Fahrrad-Freundlichkeit: Halle nur weit abgeschlagen

19. Februar 2015 | Umwelt + Verkehr | 37 Kommentare

Die Stadt Halle (Saale) muss noch viel für die Fahrradfreundlichkeit tun. Das geht aus einer Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) hervor.
Fahrraddemo
Demnach belegt Halle Platz 33 der 39 deutschen Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern. Spitzenreiter sind Münster, Karlsruhe und Freiburg im Breisgau. Auf den hinteren Rängen landeten Bochum, Mönchengladbach und Wiesbaden.

In Halle wurden unter anderem der fehlende Winterdienst auf Radwegen, die Führung an Baustellen und die seltene Falschparkerkontrolle auf Radwegen bemängelt. Für gut befunden wurde dagegen, dass Einbahnstraßen für Radler auch in der Gegenrichtung geöffnet sind.

„Die Ergebnisse des AFDC-Fahrradklimatests zeigen die schlechte Situation für den Radverkehr in Sachsen-Anhalt. Die Ergebnisse stimmen mit der Evaluation des Landesradverkehrsplans überein und zeigen, wie groß der Handlungsbedarf im Bereich des Radverkehrs ist“, so der verkehrspolitische Sprecher der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, Dietmar Weihrich. „Die Landesregierung von Ministerpräsident Reiner Haseloff setzt im Verkehrsbereich ihre Schwerpunkte allein auf den motorisierten Individualverkehr – der Fahrradverkehr spielt bei ihr überhaupt keine Rolle. Aus diesem Grund fordert die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN eine Initiative für den Fahrradverkehr, um die Bedingungen für den Radverkehr zu verbessern.“ Die ADFC-Ergebnisse seien eine schallende Ohrfeige für die Verkehrspolitik des Landes. „Der Bericht belegt die Untätigkeit der Landesregierung von Ministerpräsident Reiner Haseloff in Sachen Radverkehr. Er beweist, dass der Radverkehr in Sachsen-Anhalt vollkommen vernachlässigt wird.“

Nur bei einer von 32 Bewertungskategorien, der Öffnung von Einbahnstraßen kann Halle mit der Note 2,8 von bis zu 6 möglichen auftrumpfen. Beim Fahrraddiebstahl (4,8), den Konflikten mit Fußgängern (3,8) und den Ampelschaltungen (4,3) werden zwar bundesweite Durchschnittswerte erreicht, dies können aber keinen Grund liefern sich auf diesen Bewertungen auszuruhen. Der gute Wert für die Öffnung der Einbahnstraßen lässt sich auch objektiv nachvollziehen, weil in den vergangenen Jahren weitere wichtige Öffnungen, z. B. in der Innenstadt, erfolgten.

Die größten negativen Abweichungen vom Bundesdurschnitt der Städte über 50 Tsd. Einwohner zeigen sich bei der Fahrradmitnahme im ÖPNV mit 0,9 Punkten Differenz und der Bewertung 4,5. Die Bewertung war schon 2012 schlecht, u. U. spielen aktuell auch die Probleme auf der S-Bahnstrecke nach Leipzig eine Rolle. Das leicht verbesserte Angebot an öffentlichen DB-Bikes seit 2012 kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es bundesweit überzeugendere Angebote gibt, deshalb ist die Note 4,3 und (0,7 Punkte schlechter als der Durchschnitt) verständlich.

Die besten Noten gibt es, bei der Erreichbarkeit des Stadtzentrums (2,8), beim zügigen Radfahren (3,0) und bei den besagten geöffneten Einbahn-straßen. Radfahrer, die täglich den Frankeplatz passieren müssen oder auch den, zumindest nach 9:00 Uhr, umständlichen Weg vom Hauptbahn-hof in die Innenstadt nutzen, dürften bei diesen Noten den Durchschnitt drücken. Trotzdem ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel auf Strecken von bis zu 5 km in Halle, das erklärt die guten Noten.

Das in Halle so gut wie keine Werbung für das Radfahren gibt (4,9), kein Winterdienst (5,3) und selten Reinigung auf Radwegen stattfindet (4,7), das Falschparken auf Radwegen alltäglich ist (5,1), führt zu entsprechend schlechten Noten und dürfte niemand überraschen. Am wenigsten den Stadtrat, der es abgelehnt hat hierfür Mittel bereit zu stellen. Die Ausschilderung an Baustellen ist auch häufig mangelhaft (4,9), man denke z. B. an die monatelang praktizierte inakzeptable Umleitung an der Paracelsusstraße Richtung Steintor über die Kopfsteinpflasterstraßen des Paulusviertels.

Plausibel ist dann auch das der Stellenwert des Radverkehrs gering eingeschätzt wird (4,7). Bestätigung findet diese Einschätzung in dem Fakt, dass es in Halle 2015 wieder keine Haushaltsstelle für Radverkehr gibt, selbst kleinste Reparaturen, wie z. B. bei dem Ersatz von Radwegeschildern, dauern mitunter Monate. Eine Infotafel für Radfahrer am Hauptbahnhof lässt trotz Stadtratsbeschlusses seit Jahren auf sich warten. Anderes als die mangelhafte Breite (4,8) und die Oberfläche der Radwege (4,5) lässt sich dies nicht nur mit hohem finanziellem Aufwand und über eine längere Zeit verbessern. Fahrradstreifen und Tempo-30-Zonen sind sehr kostengünstig einzurichten und würden die Konflikte mit Kfz (4,4) reduzieren und das Sicherheitsgefühl (4,4) verbessern. Aber auch hier gilt, wer kein Geld bereit stellt, kann auch nicht mit den nötigen Verbesserungen anfangen. Man kann auf einigen Routen auf das Stadtbahnprogramm hoffen, es wird sicherlich Verbesserungen bringen, aber lange nicht überall hinreichen.

Aber selbst Verbesserungen, wie der sanierte Belag in der Kleinen Ulrichstraße oder der teure neue Radweg an der Kröllwitzer Straße werden nicht systematisch oder nur zurückhaltend kommuniziert. So bleiben auch die offensichtlichen Verbesserungen bei den Radabstellanlagen (4,2), man sehe sich nur die funktionalen neuen Abstellanlagen vor dem neuen Eisdom oder der Erdgas Sporthalle an, lange verborgen. Diese Anlagen können zwar

nicht die große Not in vielen Mehrgeschoßwohnungsgebäuden lindern, sind aber immerhin ein guter Neuanfang nach der Enttäuschung am Erdgasstadion. Eine Verankerung der Radabstellanlagen in der Bausatzung der Stadt wäre ein nächster konsequenter Schritt.

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Dieses Thema enthält 37 Antworten und 14 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  10010110 vor 4 Jahre, 6 Monate.

Ansicht von 25 Beiträgen - 1 bis 25 (von insgesamt 38)
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  • #140017

    Die Stadt Halle (Saale) muss noch viel für die Fahrradfreundlichkeit tun. Das geht aus einer Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADF
    [Der komplette Artikel: Fahrrad-Freundlichkeit: Halle nur weit abgeschlagen]

    #140018

    Dass mit dem Winterdienst könnte man doch sofort mit einer Steuer für Radfahrer beheben, mit der der Winterdienst finanziert wird.
    Herrlich das Foto mit dem verbotenen Radeln auf dem Marktplatz um geschätzte 14Uhr nach den Schatten zu urteilen.

    #140019

    Warum geht mal in Halle wieder etwas nicht, was in anderen Städten reibungslos funktioniert?

    #140020

    Dass mit dem Winterdienst könnte man doch sofort mit einer Steuer für Radfahrer beheben, mit der der Winterdienst finanziert wird.

    Ah ja, weil Radfahrer ja alle keine Steuern zahlen. Und wie willst du von einem achtjährigen Kind Steuern eintreiben?

    Ich wäre übrigens für Tempo 20 deutschlandweit. Das würde die Kosten für Straßenbau und -unterhaltung und zudem noch die Unfallquote und daraus resultierende Kosten drastisch minimieren; dann wäre auch Geld für den Winterdienst für Radwege da.

    #140079

    Vielleicht schaut man sich den Haushalt von Münster, Karlsruhe und Freiburg im Breisgau an und könnte dann die schallende Ohrfeige an die Grünen zurückgeben?
    Ich habe nur mal einen kurzen Blick bei Münster reingeworfen. Münster hat bei 330.000 Einwohnern einen Haushalt von rund 1 Milliarde Euro.

    #140025

    „Die ADFC-Ergebnisse seien eine schallende Ohrfeige für die Verkehrspolitik des Landes.“
    Vielleicht könnte man die schallende Ohrfeige an die Grünen zurückgeben, wenn man sich die Haushalte von Münster, Karlsruhe und Freiburg im Breisgau anschaut?
    Ich habe nur mal bei Münster nachgeschaut.Münster hat bei 330.000 Einwohnern einen Haushalt von rund 1 Milliarde Euro.

    #140043

    Binärcode schrieb:“Ah ja, weil Radfahrer ja alle keine Steuern zahlen. Und wie willst du von einem achtjährigen Kind Steuern eintreiben?“
    Jetzt weißt du aber sicher selber, dass du Quatsch geschrieben hast.

    #140051

    Sollte man bei Schnee und Eis nicht lieber das Fahrrad zu hause lassen und die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen? Auf unserer Straße gibt es auch keinen Winterdienst. Da bleibt das Auto stehen und es wird die Tram genutzt.

    Das Foto zum Artikel finde ich Klasse. Ich dachte die Leipziger Straße und der Markt sind für die Radler Tabu? Oder hat sich das geändert?

    #140055

    Seit ich nicht mehr Stadtrat bin, muss ich nicht mehr Vorbild sein und fahre-allerdings mit Sondergenehmigung- manchmal wenn Herr Misch nicht in der Nähe ist vorsichtig, vorsichtig über den Markt.

    #140067

    Seit ich nicht mehr Stadtrat bin, muss ich nicht mehr Vorbild sein ….

    Das ist eine Interessante Einstellung. Da erkennt man den Politiker.

    #140076

    Richtig: Was schert mich mein Geschwätz von gestern?

    #140087

    So ist es, das habe ich von Adenauer gelernt und der bekam schließlich ein Staatsbegräbnis mit dreitätiger Staatstrauer.

    #140088

    Wolli
    Auf Herren Misch brauchst keine Rücksicht nehmen… der mimmt die Tempo 3o hier in der Rosengartensiedlung auch manchmal nicht so genau…
    Als Anwohner sollte man schon wissen was man tut 🙂

    #140099

    Herrlich das Foto mit dem verbotenen Radeln auf dem Marktplatz um geschätzte 14Uhr nach den Schatten zu urteilen.

    Soll ich dir jetzt Fotos von vor ein paar Tagen verlinken, auf denen lauter komisch bunt angezogene Leute am hellichten Tag einfach so auf der Straße rumhüpfen? Regst du dich dann auch darüber auf, warum die nicht auf dem Fußweg bleiben?

    #140101

    Anonym

    Klar, wenn man als Stadt keine Haushaltssorgen hat, kann man über viele Jahrzehnte dies umsetzen. Dessau ist auch eine grandiose Fahrradstadt. Halle hat aber auch durch die gottseidank 🙂 nicht weggebombte Enge, auch noch verkehrsstrukturelle Probleme. Breite Fahrradalleen sind zwischen Reileck und Rannischen Platz nicht zu machen. Wir können froh sein, dass die Straßenbahn nicht mehr durch die Leipziger Str. fährt, ich weiß ja nicht, wer von euch das Schauspiel noch kennt.
    http://www.eisenbahn.g-hechler.de/fotoalben/strassenbahn_halle/slides/Tw160%2B2xBw_Leipiger-Str.am-Leipziger-Turm_Mai.1966%282%29.html

    Aber es gibt noch Optionen wenn man wollte. Geiststr. kein Autoverkehr, meines erachtens überflüssig! Bernburger Str. kam hier der Vorschlag die Parkplätze zu entsorgen, zumindest am Tag, Steinweg könnte man auf den Autoverkehr eventuell auch verzichten, wenn man den Zugang zu den Geschäften und das Parken vom Glauchaviertel vereinfacht, das ganze Univiertel braucht kein Auto, Paulusviertel komplett als Einbahnstr. System, so dass es keinen Gegenverkehr gibt, schafft auch Platz usw.

    #140103

    Tja, heute muss man schon nach Istanbul fliegen um das Schauspiel einer durch eine belebte Einkaufsstraße zuckelnden Straßenbahn zu erleben.
    Und es würde mich nicht wundern, wenn an den Ritterhausstufen schon mehr Menschen verinfallt wären als in diesem orientalischen Gewimmel.

    #140105

    Fahrradfreundlichkeit misst sich nicht an der Zahl der gebauten Radwege.
    Gerade in einer Stadt wie Halle mit ihren vielen engen Straßen täte ein Shared-Space-Konzept allen Beteiligten gut. Stattdessen wird man hier kriminalisiert, wenn man als Radfahrer die Innenstadt fahrend durchqueren will und auf irrsinnige Umwege geschickt.

    #140109

    @geraldo: die Straba in Istanbul bewundere ich auch immer. ich fürchte aber, solcherart „shared space“-Konzepte würden in HAlle an der Mentalität der verkehrsteilnehmer scheitern.

    #140140

    624 Bürger von 233.000 EW in Halle haben zu Fragen eine subjektive Einschätzung abgegeben. Ab damit in Ablage rund.

    #140146

    624 Bürger haben geantwortet, davon können vielleicht 100 die Situation mit Leipzig vergleichen,5 fahren auch mal in Münster, München oder Hamburg Fahrrad. Da kann man auch die Frage nach dem Wetter stellen. Die einzige sinnvolle Ableitung aus der Umfrage ist: Beim Nörgeln sind die Hallenser immer vorne dabei.

    #140160

    Anonym

    Glaube nur der Statistik, die du selber fälscht. Lissabon hat auch eine (2) grandiose Linie(n). Könnte ich mir gut in der Leipziger vorstellen. 🙂

    • Diese Antwort wurde geändert vor 3 Jahre von  admin.
    #140164

    Der Radverkehrsanteil in Halle liegt irgendwo bei 10%. Wenn sich von den 23.000 immerhin 624 an der Umfrage beteiligen halte ich das durchaus für repräsentativ.

    Und wenn der einzige Schluss für dich daraus ist, das Hallenser nur meckern, dann muss ich dir entgegenhalten, dass du keine Ahnung hast.

    #140178

    Und wenn der einzige Schluss für dich daraus ist, das Hallenser nur meckern, dann muss ich dir entgegenhalten, dass du keine Ahnung hast.

    Du hast Dir aber schon mal die Mühe gemacht, den Fragebogen anzuschauen.

    Wenn einer aus Halle auf die Fragen schlechtere Wertungen als der Bürger in Weimar vergibt ohne selbst die Qualität in Beziehung zu anderen Städten setzen zu können, heißt das lange nicht, dass Weimar fahradfreundlicher ist. Das ist wissenschaftlicher Schwachsinn! Muss aber nicht jeder hier verstehen.

    #140182

    Ich habs verstanden, war ganz einfach

    #140187

    Ich habe mir nicht nur die Mühe gemacht, den Fragebogen anzuschauen, nein, ich habe ihn sogar ausgefüllt. Das ganze heißt ADFC-Fahrradklimatest, erhebt also gar nicht den Anspruch auf eine objektive, statistisch genaue Ermittlung der Situation. Objektive Daten lassen sich anders erheben, für die Frage der Akzeptanz und Entwicklung des Radverkehrs ist aber gerade auch der subjektive Eindruck von Bedeutung: Fühlen sich Radfahrer als akzeptierter Teil des Straßenverkehrs, fühlen sie sich sicher, finden sie ihre Belange angemessen berücksichtigt, finden sie bei den Kommunen Gehör?

    Und wie es mit der Akzeptanz des Radverkehrs in Halle aussieht kann man in diesem Forum doch zur Genüge nachlesen.

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