Das stählerne Herz von Halle: Interessante Firmen- und Industriegeschichte

13. Juli 2014 | Rezensionen | 1 Kommentar

Im 19. Jahrhunderts begann eine sprunghafte Industrialisierung Mitteldeutschlands. Neben Braunkohletagebauen, Maschinen- und Eisenbahnbau war es auch eine starke Landwirtschaft, die zum Motor dieser Entwicklung wurden. Für diesen rasanten Aufschwung wurden natürlich Transportmittel für den Güter- und Personenverkehr benötigt.
Frotscher_Sven_Das stählerne Herz von Halle
Einer der ersten Betriebe dieser Art in der Region war die 1823 gegründete Firma Gottfried Lindner, die mit dem Bau von Pferdekutschen begann. Später wurden diese zu Personen-Waggons für die Schiene zusammengesetzt. So wurde aus einer Kutschenbaufirma (1865 bereits die 1000. Kutsche) im Laufe der Jahre eine Wagenbaufabrik.

Der Kunsthistoriker Sven Frotscher verfolgt in seinem neuen Buch „Das stählerne Herz von Halle“ die Geschichte eines der größten Industriebetriebe Mitteldeutschlands. Von den Anfängen der deutschen Industrialisierung über die Gründerzeit, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges beleuchtet er die Firmengeschichte, die von vielen Höhen und Tiefen gekennzeichnet war.

In den 1870er Jahren brachte der Bau von Straßenbahnen in den Großstädten neue Aufträge und einen Aufschwung. Nach einem verheerenden Brand suchte die Lindner-Unternehmensleitung nach einem Grundstück für ein neues Fabrikgelände, das dann in Ammendorf gefunden wurde. Hier entstand 1899-1903 die Waggonbaufabrik der „Gottfried Lindner AG“.

Im Vorfeld des Ersten Weltkrieges gab es keinen Mangel an Aufträgen, auch für die boomende Autoindustrie wurden Karossen gefertigt. So war die Lindner AG zwischen 1910 und 1920 der größte europäische Karosseriebauer. In den 20er Jahren konzentrierte man sich auf Straßenbahn- und Omnibusprodukte. Obwohl das Unternehmen von 1933 bis 1945 eng mit der Wehrmacht zusammenarbeitete, war es keine Rüstungsfirma. In dieser Zeit hatte die Produktion von Güterwagen und Lastkraftwagen Vorrang. Nach dem Zusammenbruch 1945 waren dagegen Handwagen und Ofenherde die ersten Erzeugnisse.

Sehr detailliert schildert Frotscher die Firmengeschichte, wobei er sowohl auf technische Entwicklungen als auch auf gesellschaftliche Aspekte eingeht. Die über 380 historischen Abbildungen (darunter viele Dokumente) verschaffen außerdem einen guten Einblick in die Firmengeschichte. Mit Interesse wird der Leser auf die Fortsetzung (Band 2) warten, der die Zeit von 1945 bis heute (Waggonbau Ammendorf/MSG) beleuchten wird.

Fazit: Eine informationsreiche Dokumentation zur Industriegeschichte Mitteldeutschlands, speziell der Stadt Halle.

Manfred Orlick

Sven Frotscher: „Das stählerne Herz von Halle – Lindner/Waggonbau Ammendorf/MSG – Band 1: 1823-1945“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2014, 19,95 €, 154 S., ISBN 978-3-95462-286-3

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