„Vergessene Sieger – Jahre danach“: Bildband über den Abzug der Sowjetarmee

26. April 2015 | Rezensionen | 3 Kommentare

Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung wurde 1990 der „2+4 Vertrag“ über den Abzug der Sowjetarmee vom Territorium der ehemaligen DDR bis Endes des Jahres 1994 vereinbart. Mehr als vier Jahrzehnte war die „Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland“ (GSSD) in der DDR stationiert. Ein Gebiet, so groß wie das Saarland, hielt die Sowjetarmee hier besetzt. Zwischen 350.000 und 500.000 sowjetische Soldaten waren in der DDR stationiert – so viele wie nirgendwo sonst außerhalb der Grenzen der UdSSR.
vergessene sieger
Der Fotograf Joachim Liebe hat die einzelnen Abzugsetappen mit der Kamera begleitet – meist im Raum Berlin/Potsdam oder im nördlichen Sachsen-Anhalt. Mit seinen Fotos wollte er „die Lebensspuren der nun Heimkehrenden festhalten, ebenso die Erinnerung daran, dass ihre Väter und Großväter es einst waren, die Deutschland 1945 mit befreiten“. Neben den technischen Abzugsvorbereitungen (z.B. Verladen von Militärgerätschaften) wird auch der Soldatenalltag dokumentiert, denn bis zum letzten Tag machte die „Westgruppe“ der Sowjetarmee trotz aller Wirren weiterhin ihren „Dienst nach Vorschrift“ mit der Aufrechterhaltung der militärischen Disziplin und Einsatzbereitschaft. Es sind sehr bewegende Fotos, die durch persönliche Kontakte und mit der Zeit erworbenes Vertrauen zustande kamen. Sie gewähren einen Blick in das Kasernenleben und oft auch in die verstörenden Gesichter.

Neben den fotografischen Dokumenten, die in der Zeit des Abzugs zwischen 1990 und 1994 entstanden, präsentiert der Bildband in einem zweiten Kapitel auch zahlreiche Fotos, die Liebe erst in den letzten Jahren gemacht hat und die eindrucksvoll zeigen, was aus den einstigen Liegenschaften geworden ist. Immerhin wurden rund 1.500 Militäranlangen zurückgelassen. Verfallene Gebäude und abbröckelnde, kaum noch erkennbare Wandbilder künden vom einstigen Ruhm der Sowjetarmee. In einem kurzen Schlusskapi-tel erweist Liebe mit einigen Fotos von Ehren- und Garnisonsgräbern den „Hiergebliebenen“ eine letzte Ehre und appelliert damit an die Verantwortung für die Pflege der Sowjetischen Friedhöfe.

Alle drei Bildkapitel werden mit kurzen Essays von Jörg Morré (Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst), Friedrich Schorlemmer (Theologe und DDR-Bürgerrechtler) sowie Gunther Butzmann (Leiter der kommunalen Friedhöfe in Potsdam) eingeleitet, während T.O. Immisch (Kurator für Photographie an der Staatlichen Galerie Moritzburg in Halle) in seinem Nachwort für ein „Festhalten des Verschwundenen“ plädiert.

Fazit: Mit einzigartigen und nachdenklichen Fotos dokumentiert der Bildband ein Stück deutscher Zeitgeschichte und veranlasst den Betrachter, sich mit alten Vorurteilen auseinanderzusetzen.

Manfred Orlick

Joachim Liebe: „Vergessene Sieger – Jahre danach“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2015, 24,95 €, 160 S., ISBN 978-3-95462-489-8

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