Buchrezension: 100 Jahre Gertraudenfriedhof

25. Oktober 2014 | Rezensionen | Keine Kommentare

Friedhöfe, Grabmale und Gottesäcker gehören zu den wesentlichen Bestandteilen unserer Kultur. Sie spiegeln Vergangenes wider und zeugen von wichtigen historischen Ereignissen und gesellschaftlichen Veränderungen. Vor hundert Jahren wurde der Gertraudenfriedhof als weitere Begräbnismöglichkeit der Stadt Halle eingeweiht. Das hatte sich durch die ständig steigende Einwohnerzahl erforderlich gemacht. Als erste Beerdigung wurde am 10.9.1914 ein französischer Soldat bestattet. Heute gibt es auf dem 32 ha großen Friedhof ca. 35.000 Grabstellen.
Gertraudenfriedhof
In der Reihe „Mitteldeutsche kulturhistorische Hefte“ des Hasenverlages ist nun eine interessante Publikation erschienen, in der verschiedene Autoren die wechselvolle Geschichte des Getraudenfriedhofs ausführlich beleuchten. Zunächst gibt es einen Überblick über die Friedhofsreform des frühen 20. Jahrhunderts. Danach werden die Planung (durch den halleschen Stadtbaurat Wilhelm Jost) und die Errichtung des Gertraudenfriedhofs als Bauensemble und Gartenanlage detailliert beschrieben.

Gestalterischer Mittelpunkt des Friedhofs ist die imposante kuppelbekrönte Feierhalle mit Krematorium und einem Vorhof, der von einem Säulengang umfasst wird. Diese Freifläche wird durch eine große Freitreppe, zwei Malsäulen und ein großes Wasserbassin bestimmt. Dabei wird auf die einzelnen Gebäude gesondert eingegangen, auch auf die Sondergrab- und Gedenkanlagen (z.B. für die Gefallenen des 1. und des 2. Weltkrieges, für die Bombenopfer der Stadt, sowie für die ausländischen Opfer und Kriegsgefallenen).

Der Gertraudenfriedhof besitzt außerdem zahlreiche Brunnen und Denkmäler, von denen die Plastik „Endlose Straße“ von Richard Horn am bekanntesten ist. Die zwanzig Figuren erinnern an die unterschiedlichen menschlichen Schicksale, vom Bombenopfer bis zum Selbstmörder. Ebenfalls zum Areal des Gertraudenfriedhofs gehört ein jüdischer Friedhof. Während des Zweiten Weltkrieges war hier der Ausgangspunkt für die Deportationen der jüdischen Bevölkerung in die Vernichtungslager.

Eine zusammenfassende Chronik sowie statistische Angaben komplettieren die informative Dokumentation, die außerdem durch zahlreiche historische und aktuelle (meist großformatig) Fotos sowie einige Dokumente illustriert wird. Ein beigefügter Plan des Friedhofs verzeichnet außerdem die einzelnen Grabfelder und 100 ausgewählte Grabstätten, sodass eine persönliche Erkundung möglich ist. Ein interessanter Beitrag zur halleschen Stadtgeschichte.

Manfred Orlick

„Natur und Kunst – Architektur und Landschaft – „100 Jahre Gertraudenfriedhof in Halle (Saale)“, Hasenverlag Halle/Saale 2014, Heft 28 der „Mitteldeutschen kulturhistorischen Hefte“, 17,80 €, 130 S., ISBN 978-3-945377-07-9

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