Offener Brief zur momentanen Situation der Heilmittelerbringer

29. März 2020 | Politik | 1 Kommentar

Uns erreichte ein offener Brief einer halleschen Ergotherapeutin, in der sie die Situation der Heilmittelerbringer (Physio-, Ergotherapie-, Logopädie-, Podologiepraxen) schildert. Wir veröffentlichen ihn ungekürzt:

„Sehr geehrter Herr Minister Spahn, sehr geehrte Bundestags- und Landtagsabgeordnete,

ich wende mich an Sie, weil ich in Sorge um meine wirtschaftliche und berufliche Existenz bin. Wir haben unsere Praxis nach gründlichen Überlegungen ab 13.03.2020 geschlossen.
Auch wenn ich Ihnen unseren Fall schildere, so weiß ich, dass alle Heilmittelpraxen, also nicht nur Ergotherapie-, auch Physiotherapie-, Logopädie- und Podologiepraxen davon betroffen sind. Manche Praxen versorgen im Moment nur die Patienten, deren gesundheitlicher Zustand eine Unterbrechung der Therapie nicht gestattet. Einige, so wie wir sind komplett geschlossen. Das hat mit dem sehr unterschiedlichen Behandlungsprofil unserer Patienten zu tun.
Ich möchte Ihnen gern unsere Probleme ins Verständnis bringen. Wir, die Heilmittelerbringer, sind im Moment mehrheitlich liquide. Das hat mit der Art der Abrechnung mit den Krankenkassen zu tun. Wir gehen 3 Monate in Vorleistung und können dann erst Heilmittelverordnungen mit den Krankenkassen abrechnen. Für uns und alle anderen Heilmittelerbringer bedeutet das mehrheitlich, nicht jetzt droht die Insolvenz, sondern ab Mai / Juni wird sich zeigen, welche Praxen überleben und welche nicht. Im Oktober 2019 gab es dankenswerter Weise von Herrn Minister Spahn eine auf den Weg gebrachte Preisanpassung für unsere Leistungen. Auch das hat mit 3 monatiger Verzögerung gegriffen, d. h. im Dezember / Januar konnten wir davon profitieren. Ab März gibt es nun massive Einbrüche. In 2 – 3 Monaten kann kein Unternehmen einen Puffer erwirtschaften, von dem es Komplettausfälle finanzieren kann. Die Vergütungen für meine Leistungen und für alle anderen Heilmittelerbringer sind in der Vergangenheit so gering gewesen, das die Praxen buchstäblich von der Hand in den Mund gewirtschaftet haben.
Alle derzeitigen Angebote von Krankenkassen, Politik und Banken greifen in der Heilmittelbranche nicht wirklich. Das ist ein Aufschieben des Problems, welches die Ausfälle und das entstandene Loch nicht schließen können.

Wir fordern im „Rettungsschirm“ der Bundesregierung für die entstandenen Ausfälle bedacht zu werden, das ist bisher nicht geschehen.

Mit diesem offenen Brief möchte ich Verständnis für unser sehr spezielles Problem wecken und auch auf unsere schon seit vielen Jahren sehr prekäre Situation aufmerksam machen. Auch die Heilmittelerbringer sind ein wichtiger Baustein bei der medizinischen Versorgung der Menschen in diesem Land.“

Sirikit Al Ahmad, Ergotherapeutin

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