Ralf Rossa lässt Goethes Werther tanzen

22. April 2017 | Rezensionen | 1 Kommentar

Die neuste Inszenierung von Ralf Rossa, die gestern Abend in der Oper Halle Premiere hatte, legt Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther zu Grunde. Werther, der sich unsterblich in Charlotte verliebt, sie aber nicht haben kann, da sie Albert versprochen ist und ihn am Ende heiratet. Über seinen Schmerz kommt Werther nicht hinweg und sieht keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.

Schon zu Beginn des Abends wird klar, dass Rossa Goethes Vorlage modern interpretiert. Werther, getanzt von Michal Sedláček, steht in einem Blümchenhemd mit dem Rücken zum Publikum und betrachtet vier weiße Bäume. Danach gesellen sich sieben Tänzer auf die Bühne, von denen jeder in seinen eigenen Tanz versunken ist. Auch Werther ist ganz in sich und die Natur gekehrt. Sie spielt auch in Goethes Roman eine große Rolle, wo besonders Bäume für Werther ein Symbol der Ruhe, Vertrautheit und Einkehr sind.

Anschließend befindet sich Werther in einer Galerie, wo er vier Gemälde betrachtet, von denen alle das Motiv des Baumes aufgreifen. Charlotte (Yuliya Gerbyna) betritt den Raum und beginnt nach kurzer Zeit mit Werther zu tanzen. Doch erst nachdem Albert (Johan Plaitano) hinzukommt, ergeben sich schöne, moderne und teilweise ungewöhnliche Tanzkombinationen, die ihre ganz eigene Magie haben. Die beiden Herren werben um Charlotte, doch sie kann sich nicht entscheiden. Sie stößt Werther erst weg, klammert sich dann wieder an ihn. Zwischendurch sucht sie immer wieder die Nähe zu Albert. Er ist es am Ende auch, der sie heiraten darf. Doch während der Hochzeit ist Werther anwesend. Und es kommt wie es kommen muss: Er versucht Charlotte an sich zu nehmen. Die beiden Männer sind von Eiersucht getrieben und reißen sie immer wieder an sich.

Nach der Hochzeit bleibt Werther allein in der Galerie zurück. Zwei weitere Bilder kommen hinzu: abstrakte schwarz/weiß Gemälde, auf denen alles verschwommen ist. Der Verlust wird Werther bewusst und der Schmerz nimmt ihn vollständig ein. Er wehrt sich, strampelt, versucht sich Charlotte aus dem Kopf zu schlagen. Leider weichen an diesem Punkt die tänzerischen Darstellungen den mimischen und darstellerischen Fähigkeiten der Tänzer. Die Unentschlossenheit von Charlotte scheint kein Ende zu nehmen. Dann fallen Briefe von der Decke, die aufgerissen, gelesen und durch die Gegend geworfen werden. Als Charlotte auch noch eine Sprechrolle übernehmen muss, verliert die Inszenierung endgültig ihren Zauber.

Zum Schluss kommt es zum Kampf zwischen den beiden Männern. Bevor der Vorhang fällt, steht Werther vor dem Bild der vier weißen Bäume mit einer Pistole an der Schläfe. Und so wird der Baum – wie auch in Goethes Werk – zum Sinnbild der letzten Einkehr, zum Sinnbild des Todes.

Während die Staatskapelle Halle unter Leitung von Michael Wendeberg für die Liebesszenen romantische Stücke von Johannes Brahms spielt, unterstreicht die Symphonie für Streicher von Pēteris Vasks die dramatische Stimmung. Außerdem werden vier Songs eingespielt (Ne me quitte pas von Jaques Brel, She von Charles Aznavour, Time stands still von Mary Chapin Carpener sowie Take it with me von Tom Waits). Auch wenn sie inhaltlich zum Geschehen passen, wirken sie im Vergleich zum Orchester deplaziert.

Natürlich applaudiert das Publikum am Ende, aber andere Inszenierungen von Rossa haben schon eine größere Begeisterung ausgelöst.

Weitere Vorstellungen von „Werther oder ich werde geliebt, also bin ich“ (Uraufführung):

Freitag, 05. Mai 2017, 19.30 Uhr

Sonntag, 07. Mai 2017, 15 Uhr

Donnerstag, 01. Juni 2017, 19.30 Uhr

Samstag, 03. Juni 2017, 19.30 Uhr

 

 

Fotos: Anna Kolata

Ace

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