Protest in Halle gegen Zustände in der Pflege

12. Mai 2014 | Soziales | 1 Kommentar

Attraktive Ausbildung, würdevolle Pflege, gerechte Finanzierung … so war es am Montag auf großen lilafarbenen Kisten auf dem Marktplatz in Halle (Saale) zu lesen. Um 5 vor 12 hatte die Diakonie den Kartonstapel aufgerichtet, das Rettungspaket für die Altenpflege.

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Anlass war der Internationale Tag der Pflege. Die Diakonie Mitteldeutschland beklagt, dass die Situation in der Altenpflege ist nach wie vor kritisch sei. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steige. Fachkräfte für die Pflege würden dringend gesucht. Pflegende Angehörige fühlen sich nicht ausreichend unterstützt. Die Arbeit der Pflegekräfte werde zu wenig wertgeschätzt. Die Pflege sei chronisch unterfinanziert.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg: „Halbherzige, kleine Reformschritte und lückenhafte Nachbesserungen reichen nicht. Es ist fünf vor zwölf – jetzt muss gehandelt werden. Wir brauchen mehr als den guten Willen der Politik, sonst kollabiert das Pflegesystem. Wir erwarten von der Politik, dass sie neue Rahmenbedingungen für würdevolle Pflege, gerechte Finanzierung, Entlastung der pflegenden Angehörigen und attraktive Ausbildung schafft.“

Bei einer guten und würdevollen Pflege stehen die Bedürfnisse und Wünsche des pflegebedürftigen Menschen im Mittelpunkt. In ihrem Koalitionsvertrag räumt die neue Bundesregierung der Pflegethematik einen höheren Stellenwert ein. Aber: Warum wird der neue Pflegbedürftigkeitsbegriff – eine zentrale Forderung der Diakonie – nicht sofort mit der ersten Reformstufe eingeführt? Und wie will die Bundesregierung die Dokumentationspflichten und die überbordende Bürokratie auf das Nötigste begrenzen?
Pflege ist viel wert – das muss sich auch in einer solidarischen Finanzierung zeigen: durch angemessene Löhne für Mitarbeitende sowie gleiche Pflege für alle Menschen unabhängig von der Größe des Geldbeutels. Die Finanzierung der Pflege muss solidarisch getragen werden. Menschen mit niedrigem Einkommen oder im Sozialleistungsbezug können sich eine private Vorsorge nicht leisten.
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Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt – und somit auch der Bedarf an Fachkräften. Höchste Zeit, in den Nachwuchs zu investieren und dafür zu sorgen, dass Pflegeberufe attraktiver werden. Eine generalistische Ausbildung macht den Pflegeberuf attraktiver und ermöglicht einen direkten Einstieg in verschiedene Tätigkeitsfelder. Eine einheitliche schulgeldfreie Finanzierung der Ausbildung nach dem Vorbild der bisherigen Krankenpflegeausbildung ist dringend notwendig.

„Was das Fachkräfteangebot im Bereich Altenpflege angeht, ist der Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt nahezu leergefegt. Aktuell ist es nicht mehr möglich, alle offenen Stellen zeitnah zu besetzen“, sagte der Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt, Kay Senius, anlässlich des „Internationalen Tags der Pflege“ am 12. Mai. Aktuell gibt es 301 freie Stellen für Fachkräfte. Dem gegenüber stehen 189 arbeitslose examinierte Altenpfleger. Durchschnittlich 84 Tage dauerte es im vergangenen Jahr, bis eine Stelle für Altenpflegefachkräfte besetzt werden konnte, im Jahr 2008 waren es noch 27 Tage.

„Die Arbeitsagenturen und Jobcenter setzen deshalb vor allem auf die Qualifizierung von Arbeitslosen oder geringqualifizierten Beschäftigten zu Fachkräften“, erklärte Kay Senius, und appellierte an die Pflegebranche, Beschäftigten ohne Berufsabschluss oder beschäftigten Altenpflegehelfern Qualifizierungsmöglichkeiten zu eröffnen; diese Mitarbeiter könnten einen Bildungsgutschein von der Arbeitsagentur erhalten und bei Vorliegen der Voraussetzungen gefördert werden. Bis 2015 haben die Arbeitsagenturen und Jobcenter in der Altenpflege nun mehr Möglichkeiten, eine berufliche Qualifizierung zum staatlich anerkannten Altenpfleger über den gesamten Zeitraum der Ausbildung zu unterstützen.

Senius geht davon aus, dass sich die Fachkräftesituation in der Altenpflege nicht so schnell entspannen wird. Zwischen Arendsee und Zeitz sind aktuell 10.280 Frauen und Männer als Altenpflegefachkräfte beschäftigt. Jeder zehnte von ihnen ist über 55 Jahre alt. „Allein dadurch erwächst in den kommenden Jahren ein weiterer Fachkräftebedarf. Zudem werden wir durch die Alterung der Gesellschaft zukünftig immer mehr examinierte Pfleger brauchen“, sagte Senius.

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