Rivalität zweier anhaltischer Landesfürsten

8. Dezember 2020 | Rezensionen | 1 Kommentar

Am 29. Dezember 1734 wurde der Student Johann Wilhelm Pfau (1710-1734) durch einen Trupp vermummter Soldaten aus Halle gewaltsam verschleppt. Das hier stationierte preußische Regiment unter Leopold I. von Anhalt-Dessau geriet in den Verdacht, den Studenten zwangsrekrutiert zu haben. Der Reichsfürst war preußischer Feldmarschall, Kommandeur der Festung Magdeburg sowie Inhaber des Infanterieregiments. Da Pfau einer angesehenen Amtsfamilie entstammte und Bernburger Untertan war, wurde seine Verschleppung zu einem persönlichen Konflikt zwischen dem regierenden Fürsten von Anhalt- Bernburg Victor II. Friedrich und dessen Vetter Leopold I. von Anhalt Dessau. Die Auseinandersetzung war aber nur eine Fortsetzung des latenten Grundkonflikts um das bernburgische Amt Gröbzig. Die offenen Feindseligkeiten dauerten schon Jahre an. Die Verschleppung Pfau war nur eine Art Katalysator, die den inneranhaltischen Schlagabtausch intensivierte.

Der Historiker und Politikwissenschaftler Stefan Ihle beleuchtet anhand der Entführung Pfaus die Beziehungen und Konfliktmechanismen zwischen den Linien Anhalt-Bernburg und Anhalt-Dessau. Bei der Entführung Pfaus ging es weniger um die Rekrutierung eines Studenten, vielmehr um ein Faustpfand im Machtkampf um Einfluss innerhalb Anhalts und am preußischen Hof. Der Konflikt zwischen den beiden Herrscherhäusern eskalierte, sodass sich sogar der Preußenkönig genötigt sah zu handeln.

Ihle schildert detailliert den Konflikt im Hause Anhalt, wobei die Teilfürstentümer sich zunehmend als eigene Dynastien verstanden und eigene Interessen verfolgten. Die mdv-Neuerscheinung – erschienen in der Reihe „Forschungen zur hallischen Stadtgeschichte“ – ist mit vielen historischen Abbildungen ausgestattet.

Stefan Ihle: „Die Entführung des Johann Wilhelm Pfau in Halle 1734 – Eine Studie zur Rivalität zweier anhaltischer Landesfürsten“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2020, 24,00 €, 212 S., ISBN 978-3-96311-437-3

 

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