gekennzeichnet.

Mitinitiator Egbert Geier, Bürgermeister der Stadt und Aufsichtsratsvorsitzender, wies darauf hin, dass es im Vorfeld einer solchen Aktion viel zu koordinieren gebe, „Das ist rundum gelungen.“ Er sei sehr erfreut, dass diese Aktion in Halle stattfinden kann. „Ich halte es für sehr gut, dass hier ein Angebot gefunden wurde, dass die besonderen individuellen Bedürfnisse der Nutzer und Einwohner abdeckt.“ Geier begrüßte auch, dass sich die Citygemeinschaft beteiligt. Geier erklärte, dass auch er mittlerweile viel auf Bus und Bahn umsteige. Das sei vor Jahren noch anders gewesen, viele Fahrten habe er mit dem Dienstauto getätigt. Einen Zusatznutzen biete auch das Programm „EasyGo“ für Handys. „Ich kann nur alle dazu einladen“, so Geier, „ich würde mich freuen, wenn die Aktion auf eine große Resonanz in der Bevölkerung stößt.“

MDV-Geschäftsführer Steffen Lehmann zeigte sich erfreut, dass sich die HAVAG mit einer solchen Aktion beteiligt, schließlich sorge die HAVAG für ein Drittel aller Fahrgäste im Verkehrsverbund. Gut sei, dass man die Leipziger Aktion nicht kopiert habe, sondern eine eigene Idee entwickelt habe. Lehmann wies darauf hin, dass solche Aktionen durchaus auch kritisch gesehen werden können durch die kostenlose Nutzung – beispielsweise von Seiten der Politik oder von Kunden, die bezahlt haben. Zugangsängste und Hemmnisse könne man mit der Aktion abbauen. Er schätzt, dass 100.000 zusätzliche Fahrgäste begrüßt werden können.

Übrigens: die Fahrausweisprüfer werden trotzdem unterwegs sein. Diese sollen unter anderem erfassen, wie viele Fahrgäste mit einer solchen Karte unterwegs sind. Auch für Fragen sollen sie zur Verfügung stehen. Wer ohne Fahrschein oder Freifahrtkarte erwischt wird, muss trotzdem ein erhöhtes Beförderungsentgelt zahlen. Die Probekarte kann auch kostenlos in den Service-Centern abgeholt werden. So können beispielsweise auch Pendler von außerhalb profitieren.

Die Aktion sei in den allgemeinen Werbeetat eingebunden. HAVAG-Vorstand Girard rechnet auch damit, dass die Kosten für die Aktion im fünfstelligen Bereich schnell kompensiert werden. Derzeit habe die HAVAG wöchentliche Einnahmen von 50.000 bis 100.000 Euro durch den Fahrkartenverkauf an Automaten. Momentan liegt die tägliche Fahrgastzahl bei 160.000.

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