Sprüche aus der Asche: Sozialistische Losungen und bunte Werbesprüche

1. November 2014 | Rezensionen | 4 Kommentare

„Der Sozialismus siegt“ … „Vorwärts zum XI. Parteitag“ … jeder von den Älteren kennt diese Losungen und Spruchbänder, die das Straßenbild der Städte und Dörfer während der vierzigjährigen DDR-Zeit prägten – egal ob vor Werkseingängen, in Schaufenstern, auf maroden Häuserfronten oder separaten Plakatwänden, vor allem zu Feiertagen. Sie dienten der Agitation und Propaganda. Die politischen Losungen gehörten quasi zum DDR-Alltag, sodass die meisten ihnen kaum eine Beachtung schenkten. Nur wenn sich kuriose Zusammenhänge (z.B. an der Friedhofsmauer die Losung „Heraus zum 1. Mai“) ergaben, nahm man das Ganze schmunzelnd oder kopfschüttelnd wahr.
sprüche aus der asche
Hans-Jörg Schönherr, der damals Mitglied in einem Dresdner Fotoklub war, hat 1986 innerhalb weniger Tage diese „Sichtagitation“ in zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos festgehalten. Und zwar vor ihrer Entfernung nach dem Besuch des sowjetischen Staatschefs Michael Gorbatschow, der daran Kritik geübt haben soll. Schönherr reichte damals die Fotoserie zur Aufnahme in den Verband Bildender Künstler ein, was natürlich abgelehnt wurde.

Zehn Jahre später nahm Schönherr das Thema wieder auf und fotografierte die ehemaligen Standorte neu, dieses Mal mit den Werbeplakaten des freien Marktes. Und wieder ergeben sich im Zusammenspiel von lokalem Umfeld und Wohlstandspropaganda humorvolle und hintersinnige Absurditäten.

Im Mitteldeutschen Verlag ist nun ein schmaler Bildband mit diesen vergleichenden Bildserien herausgekommen, der die Schwarz-Weiß-DDR-Losungen den bunten Werbetafeln gegenüberstellt. Wo früher z.B. „Das Programm der SED“ als Programm des ganzen Volkes gelobhudelt wurde, wirbt heute „Erotik exklusiv“ um Kunden oder wo 1986 die Losung „Je stärker der Sozialismus, desto sicherer der Frieden!“ prangte, hat heute „Jeder das Recht auf eine lila Pause“.

Der Schriftsteller Christoph Kuhn, damals Mitglied im „Zirkel schreibender Arbeiter“ hat die fotografischen Gegenüberstellungen kritisch, aber durchaus amüsant kommentiert. Dabei reflektiert er auch die deutsche Geschichte der letzten dreißig Jahre. Am Ende resümiert er: „Nun hängen sie wieder …“ – die Werbeversprechen und bei Wahlen die Phrasen und Köpfe. Ein wirklich interessanter Bildband zur Erinnerung und zum kritischen Nachdenken … und natürlich zum Schmunzeln.

Manfred Orlick

Hans-Jörg Schönherr (Fotografie) / Christoph Kuhn (Text), „Sprüche aus der Asche 1986 / 1996“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2014, 14,95 €, 112 S., ISBN 978-3-95462-333-4

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