Bedenkliche Auswahl „deutscher Geschichte(n)“

19. Juli 2014 | Rezensionen | Keine Kommentare

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor hundert Jahren ist Anlass für zahlreiche Publikationen in diesem Jahr, die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts zu beleuchten.
Medem_Gevinon von_Deutsche Geschichten
Das Lesebuch „Deutsche Geschichten“ aus dem Mitteldeutschen Verlag versucht, die deutsche Geschichte seit 1914 aus der Sicht von Menschen zu vermitteln, die diese wechselvollen Jahre selbst miterlebt haben. So versammeln die knapp 500 Seiten Texte von Bertha von Suttner, die als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, bis zu Joachim Gauck, dem derzeitigen Bundespräsidenten.

Da kommt z.B. Thomas Mann noch einmal zu Wort mit seiner „Deutschen Ansprache“, die ein Appell an die Vernunft vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten war. Willy Brandt erläutert 1972 vor dem Deutschen Bundestag die Grundzüge seiner Ostpolitik oder Pfarrer Helmut Gollwitzer hält 1979 am Grab von Rudi Dutschke seine Beerdigungspredigt. Stefan Zweig, Hans Fallada, Ricarda Huch, Ludwig Erhard, Wolf Biermann, Erich Loest … ein wirklich breites Spektrum an Persönlichkeiten und Ansichten.

Und dennoch habe ich als Rezensent meine Probleme mit der Auswahl. Wie kann man z.B. die Memoiren des abgedankten Kaisers Wilhelm II., in denen er für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges keine eigene Schuld einräumt, unkommentiert abdrucken und ein paar Seiten später an Sophie Scholl und die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ erinnern. Und gleich im Anschluss (mit doppelter Seitenzahl) kommt der Pfarrer Hans-FriedrichLenz zu Wort, der zwar Mitglied der evangelischen Bekennenden Kirche war, aber auch Mitglied in der NSDAP und SS. Hat es für die Herausgeber Dietrich Bonhoeffer, Carl von Ossietzky oder viele Millionen andere nicht gegeben?

Unter den deutschen Künstlern wird z.B. näher auf Gottfried Benn oder Heinrich George (beide hatten eine gewisse Nähe zum nationalsozialistischen Regime) eingegangen – dagegen Exilschriftsteller völlige Fehlanzeige! Auf der einen Seite wird mehrfach an die deutsche Vertreibung erinnert, auf der anderen Seite werden die deutschen Kriegsverbrechen und der Holocaust mit keinem Text oder Dokument erwähnt. Das ist eine äußerst einseitige, ja fatale Betrachtung der deutschen Geschichte. (Dabei bin ich selbst Kind von Vertriebenen).

Selbst die äußerst gediegene und ansprechende Aufmachung kann meines Erachtens über diese Schwächen nicht hinwegtäuschen. Dabei wurde im Vorwort noch angekündigt, bei der Auswahl „sich von dem Gefühl leiten zu lassen“, das Ricarda Huch 1946 forderte: „so bedürfen wir edler Menschen, um zu leben“. Bertha von Suttner und Sophie Scholl jedoch in einen „edlen“ Topf zu werfen mit Wilhelm II. oder Hermann Josef Abs – das geht nicht, nein, da passt auch kein wohlwollender Deckel darauf.

Manfred Orlick

Gevinon von Medem (Hrsg.): „Deutsche Geschichten – Vom Ersten Weltkrieg bis heute – Ein Lesebuch“, Mitteldeutscher Verlag Halle 2014, 24,95 €, 480 S., ISBN 978-3-95462-315-0

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar schreiben