Update: Ganz Katalonien ruft um Hilfe

17. Oktober 2017 | Politik | 10 Kommentare

Die Lage in Katalonien eskaliert. Wie Krystyna Schreiber von Pressenza aus Barcelona mit heutigen Tage vermeldete, wurden „die Vorsitzenden der größten Bürgerinitiativen, die sich für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzen, Jordi Cuixart von Omnium Cultural und Jordi Sanchez, Vorsitzender der Assemblea Nacional Catalana“ vom spanischen Staat inhaftiert. Pressenza spricht hier sogar von „politischen Häftlingen“. Das wäre tatsächlich ein einmaliger Fall seit dem Ende der Franco-Diktatur in Spanien. Der Politikwissenschaftler Raul Zelik berichtet an anderer Stelle, dass die Rechtsgrundlage für die Verhaftung der Vorsitzenden der Bürgerinitiativen von 1973 stammt, d.h. aus der Zeit vor dem Tod von Diktator Franco.Hier der vollständige Artikel und ein …

…aktueller Hilferuf aus Catalunya (auf engl.): https://t.co/iQ9lTkZGek

Wer sich heutzutage über die Lage in Katalonien informieren möchte, ist wie immer bei internationalen Konflikten überfordert. Es ist schwer, sich ein eigenes Urteil zu bilden, zumal die Propagandamaschine auf beiden Seiten bereits heftig angelaufen ist. Was hierzulande kaum bekannt ist, dieser Konflikt schwelt seit Jahrzehnten, nach Ansicht der Katalanen sogar seit Jahrhunderten. Unter Franco wurde er mit Gewalt unter dem Deckel gehalten. Mit der Einrichtung der autonomen Regionen im Königreich Spanien hat es sich wieder verschärft, denn jetzt gab es die Möglichkeit der eigenen Gestaltung der kulturellen und sprachlichen Identität. Und das haben die Katalanen mit großen Ehrgeiz genutzt: Katalanisch in der Schule, katalanisch überall.

Barcelona. Foto: Riosal

Was ich gelernt habe, liegt der Fehler bereits in der aktuellen Verfassung: Es gibt kein spanisches Volk, es gibt viele spanische Völker mit eigener Kultur und Sprache, dem muß der Zentralstaat, will er weiter existieren, Rechnung tragen. Wer aber in dieser Zeit der Erosion des zur Zeiten des Absolutismus aus den spanischen Königreichen geschaffenen Zentralstaat zur Gewalt greift, hat bereits verloren. Genau das hat der Zentralstaat unter MP Rajoy getan, statt gelassen abzuwarten und zu verhandeln. Die Beschleunigung des Separatismus hat er sich, einer der schwächsten Ministerpräsidenten, die ich je in Spanien beobachtet habe, selbst auf den Deckel zu schreiben. Da hilft jetzt auch keine Schuldzuschreibung nach Barcelona mehr.

Der katalanische Protest bleibt friedlich, zum Glück! Gewalterfahrungen sind in Spanien ausreichend vorhanden. Die Erinnerungen aus dem Bürgerkrieg sind noch da. Viele der Massengräber wurden erst in den letzten Jahren gehoben und dokumentiert. Auch bei der Aufarbeitung der Vergangenheit haben Zentralstaat und König massiv versagt.

Die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau Ballano, hat sich jetzt mit einem verzweifelten Appell an die Öffentlichkeit gewandt. Sie schreibt: „Es ist ein Fakt, dass es am 1. Oktober [zur Wahl, die Redaktion] 844 verletzte Personen gab, eine von ihnen hat ihr Auge verloren … verhältnismäßig? … Ich bin keine Anhängerin der Unabhängigkeit, ich teile nicht den einseitigen Weg. Ich habe es oft gesagt und wiederhole es. Ich stehe der Regierung von Puigdemont sehr kritisch gegenüber und es gefällt mir nicht, wie man die Dinge angefasst hat…. [Aber:] Was geschehen ist, hat fundamentale Rechte und Freiheiten aller verletzt: Katalanen, Spanier, Europäer … heute ist es Katalonien, morgen kann es irgendwo anders sein, wenn wir es normalisieren und es ungestraft bleibt, wenn wir es rechtfertigen, sind wir verloren, verlieren wir alle, verliert die Demokratie.“

Ihr voller Appell ist hier nachzulesen …

Im Original auf Facebook hier …

Hintergrund:

Ada Colau ist katalanische Aktivistin und seit Juni 2015 Bürgermeisterin von Barcelona. Die basisdemokratische Plattform Barcelona en Comú, die auch von Podemos unterstützt wurde, errang mit ihr als Spitzenkandidatin die meisten Mandate bei den Kommunalwahlen vom 24. Mai 2015.

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